Monatsarchiv für April 2009

oliristau

Kapitel 2 – Leons Einstieg (2)

Als er sich verzweifelt umsah, erblickte er seinen Flugnachbarn einen Rollkoffer ziehend auf das Café zusteuern. Er lachte Leon an: „Na, auch noch hier? Ich hole mir erst mal einen Kaffee. So viel Zeit muss sein. Denn der spanische Kaffee ist dem in Deutschland um Klassen überlegen. Gerne bring ich Ihnen einen mit. Mit Milch?“

Leon starrte ihn wie einen Fremden an. In seinem Gehirn ging es zu wie auf einer Festplatte, die ewig rechnete, um ein Programm zu starten. Schließlich presste er ein „Ja, gerne“ hervor.

Lichtmann sah ihn wohlwollend an, während der Dampf des heißen Kaffees an seinem Gesicht vorbeizog.

“Manchmal passieren Sachen, die gibt es gar nicht“, begann sein Gesprächspartner. „Kürzlich etwa war ich zu einem Termin mit einem potenziellen Kunden nach Berlin gereist. Doch dieser Mensch hatte an jenem Tag trotz der Absprache keine Zeit. Ich stand wie ein Idiot am Empfang des Unternehmens, und die Dame sagte zu mir: ´Tut mir leid. Herr Möller kann Sie heute nicht empfangen.’ Keine Erklärung, kein Wort des Bedauerns. Aber ich habe beschlossen, mich nicht mehr über andere zu ärgern. Ich versuche es positiv zu sehen. Und wissen Sie was? Ich hab mir einen freien Tag in Berlin gegönnt, spontan einen alten Schulfreund besucht und hatte eine wunderbare Zeit. Hinterher war ich diesem Möller richtig dankbar.“

Er machte eine Pause und nahm einen Schluck der heißen Brühe. „Und bei Ihnen? Warten Sie noch auf Ihre Kontaktperson?“, fragte er.

„Die Organisation ist offensichtlich schiefgelaufen. Niemand ist für mich hier. Ich habe keinerlei Informationen“, sagte Leon ärgerlich und überspielte die Kränkung, die er wegen der Missachtung durch seinen Partner empfand.

„Und was machen Sie jetzt?“

Leon zögerte, und bevor er etwas sagen konnte, sprach Paul Lichtmann weiter: „Kommen Sie doch mit in mein Hotel. Ich treffe mich heute im Vorfeld der Konferenz, von der ich Ihnen erzählte, mit Managern aus der Solarbranche. Und ich weiß aus Erfahrung, dass viele deutsche Mittelständler in Computerfragen noch weit hinter dem Mond leben. Ihr Know-how könnte allen nutzen“, versuchte er ihn zu motivieren.

„Akquisitionen mache ich normalerweise nicht. Dafür ist mein Partner zuständig“, sagte Leon kleinlaut, unsicher wie ein verlorenes Kind.

Sein Gesprächspartner sah ihn verständnislos an: „Sie müssen wissen, was Sie tun.“

Leon fühlte sich minderwertig. ‚Aber ich bin doch Geschäftsführer’, meldete sich ein schwaches Stimmchen in ihm.

Lichtmann wollte sich gerade erheben, da hielt Leon ihn zurück: „Warten Sie. Ich habe keine andere Wahl. Gerne nehme ich Ihr Angebot an.“

Aufgeregt verließ er mit seinem neuen Bekannten, der sich über Leons Sinneswandel nicht zu wundern schien, das klimatisierte Flughafengebäude.

Ein leichter warm-feuchter Wind blies ihnen entgegen, als sie die Spitze der wartenden Taxenkolonne ansteuerten. Sie stiegen ein und ließen sich durch die von Baustellen durchzogenen Vorstädte der Millionenmetropole fahren, bis das Taxi nach zwanzig Minuten auf einen großen Platz zusteuerte, in dessen Mitte ein gigantischer Brunnen thronte. Das Monument aus der Zeit um 1900 ruhte auf von der Antike inspirierten Säulen mit schwülstigen Kapitellen. Mädchenfiguren, die wie im Bade Wasser vergossen, waren der Hintergrund für die schäumenden Wasserfontänen, die sich vom Verkehr unbeeindruckt in den Himmel warfen. Das dreiseitige Dach des Brunnens zierten eine modernistische, hochgewachsene Frauengestalt, die ihre Hände zum Himmel reckte, mehrere Jugendstillampen und Krüge. Auf dem grünen Rasen rundherum hatten sich Menschen niedergelassen, die sich immun gegen den anbrandenden Verkehr eine Pause gönnten. Das alte Bauwerk überragte die beiden merkwürdigen Kopien des venezianischen Glockenturms am Südausgang und die Stierkampfarena gegenüber. Von ihr existierte nur noch die rotsteinige Fassade, die wie Leon erstaunt feststellte auf Stahlstelzen ruhte und der weiteren Sanierung harrte. Leon entzifferte die Jahreszahl 1890, die über dem ehemaligen Eingangsportal der ovalen Arena prangte. Überall fuhren Autos, Motorräder, Busse, Polizeiwagen, Taxen, Lkws um den Platz herum, hinein, hinaus, standen, blinkten, hupten.

Der Taxifahrer murmelte „Plaza de Espanya“, und als Leon anerkennend nickte, lächelte der Chauffeur und erklärte ihnen, dass er nun die „Gran Via“ hinabfahren werde, die mitten und schnurgerade durch Barcelona hindurchführe. Die sechsspurige Straße wurde in regelmäßigen Abständen von Platanen gesäumt, hinter denen sich aufwendig verzierte Bürgerhäuser des späten 19. Jahrhunderts erhoben. Bei den zahlreichen Ampelstopps konnte Leon das geschäftige Treiben auf den breiten Gehsteigen beobachten – ein Wuseln und Eilen, wie es ihm auch aus Hamburg bekannt war, das sich hier aber wie vor einer Filmkulisse abspielte. Da ein Türmchen, zwei, drei, vier Fresken, geschwungene Balkongeländer, Kuppeln, Kacheln, Farben.

Das Ensemble der mondänen Jahrhundertwendegebäude setzte sich fort, als der Fahrer seinen Wagen in eine Seitenstraße lenkte und zwei Blocks weiter vor einem dieser Bauten stehen blieb. „Hotel Viento“, sagte er und sie stiegen aus. Ein Portal in Marmor, klassizistische Säulen, Treppengeländer aus geschnitzten Holzläufen, reichr Stuckaturen an den Decken. Die Rezeption schien aus einem Stück Stein gemeißelt. In den Fächern im Hintergrund warteten Schlüssel.

„Brauchen Sie ein Zimmer?“, fragte ihn Paul Lichtmann.

Leon fühlte sich wie in einem Traum, inmitten einer virtuellen Szenerie.

„Lassen Sie mich überlegen“, antwortete er zögernd und überrascht über die Tatsache, dass sich diese Frage tatsächlich stellte. Er versuchte, rational zu bleiben: Einen Rückflug hatte er nicht. Wahrscheinlich würde sich auch Deseos Auftrag früher oder später klären. Außerdem würde er es kaum schaffen, zum verabredeten Abendessen zurück in Hamburg zu sein. Wenn er aus beruflichen Gründen auf das familiäre Kaffeekränzchen verzichten musste, wertete er en passant seinen Status als Geschäftsmann auf. Seine Schwiegereltern unterstellten ihm ohnehin latent, sein Geld mit Computerspielen zu verdienen.

„Ja, ich bleibe“, stellte er klar und wandte sich an den Mann am Empfang, der streng zurückgekämmtes und gefettetes schwarzes Haar trug. Mit kribbelnder Bauchdecke nahm er die Schlüssel entgegen. Er verabschiedete sich von Lichtmann, der ihm versicherte, ihn bis zum Mittag zu informieren, wann und wo das Geschäftstreffen stattfinden werde.

Als er mit dem Fahrstuhl aufwärtsfuhr, kam er sich wie das Kind von früher vor, das sich verbotene Abenteuer und Geschichten ausdachte. Er war gerade über seinen Schatten gesprungen einen Schatten, der irgendwann in seiner Kindheit aufgetaucht und mit den Jahren immer größer geworden war.

Erregt schloss er das Zimmer Nummer 88 auf und trat ein. Er sah zur Rechten einen eleganten alten Ledersessel, auf den er sich fallen ließ. Der war bequem! Er schrieb Jeanette eine SMS und trat dann auf den kleinen Balkon mit dem schwarzen schmiedeeisernen Geländer hinaus, von dem aus er den rauschenden Verkehr beobachtete, bis ihm eine Bar auf der anderen Straßenseite auffiel, in dem einen Kaffee trinken wollte.

Am Himmel zogen kleine Wolkenberge vorbei. Die Sonne hatte inzwischen das fahle Grau des Vormittags blau eingefärbt. An einem Kiosk erwarb er einen Stadtplan. Die Bar war wenig besucht. Er setzte sich an den Tresen und bestellte einen Cortado, einen kleinen Espresso mit Milch. Er faltete die Karte auseinander und überflog das Straßengewimmel. Der Wirt sah ihm interessiert zu und bot sich an, ihm zu zeigen, wo sie sich befanden. Leon reichte ihm den Plan herüber, und der korpulente Mann kramte seine Brille unter der mit blau-weißen Kacheln beklebten Bar hervor. Er studierte die Karte und platzierte seine Zeigefingerspitze mittenrein.

„Hier vorne die große, das ist die Aragon, und da hinten liegt die Kreuzung Aribau“, erklärte er. „Von hier sind es nur ein paar Meter bis zur Plaza Catalunya.“ Er fragte Leon nach seiner Heimat. „Ah, Deutschland. Hamburgo. Wie heißt Ihr Verein? HSV? Oh, der Fußball“, sinnierte er und sah über Leon hinweg in eine imaginäre Ferne hinter der Wand seiner Bar. „Ich komme zwar aus der Nähe von Sevilla, aber ich bin ein großer Barca-Fan. Sehen Sie hier das Bild“, fuhr er stolz fort wie jemand, der viel erreicht hat, „da ist Johan Cruyff, der größte Trainer Barcas, und daneben, das bin ich.“

Er kehrte ins Hotel zurück und wollte gerade die Rezeption auf dem Weg zum Fahrstuhl passieren, als ihm der Pomadenmann am Empfang ein Zeichen gab.

„Diese beiden Nachrichten sind für Sie abgegeben worden.“ Er nahm die Zettel in Empfang. Auf beiden war das Logo des Hotels eingedruckt. Der erste kam von Paul Lichtmann, der ihn bat, um vierzehn Uhr einen Besprechungsraum im Untergeschoss des Hotels aufzusuchen. Während diese Notiz gut lesbar war, hatte er Mühe, die krakelige Handschrift auf dem zweiten Zettel zu entziffern: „Herr Steiner, wir erwarten Sie heute um halb fünf im Cafe Logroño in der Calle Villaroel, Ecke Mallorca.“ Eine Unterschrift fehlte.

„Wer hat das hier abgegeben?“, fragte er den Concierge.

„Niemand. Ein Anrufer hat mir den Text diktiert.“

„Und hat er seinen Namen nicht hinterlassen?“

„Steht er da nicht? Ich habe ihn wohl vergessen aufzuschreiben. Ich kann nicht an alles denken“, sagte er, als wäre es Leons Schuld. „Ich bin alleine hier und …“

„Schon gut, haben Sie eine Telefonnummer?“

Doch auch damit konnte der Mann nicht dienen. Leon nahm an, dass Deseos Kunden die Nachricht hinterlassen hatten. Offenbar hatte sein Partner sie benachrichtigt, nachdem er das Band im Büro abgehört hatte. Dann war ja doch alles gut. Leon war zufrieden, dass endlich Licht in die verworrene Angelegenheit kam. Natürlich wollte er Näheres zu dem Auftrag wissen, und er versuchte erneut, seinen Managementpartner zu fassen zu bekommen, doch wieder hatte er kein Glück. Es war mittlerweile dreizehn Uhr – erstaunlich, dass er niemanden erreichen konnte.

Ich sitze mit vernünftigen Menschen zusammen, Unternehmern, Journalisten, Freaks – und alle schütteln den Kopf. Bad Banks muss man doch gar nicht erst gründen, vom Sinn her sind sie es ja schon. Aber als schlecht empfanden es die Banker ja nie, wie Ackermann 25 % Rendite im Bankgeschäft zu erwirtschaften, das kann ja nur mit schlechten Dingen zu gehen: wie Hypothekenkredite von McDonalds-Angestellten oder Zeitungsverkäufern zu handeln, die ihr Haus nie abbezahlen können. Sind denn Schulden wirklich wie Schweinehälften oder Öl? Ja und, antwortet der Banker der Deutschen Bank gelangweilt, in deren Bilanz noch mehr Müll lagert als in allen Halden der Welt.  Wie bei Kettenbriefen und Schneeballsystemen müssen sich nur genug Dumme finden, die am Ende zahlen. Dieser Dumme hat diesen Text geschrieben oder liest ihn gerade, denn wir alle werden dafür bluten müssen, wenn es in einigen Jahren gar kein Geld mehr für Bildung, Straßen, Kinderbetreuung oder sonst eine für Bad Banks überflüssige Sozialromantik gibt, denn der Staat wird alles für seine Garantien bezahlen müssen, die er den Schmutzbanken für ihren verbrecherischen Mist gibt. Jedem Vertreter, der einem solch einen Dreck andrehen will, würden wir die Tür vor der Nase zuknallen. Aber den Bad Bankern muss ja geholfen werden, den armen, armen Finanzjoungleuren, die es ja alleine nicht schaffen, wie die FDP mitfühlend bemerkt.

Diese Wettstuben müssen verstaatlicht werden. Schließlich hat der Staat auf Glücksspiele ein Monopol.

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Kaoitel 2 – Leons Einstieg (1)

Das erste Kapitel ist beendet und hier geht es mit der Nummer Zwei weiter. Wer ist Leon? Will er auch in die Sekte? Ist er drogenabhängig oder ein schluffiger Spießer? Bin ich es oder du? Fragen über Fragen…Zeit, die Wirklichkeit sprechen zu lassen

Leons Einstieg

 

Schlaftrunken kam sie ihm entgegen.

„Warum bist du nicht liegen geblieben?“, fragte er vorwurfsvoll.

„Ich konnte nicht mehr schlafen“, antwortete sie müde.

Er nahm sie ihn den Arm, drückte sie an sich und küsste sie auf die Stirn. „Ich muss los.“ Draußen schaute er zum Fenster, hinter dem sie stand und ihm zuwinkte. Er sah sie lächeln und warf ihr einen Kuss zu. Der Wagenschlag des Taxis klang dumpf in der feuchten Luft des frühen Morgen.

Er war missgelaunt, weil er schon wieder weg

musste. Wahrscheinlich nach Dresden. Am Vorabend hatte er von Deseo nur eine SMS erhalten, in der es hieß: „Sei morgen am Flughafen. Übliche Zeit. Tickets wie immer.“

Das Taxi hielt am neuen Terminal 2. Trotz der frühen Stunde drängten sich viele Geschäftsleute auf den Fluren des himmelhohen Saals. Wie üblich steuerte er den Lufthansa-Schalter an, wo die Tickets hinterlegt waren.

„Guten Morgen.“ Die Frau mit dem Kranich auf der Jacke holte einen hellgrauen Umschlag hervor. Innen verbarg sich neben dem Ticket ein Zettel.

„Hallo Leon, wundere dich nicht, sondern nimm die Herausforderung an. Wir werden reich und glücklich. Gruß D.“

‚Jetzt schreibt er mir schon philosophische Botschaften’, beschwerte er sich. ‚Die sollen wohl meiner Motivation dienen.’ Und es wird sich doch wie immer um die gleichen und dringend notwendigen technischen Anpassungen oder Reparaturen handeln. Die Kunden hatten zum Teil ja wirklich Antiquitäten auf und unter ihren Schreibtischen stehen. Hauptsache, ich bin heute Abend wieder zurück, damit wir rechtzeitig bei Jeanettes Mutter sein können. Zum Geburtstag gibt’s bestimmt wieder Streuselkuchen und später will mich Horst von seinem spanischen Schnaps überzeugen. Der immer mit seinem „Komm, Leon, trink doch mal einen.“ Nur damit er jemanden hat, der sich mit ihm ein Glas Alkohol genehmigt.

Er wusste, dass der Flug nach Dresden immer um halb acht startete. Deshalb stutzte er, als er 7 Uhr 50 las. Na ja gut, kann sein. Er wollte das Ticket gerade wieder einstecken, als er eine viel gravierendere Änderung des alltäglichen Ablaufs entdeckte. Der auf dem Flugschein eingedruckte Name des Zielflughafens war nicht Dresden, sondern Barcelona.

Er machte kehrt. Das war wohl ein Scherz von Deseo, und er kramte hektisch sein Mobiltelefon hervor.

„Guten Tag. Das ist die Mailbox von …“ Wütend schaltete er das Ding wieder aus.

Es war lange her, dass er das letzte Mal in Spanien gewesen war. Aber die Küche hatte er jedenfalls nicht vergessen. Trotz de frühen Stunde kamen ihm eine Reihe köstlicher Leckereien in den Sinn: die Fleischbällchen in scharfer Soße, die Champignons mit geröstetem Knoblauch, die kleinen grünen Paprika mit grobem Salz oder die knusprig gegrillten Hühnchenteile. Diese Bilder waren ein extremer Kontrast zu dem zu erwartenden trockenen Streuselkuchen, den es immer bei seiner Quasi-Schwiegermutter gab. Er erinnerte sich an die lebhafte Atmosphäre einer spanischen Bar und verglich sie unwillkürlich mit der beigen Sitzgruppe, dem Schrank mit dem Kunststofffurnier und den braunen Tapeten bei Jeanettes Eltern, wo es oft müffelte.

Seine Entscheidung stand fest. Er ging durch den Zoll und begab sich ohne Umwege zu seinem Gate und nahm ein paar für die Fluggäste bereitliegende Zeitungen aus den Ständern. Er blätterte sie nervös durch, ohne mehr als zwei Sätze pro Seite zu lesen. Wiederholt sah er auf die Uhr. Nach einer Ewigkeit betrat er endlich die Gangway.

Es dauerte eine Weile, bis er endlich im Gedrängel prüfendet Augenpaare seinen Platz einnehmen konnte.  

Die virtuellen Stewardessen begannen, auf den Monitoren das Anlegen der Rettungswesten zu demonstrieren. Leon starrte sie an und begann sich innerlich darüber zu beklagen, dass sein Partner Auslandskontakte aufbaute, ohne ihn darüber in Kenntnis zu setzen. Aber es schien wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass er in Geschäftsfragen die zweite Geige spielte. Die Turbinen wurden angeworfen und das Flugzeug beschleunigte. Er wurde in seinen Sitz gedrückt und der Airbus hob ab. Die zurückweichenden Straßen verwandelten sich in Adern, in denen Autos wie Lichtkörper pulsierten. Es hatte längst zu dämmern begonnen, aber der Himmel war grau und schluckte noch den größten Teil des frühen Sonnenlichts. Als sie über die Elbe flogen, blickte er gebannt auf die riesigen Scheinwerfer des Hafens. Er glaubte einzelne Schweißfeuer auf den Schiffswerften zu erkennen. Die Lichter schrumpften, sie flogen über ein dunkles Waldstück, bis der Pilot die Maschine durch die rumpelnde Wolkenschicht steuerte und das Land unter ihnen verschwand.

Je weiter sie sich von seiner Heimatstadt entfernten, desto nervöser wurde Leon. In diesem Moment sprach ihn sein Sitznachbar an:

 „Kennen Sie Barcelona?“

Der Mann um die fünfundvierzig trug ein himmelblaues Businesshemd, über das sich eine kupferfarbene Krawatte wand. Das dunkelblonde Haar fiel ihm in die Stirn.

 „Leider habe ich die Adresse meines Hotels im Büro vergessen.“

 „Mir geht es ähnlich wie Ihnen“, reagierte Leon umgehend, der aus einem unerklärlichen Grund Vertrauen zu seinem Nachbar gefasst hatte. „Ich weiß nicht, wo es für mich hingeht. Ich kenne weder Zeit noch Ort, selbst über die Identität meiner Geschäftspartner bin ich nicht informiert.“

„Das muss nicht schlecht sein“, reagierte sein Nachbar warmherzig und stellte sich als Paul Lichtmann vor. „Wenn wir nicht wissen, was uns bevorsteht, können wir uns auch nicht darauf einstellen. Damit bleiben wir flexibel.“

Leon war nicht sicher, ob das stimmte. „Es ist etwas ungewöhnlich. Normalerweise würde ich mich jetzt auf den Termin vorbereiten“, sagte er.

„Wie die meisten unserer Mitflieger“, entgegnete Lichtmann flüsternd und sah ihn grinsend an. „Sehen Sie sich um!“

In der Tat war die Mehrheit der Fluggäste in das Studium von Papieren und Unterlagen vertieft.

„Aber dann wären wohl auch Sie nicht besonders offen für ein Gespräch“, lächelte er.

„Das stimmt wohl. Aber meinen Sie wirklich, dass man die Zukunft einfach auf sich zukommen lassen sollte? Was da alles passieren kann!“

„Unbedingt“, entgegnete Lichtmann entschieden. „Es soll doch etwas passieren. Das Leben wäre sonst langweilig.

Sein Sitznachbar erklärte ihm, dass er als freier Unternehmensberater arbeite und zu einem Kongress reise, der die Entwicklung der Solartechnologie zum Thema habe.

„Früher zählte ich Firmen aller Branchen zu meinen Kunden. Ich war wahllos und arbeitete für jeden, der genug zahlen konnte.“

Leon wollte mehr wissen. „Oder ist das indiskret?“

Lichtmann lächelte. „Keineswegs, man muss zu seiner Vergangenheit stehen. Damals gehörte ich zu der Riege neoliberaler Berater, die eigentlich nur eine Empfehlung kannten, nämlich Menschen zu entlassen, ihnen den Lohn zu kürzen oder sie stärker zu kontrollieren. Das übliche Schema: das Versagen der Manager auf die Rücken der Arbeitnehmer abwälzen.“

Er sinnierte einige Momente, wobei er seinen Blick auf die Rückenlehne vor ihm heftete. „Eines Tages verließ ich eine Vorstandssitzung, auf der ich das zweifelnde Management davon überzeugt hatte, den ganzen Laden in Deutschland dichtzumachen und nach Osteuropa zu verlagern. Betroffen waren 2.500 Menschen. Als ich aus dem Gebäude kam, standen da Hunderte Männer und Frauen in eisiger Kälte, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstrierten. Eine Frau hatte ihr Kleinkind auf dem Arm, dem der Rotz an der Nase festgefroren war. Es sah mich an und lächelte, dann griff es mit seinem Händchen nach mir. Die Menschen wussten nicht, dass gerade ihr Henker vorbeilief. Die Frau fragte nur verzweifelt: ‚Wovon soll ich meinem Kleinen dann noch Schuhe oder etwas zum Spielen kaufen?’ Lichtmanns Stimme stockte. „Ich trug einen edlen Anzug aus der Londoner Savile Row und teure italienische Schuhe. Mir wurde bewusst, dass ich Klamotten für locker 10.000 Euro im Schrank hängen hatte. So viel Geld verdiente ihr Mann in drei Monaten mit einem Job, den ich gerade abgeschafft hatte. Noch bevor ich den Platzplatz erreichen konnte, musste ich mich übergeben. Streikende boten mir sogar noch ihre Hilfe an, dabei hätte ich mich nicht beklagen könne, wenn sie mir auch noch die Fresse poliert hätten. Ich bin nie wieder in dieses Unternehmen zurückgekehrt.“

Das Flugzeug landete und rollte aus. Während ein Bus sie zum Terminal brachte, verflog Leons Leichtigkeit wieder. Er spürte das Unbehagen vor dem Unbekannten in ihm aufsteigen. Sein Magen zog sich zusammen. Was hatte er hier zu schaffen? Vielleicht wäre der Streuselkuchen von Inge…? Er näherte sich eher widerwillig dem Ausgang, fast als scheute er den Schritt durch die Absperrung des Zolls. Er fühlte sich von den Zöllnern gemustert und bekam Angst, dabei ertappt zu werden, wie er über die Stränge schlug. Da waren die Schiebetüren, jetzt öffneten sie sich mit sanftem Zischen und gaben den Blick frei auf die bunte Menschenmenge, die hinter der Absperrung wartete. Da wird nun einer stehen, ein Schild mit meinem Namen vor sich halten und mich in ein stilvolles und angenehm klimatisiertes Hotel oder Unternehmensgebäude fahren.

Er las die Schilder: „Señor Martinez, Corporacion Elsa“, „Doktor Herzler, Banco Franco“ und zweimal „Minex“. Seinen Namen gab es nicht. Auch wenn die Schilderträger ihn wegen seines suchenden Blicks erwartungsvoll ansahen, als sei er der Messias ihres Jobs: Keiner war für ihn gekommen.

Zur rechten Hand machte er ein Café aus und ließ sich wie ein Sack auf einen freien Stuhl fallen. Er zog sein Handy aus der Tasche wie eine Pistole und hämmerte Deseos Nummer in die Tastatur. Wieder meldete sich nur der Anrufbeantworter.

Scheiße, Scheiße, Scheiße. Was soll ich hier? Ihm wurde schwindelig.

. ‚O.K., ich schau jetzt erst mal nach, wann mein Rückflug geht’. Er fischte in seinem Umschlag herum. Normalerweise waren Hin- und Rückflugschein ja aneinandergeheftet. Doch außer dem Beleg für die Verbindung Hamburg–Barcelona gab es nichts. Hektisch durchsuchte er seine Jackett- und Hosentaschen. Doch das erlösende Gefühl, das sich beim Finden eines verzweifelt gesuchten Stückes einstellt, blieb aus. Er hatte – de facto – nur ein One-Way-Ticket erhalten. Das machte ihn fertig. Seine Systeme rebellierten. Er suchte nach dem Fehler dieser Konstellation. Ohne Erfolg. Panik breitete sich wie ein Brand aus.

 

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Karfreitag: Meh-Dorn im Fleisch

Na das passt: Lasst uns mal alle zum Karfreitag die Meh-Dornenkrone aufsetzen und Buße tun für unsere Sünden der Nörgelei an der Arbeit und den Verdiensten unseres gekreuzigten Bahnchefs Hartmundus. Verdienste muss man wirklich sagen. Denn das Millionengehalt und die Abfindung (Mehdornsche Abwrackprämie) sind ja mehrere Verdienste.

Wir sind doch alle nur neidisch darauf, mit unseren Leben und Jobs nicht so toll und effizient zu sein wie der Bahntyp mit dem Dorn in der Person. Personalabbau, Streckenstilllegungen, Bespitzelungen, Durchsuchungen von Mitarbeitern: das dient doch alles nur einem guten Zweck: der Gewinnmaximierung des Unternehmens. Das braucht es doch dringend in unserer Shareholder-Velt. Wir sollten Mitleid haben, denn der Bahngewinn ist 2008 um ein Drittel auf nur noch 1,3 Mrd. Euro zusammengeschrumpft. Deshalb musste das Gehalt des Dornenmanns extrem leiden. Nur noch 2 statt 3 Millionrn gabs für dieses VERSAGEN.

Schade, dass der gesalbte Ex-Bahner nicht weiter machen darf. Der hätte mit Sicherheit noch da Kosten eingespart, wo es niemand vermutet, etwa in dem er alle Züge zur Erzielung eines Sondergewinns an Liebhabervereine verkauft, das Streckennetz an eine Heuschrecke platziert und die Bahn zu einem Immobilienkonzern und Dienstleister für Datenermittlung umbaut. Wofür brauchen wir schließlich in Zeiten der Abwrackprämie die Bahn?

Doch stattdessen wird unser Hartmut abgewrackt,  wir sollten Mitleid haben und nicht auf seine Millionenprämie schimpfen. Gerade zu Karfreitag gilt: menschliche Werte sind scheiße und gehören ans Kreuz. Das Profitdenken muss schnell wieder auferstehen. (Dieser Satz wurde ihnen präsentiert von der WirtschaftsWoche, dem Blatt des neoliberalen Widerstands)

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Kapitel 1 – Kurstableau (3)

Deseo und Donald beschlossen, noch ein Bier zu trinken. Deseo hatte definitiv Gesprächsbedarf. Während die anderen Teilnehmer noch um die Sugarcanes wie gackernde Hühner umherscharwenzelten, verabschiedeten sie sich. Nach wenigen Metern lag die Vergnügungsmeile der Reeperbahn vor ihnen, die ihren Namen der historischen Tatsache verdankt, dass hier einstmals Schiffsseile geflochten wurden. Heute kamen hier nur noch die unsichtbaren Seile zum Flechten kurzfristiger körperlicher Beziehungen zum Einsatz, so wie auf dem Kopfsteinpflaster des zur Hafenstraße leicht ansteigenden Hans-Albers-Platzes. Während die Kneipen am Wochenende vor Vergnügungswütigen überquollen, gingen draußen aufreizend drapierte Damen wie Fischerinnen auf Freierfang. An Touristen, Einsamen, Halbstarken, die ihren Mut beweisen wollten, und Betrunkenen, die ihre Hemmungen am Tresen heruntergespült hatten, gab es freitags und samstags keinen Mangel. Sie ließen sich auf der Straße locken, in den Kontakthöfen, durch die Fenster der Herbertstraße.

Am Sonntag verirrten sich dagegen nur wenige Besucher auf den Kiez – die Ruhelosen, die nach wie vor Einsamen und Menschen wie Deseo und Donald, die nur mal ein oder zwei Bier zusammen trinken und sich unterhalten wollten.

Sie erreichten die Hafenstraße – einstmals wohl die rebellischste Meile der Republik. Die Krawalle waren lange verklungen, die Besetzer von einst besaßen Mietverträge und führten ein normales Leben. Nur den Blick auf die Elbe gab es noch und das Schild vom Onkel Otto, der früheren Anti-Establishment-Kneipe par excellence, wo sich Hausbesetzer, Punks und alle anderen trafen, die etwas gegen das „Schweinesystem“ hatten.

Wo früher regelmäßig umfangreiche Bulleneinsätze tobten und Wasserwerfer anrollten, gab es heute Szenekneipen für Jedermann, wo der Gast unbesorgt im gepflegten Dress und mit Mercedesstern vorfahren konnte.

Der Immobilienwahn, der St. Pauli, die Elbuferstraße und den Fischmarkt in den letzten Jahren mit einem künstlichen Zuckerguss aus Neubauten überzogen hatte, machte auch vor der Hafenstraße nicht halt. An der Rückseite der einstigen Besetzer-Avenue, wo vor Jahren krawalllustige, biertrinkende und kiffende junge Menschen jeden Anzugträger mit Farbbeuteln traktiert hätten, präsentierte sich heute ein schickes und vornehmes Restaurant – weiße Tischdecken, gesteifte Kellner: „Sehr wohl, der Herr, darf es eine Barbe auf Möhrchenschaum sein? Oder als Plat du Jour Antikapitalistennierchen im Dialog mit Bierdöschen und zum Dessert noch einen Schlag in die Fresse?“

Genau dort, an einer von der Hafenstraße im Bogen abzweigenden Sackgasse, lag die „Amphore“, früher ein Puff, heute eine Kneipe und Bar im Souterrain mit Biertischen auf dem Bürgersteig. Deseo und Donald nahmen Platz und ließen ihre Blicke über den Fluss und den Hafen schweifen. Gegenüber prahlten die wuchtigen Docks von Blohm & Voss mit einem riesigen und hell erleuchteten Kreuzfahrtschiff. Die Dämmerung zog sich an diesem lauen Frühlingsabend im Mai in die Länge. Der Himmel über der Elbe war in ein meerfarbenes Dunkelblau getaucht. Modriger Geruch drang vom Fluss herauf. Eine Kellnerin stellte sich in den Blick.

Donald orderte zwei Astra bei ihr. Deseo sah ihn erschrocken an. „Es scheint mir, die Stillosigkeit färbt ab“, sagte er.

Donald zuckte die Schultern und entgegnete gut gelaunt: „Ist doch Kult, darauf kommt es an.“

Deseo verzog sein Gesicht zu einer Grimasse des Unwillens, als die kräftige Kellnerin kurz darauf die Proll-Knollen auf den Tisch knallte.

Distanziert musterte er sie, als stünden sie in einem Museum: „Donald, ich weiß nicht recht, was ich von deinen Sugarcanes halten soll. Besonders süß ist ihre Medizin ja nicht. Im Gegenteil: Die heizen ihren Kunden ganz schön ein. Findest du das in Ordnung?“

„Das darfst du nicht persönlich nehmen, Deseo, auch wenn ich zugeben muss, dass du heute ordentlich rangenommen wurdest. Aber deine Reaktion war goldrichtig. Du hast dich verteidigt, und zwar mehrmals. Das kommt bei denen gut an. Aber erst mal Prost.“

Sie stießen an und nahmen einen kräftigen Schluck.

„Ist das ihre Methode?“, wollte Deseo genauer wissen. „Seelenstriptease?“

„Also mir haben sie auch schon einen eingeschenkt. Sie sagten, ich wäre zu materialistisch, deshalb hielte es auch keine Frau länger als vier Wochen bei mir aus. Dann haben sie versucht, mir weiszumachen, ich versteckte mich hinter einer Fassade, zeigte keinem, wer der wahre Donald sei, und ich muss sagen, sie haben recht“, sagte er gleichgültig.

„Ich will gar nicht, dass ´ne Frau länger als vier Wochen bei mir ist. Siehst du das nicht genauso? Und diese dauernde Gefühlsregung, die man dann zeigen muss, ist auch nicht mein Ding.“

In der Tat: Gefühle zu zeigen – darum konnte es nicht gehen, dachte Deseo, weder in den Kursen noch in diesem Gespräch hier. „Aber was soll das bringen, dass sie ihre Kunden fertigmachen?“

„Ach, das musst du sportlich nehmen“, sagte Donald und trank sein Bier aus.

„Du bist doch sonst auch nicht so gefühlsduselig. Wichtig ist, dass du die finanziellen Vorteile siehst. Man wird abgebrühter, wenn man seine Emotionen kontrolliert oder besser noch …“ – Donald reckte den Hals wie ein eitler Schwan – „… gar keine besitzt.“

Deseo fand das denn doch ein wenig krass. Er sah ein spätes Ausflugsboot die Landungsbrücken ansteuern. Wie ferngesteuerte Figuren verließen alle Passagiere die Außendecks, um sich vor den Ausstiegsluken aufzureihen.

„Du meinst, dass ihre Behandlungen wie Prüfungen sind, kaltes Wasser, an das man sich gewöhnen soll? Damit man besser funktioniert?“

„Und zielstrebiger wird“, ergänzte sein Freund, „sich nicht durch andere von seinen Ideen abbringen lässt. Sie nennen das ‚man selbst sein’.“

Um seine permanent höhnischen Mundwinkel legte sich ein Schatten. Einige betrunkene Punks zogen vorbei und beschimpften die Gäste als Spießer und Geldsäcke. Donald sah Deseo an: „Diese Verlierer! Die sind doch nicht sie selbst. Sie laufen nur einer Idee hinterher.“ Er machte eine kurze Pause. „Wer will in unserer Welt ohne Geld leben? Die doch auch nicht. Die betteln drum. Und deshalb gibt es keine besseren Berater als die Sugarcanes. Sie haben das Finanzielle immer im Blick, denn wohlhabende Kunden so wie wir …“ – er wies dabei mit dem Zeigefinger auf seine stolzgeschwellte Brust – „… helfen ihnen, ihre Geschäfte zu sichern.“

Deseo war immer noch skeptisch: „Aber wie soll das funktionieren mit der ‚Kunst, Wohlstand zu erreichen’?“

Donald lachte und zeigte seine Zähne mit den Goldlegierungen.

„Du musst ihnen folgen – als Ratgeber. Nichts hinterfragen, sondern akzeptieren, was sie sagen. Börsenhändler wie ich orientieren sich am Kurszettel. Mach die Sugarcanes zu deinem Kurstableau und deine persönlichen Werte rauschen ab.“

Donalds Augen strahlten. Er sah jetzt aus wie die Sugarcanes nach Ende der Veranstaltung. In seiner Euphorie war er nicht mehr zu stoppen: „Ich verdiene mit ihnen richtig Geld. Kürzlich eines Nachmittags – ich fühlte mich matt und hatte keine vernünftigen Trades hinbekommen – rief ich sie out of the blue in New York an. Ich ließ mich am Telefon beraten. Sie sagten, ich sollte nicht aufgeben, meinem Ziel treu bleiben, und was glaubst du?“

Er zündete sich eine Zigarette an, nahm einen kräftigen Schluck aus der neuen Astraknolle, die die Kellnerin zwischenzeitlich gebracht hatte, und hämmerte die Flasche auf die Tischplatte.

„Plötzlich fiel mir eine Aktie ein, die ich schon lange auf der Liste hatte. Die hatte fünfzig Prozent verloren in einem Monat, ohne Grund, nur weil die Märkte es so wollten. Ich sagte mir, jetzt sind die günstig und kaufte ein paar Calls. Keine Stunde später kamen die mit einer Hammer-Gewinnmeldung und das ganze Papier ist noch am selben Tag um fünfzehn Prozent hochgegangen, die Calls um das Dreifache. Ohne den Anruf hätte ich sie nie gekauft. Nachdem ich sie abgestoßen hatte, blieb mir so viel Kohle, dass ich die Sugarcanes davon die nächsten zehn Jahre buchen kann.“

Donald lachte, sein feistes Gesicht wackelte. Die Freude über den Coup schien grenzenlos. Die Leute an den Nachbarbänken drehten sich um.

Er beruhigte sich und sprach leiser weiter, beschwörender: „Man muss klar sein und an sich denken, nicht zögerlich. Du musst dir das nehmen, was für dich am besten ist. Das gilt etwa für deinen Börsengang. Den musst du jetzt durchziehen. Du kannst damit so ein Heidengeld verdienen, sag ich dir.“

Deseo lächelte. „Ich will es versuchen. Ich habe mir vorhin einen Privattermin bei den Sugarcanes geben lassen. Vielleicht bringt es ja die Sache voran.“

„Exzellent! Lass uns noch einen bestellen“, rief Donald aus und gab der Kellnerin ein Zeichen.

„Kennst du eigentlich diese anderen Typen?“, fragte Deseo, nachdem die frischen Knollen auf dem Tisch standen.

„Ein paar nur. Die sind ein bisschen anders drauf als wir. Das hast du ja selber festgestellt. Die legen auf andere Sachen Wert, quatschen von Erleuchtung und so, wollen ihre Probleme beseitigen. Dadurch wird viel Zeit geschluckt. Aber so ist das nun einmal.“

„Ich finde diese Typen komisch. Der fette Typ mit der dicken Brille hat doch selber einen an der Klatsche“, bemerkte Deseo halb angewidert.

„Ach, der Andy, das kann sein“, pflichtete Donald ihm bei. „Aber lass die Typen so sein, wie sie sind. Sie füllen die Kurse und das ist das einzig Wichtige. Mach du nur deinen Börsengang, da kannst du auch nicht auf die Meinung jedes Idioten Rücksicht nehmen.“

Es war nach Mitternacht, als sie sich verabschiedeten. Nachdenklich trat Deseo den Heimweg an. Er wohnte im Schanzenviertel, einem der Szenequartiere der Stadt. Die Glocken einer Kirchturmuhr läuteten sanft, während er durch die nördlichen Bezirke der Reeperbahn spazierte. Schon hatte er den Paulinenplatz erreicht. `Wir müssen es schaffen. Ja, wir werden es schaffen`, sagte er halblaut vor sich hin. Im Schanzenviertel, einer Ansammlung von Straßen im Dreieck der Stadtteile St. Pauli, Eimsbüttel und Altona, flanierten ein paar Nachtschwärmer. Das Quartier mit seinen vielfach intakten gründerzeitlichen Straßenzügen hatte sich in den letzten Jahren zu einem beliebten Vergnügungsviertel auch für bessere Klientel gemausert. Eine Szenebar nach der nächsten hatte sich der alteingesessenen, halb leeren Eckkneipen bemächtigt und sie in Goldgruben verwandelt. In alte rote Backsteinfabriken waren moderne Computerfirmen eingezogen. Der Großteil der heutigen Kundschaft hätte sich zehn Jahre zuvor kaum in diese Straßen getraut, war das Viertel mit seinem besetzten alten Opernhaus Rote Flora doch das Zentrum der Mai-Krawalle gegen die Obrigkeit und damit Topterrain des Verfassungsschutzes gewesen. Snobs und Reiche waren hier ebenso verpönt gewesen wie auf der Hafenstraße. Das Viertel beherbergte damals neben den Anarchos vor allem Türken, Studenten und Drogenabhängige. Heute bezogen die Straßenzüge ihre Attraktivität wohl auch aus dieser Vergangenheit. Die Mieten waren unerschwinglich geworden. Auf dem Schulterblatt, das seinen Namen der großen Knochenplatte eines Wales verdankte, die einst Walfänger an eine Gastsstätte am Anfang der Straße gehängt hatten, sah Deseo plötzlich eine Gruppe von Schwarzen aus einem Hinterhof rennen. Sie stoben in alle Richtungen auseinander, wobei einer Deseo anrempelte.

„Sieht nach Drogengeschäften aus“, raunte ihm jemand zu, den Deseo nicht kannte. „Das ist noch das Schanzenviertel, wie es früher war. Man weiß nie, was einem hier passiert. Macht das nicht den Reiz des ganzen Lebens aus?“

Deseo murmelte: „Vielleicht“ und ging weiter. Nach wenigen Metern hatte er seine Haustür erreicht.

oliristau

Nicht Nett von Marnette

Vor wenigen Wochen habe ich für die FR ein Interview mit Werner Marnette geführt, damals noch Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein. Wir wollten wissen, warum ein früherer Wirtschaftslenker in die Politik geht. Meistens ist es ja eher umgekehrt und überpeinlich wenn ein ehemals angeblich überparteilicher Politiker einen Arbeitsvertrag mit einem Unternehmen aus genau der Branche abschließt, die er vorher reguliert hat.

Wir trafen  uns in einem Café in Kiel auf ein Stück Käse-Sahne und der kleine, hemdsärmlige Minister konnte auch nichts gegen die Matronen-Kellnerinnen ausrichten (Nein, Sie können hier nicht sitzen, es ist reserviert, stimmt, erst in 2 stunden, aber wir müssen eindecken), auch weil er sich nicht als solcher zu erkennen gab.

Der Mann war früher Chef des Kupferproduzenten Norddeutsche Affinerie. Entgegen den Gepflogenheiten der Wirtschaftswelt war er sich nie zu Schade gewesen, die eigene Sippschaft anzugreifen, etwa wenn es um zu hohe Strompreise ging. Da war er nicht sehr nett, der Herr Marnette, man hätte ihn für einen Agiatator des Verbraucherschutzbundes halten können. Deshalb waren viele Wirtschaftsvertreter froh, als er als Wirtschaftskapitän abdankte und in die Politik ging.

Bei dem Interview berichtete er, dass er bei einem Besuch in einer Schule von einem Schüler gefragt worden sei, wie die Kieler Regierung denn eine Milliarde in die Rettung der HSH Nordbank stecken könne, wenn es in seiner Schule an allem mangele. Marnette schien ehrlich betroffen, als er erzählte, dass er es ihm auch nicht habe erklären können, da er diesen Schritt für falsch gehalten habe. Das ist der Grundkonflikt, den ein jeder Mensch verstehen dürfte: Auf der einen Seite Kinder, die nichts zum Lernen, auf der anderen hochbezahlte Bankmanager, die Milliarden verzockt – und damit massive Wertberichtigungen verursacht – haben und dennoch üppig entlohnt werden.

Seine Regierungskollegen fanden das Bekenntnis des Herrn Marnette nicht so nett. Der dicke Ministerpräsident mit der überschaubaren Ausstrahlung wollte sich lieber als Retter der Fischkopp-Zockerbude feiern lassen und brauchte keine Störfeuer. Aber der Rheinländer Marnette  ließ sich nicht den Mund verbieten, trat zurück und erklärte dem Spiegel, dass die Nieten in Kiel und Hamburg – beim gediegenen Verzehr von Krabben und edlem Wein – wohl noch viele weitere Milliarden durch den Kamin blasen werden. Das sind natürlich tolle Aussichten für Hamburg und Schleswig-Holstein.

Wenn die Schulen dereinst wegen Staatsbankrott der Länder geschlossen werden müssen und Schlaglöcher mit Kuhscheiße zugeschmiert werden, werden die Herren der HSH noch von den Zinsen ihrer Boni oder ihres Grundgehaltes leben. Wenn meine Kinder wegen solcher schreienden Ungerechtigkeiten dann zu Terroristen werden sollten, werde ich Ihnen das kaum als Charakterschwäche auslegen können.

Diese Begrüßung auf wertberichtigung.com an alle, die nach Wertberichtigungen und ihren Wurzeln fahnden. Von letzteren gibt es zwar reichlich in letzter Zeit, insbesondere im Bankensektor - doch angeblich sind sie nur ein kleiner Unfall des modernen – wir würden maroden sagen -Kapitalismus wie Herr Ifo-(Un)Sinn uns weismachen will, weil er hofft, seinen mäßigen Kinnlappen auch weiterhin in die Kamaras halten zu können. Wir glauben das leider nicht, sondern wissen um den Charme,  dass Wertberichtigungen das ganze System – wie es pulst und blubbert – zentrifugieren können. Darin liegt eine große Chance wie wir finden.  Übrigens: das Wort setzt sich aus wer, ich  und Richtung zusammen. Das verstehen wir als Aufforderung, danach zu suchen.