oliristau

Vodafone übernimmt Telekom

Wenn das Telefon klingelt und eine Stimme sagt „Spreche ich mit Oliver Ristau?“ während im Hintergrund der Leitung vielstimmiges Gemurmel zu hören ist, ist klar, dass ein Callcenter-Kollege auf Fang aus ist. Kürzlich war es wieder soweit:
„Guten Tag, mein Name ist Mario Müller von Telekom Vodafone. Spreche ich mit Oliver Ristau?“
„Was möchten Sie denn“, fragte ich höflich, mich schon mal über den Firmennamen wundernd.
„Sie telefonieren noch für 17,90 im Monat. Kann das sein?“
„Ich habe meine Rechnungsdaten nicht im Kopf. Von welcher Firma rufen Sie denn an?“
„Ich bin von der Telekom Vodafone.“
Ich war begeistert: „Ich wusste gar nicht, dass die eine den anderen übernommen hat.“
Er: „Bei welchem Anbieter sind Sie denn?“
Ich: „Bei der Telekom?“
Er: „Ach so, ja dann Tschüss“ und legte auf.
Der Sinn hat sich mir zwar nicht erschlossen, doch die doofe Idee, sich als Vertreter eines fusionierten Unternehmens auszugeben, das gar nicht existiert, fand ich prima. Doch vielleicht war der gute Herr Müller nur seiner Zeit ein wenig voraus.

Moderne Ideen rufen nach modernen Menschen, sollte man meinen, allein, es ist nicht so.
Vor wenigen Wochen trudelte bei mir eine Mitteilung ein, die Fensterfirma Veluxx suche für ein Wohnprojekt mit regenerativen Energien auf der Hamburger Elbinsel eine Testfamilie. Na, habe ich gedacht, das klingt doch prima: viel Licht, Solarenergie, Regenwassernutzung, Erdwärme etc. – alles, worüber ich schon seit mehr als 15 Jahre als Journalist sinniere ohne es bisher ausprobiert haben zu können.
Fluchs mit meiner Frau und meinen beiden Jungs gesprochen, aufs Rad gesetzt, das Objekt angeschaut und festgestellt: ist ja total am A… der Welt, dafür aber etwas Innovatives, da nimmt man auch Kirchdorf-Süd in Kauf.
Also haben wir uns beworben mit Fotos und Texten, kamen in die zweite Runde, dann noch ein Video mit brillierenden Kindern und am 22.9. war es dann soweit. Kommen Sie bitte am 30.9. zum persönlichen Kennenlernen mit Velux und den betreuenden Wissenschaftlern, hieß es in der Mail.
Das sollte die letzte Runde sein, in der eine von 3 oder 4 Familien ausgewählt wird. Das war ziemlich abgefahren, doch Aufregung wich schnell dem Entsetzen: Ich rief bei der Agentur faktorX an, um zu sagen, dass ich an dem vorgesehen Termin 30.9., 15.30 Uhr, auf einer seit Wochen gebuchten geschäftlichen Auslandsreise bin und deshalb um einen Ausweichtermin bitte.
Am anderen Ende hieß es dann, das ginge nicht. Wer unbedingt in das Haus einziehen wolle, der finde schon einen Weg zu kommen.
Natürlich: eine Woche vorher Bescheid zu geben, da hat man alle Möglichkeiten. Von Andalusien nach Hamburg mittels Telepathie, Telekinese oder Scotty-Express. Klar: der nimmt auch in Kauf, Umsatz sausen zu lassen, Kunden zu verprellen, einmal geschäftlich gegebene Zusagen nicht einzuhalten, nur weil die Veluxx-Dödel meinen,  sie seien so großzügig, eine Doppelhaushälfte in HH-Wilhelmsburg für 2 Jahre Probewohnen bereit zu stellen, dass man selbst die eigene Mutter verleugnet, wenn  sie an diesem Tag ihren 76. Geburtstag feiern würde, zu dem sie schon vor sechs Monaten eingeladen hatte.
Alles nicht wichtig, nur einer zählt: Die Veluxx-Pimpanellen mit ihren Wehwehchen.
Ich fragte, ob das normal sei, eine Woche vorher und überhaupt, und ob das Sammeln von Erkentnissen beim Leben in dieser energetischen Velux-Bude
zur bessren Vermarktung hinterher nicht ein Geben und Nehmen sei und die Firma nicht an selbstbestimmten Menschen interessiert sei. FaktorX druckste und gurgelte sich ein ehrliches Bedauern undsoweiter ab, ohne zu kapieren, dass ich sowieso lieber in Altona lebe, es aber um Grundsätzliches gehe. Um besser verstanden zu werden, fragte ich nochmal, ob bei Velux (oder besser F(el)uck) bei den Töchtern künftiger Probemieter auch das mittelalterliche Recht der ersten Nacht in Anspruch nehmen wolle oder sonstige Sklavendienste verlange wie nackt auf der Solaranlage für den Playboy zur besseren Medienresonanz zu tanzen. Ausweichtermine sind bei  Vorstandssitzungen, selbst beim Amt, bei Geschäftsabschlüssen, vor Gericht oder bei der Totenmesse etwas völlig Normales, nicht aber für F(el)uck und die viel beschäftigten Wissenschaftler, die sicherlich auch erst alle eine Woche vorher von dem Termin erfahren haben.
Was für eine wichtige Firma. Kennen Sie sie übrigens? Trösten Sie sich. Ich vorher auch nicht.

oliristau

Gaddafi und Vattenfall

In Zeiten von Gaddafi ist das mit der Propaganda so eine Sache. Insbesondere, wenn es dabei um die Jugend geht. Die Firma Vattenfall scheint sich um den diesbezüglichen Jugendschutz wenig zu kümmern wie ich feststellen musste, als ich letztes Wochenende bei der Verleihung der Hamburger “Jugend forscht”-Preise dabei sein durfte. Der gepflegt gegelte Vattenfall-Vertreter war sich nicht zu schade, den jungen Forschern über Minuten zu erzählen wie umweltfreundlich sein Unternehmen doch sei. Das gelte insbesondere für die Stromerezugung aus regenerativen Energien. Vattenfall sei “weltweit der größte Erzeuger von Windstrom aus Anlagen auf dem Meer”. Das löste im Saal verständliches Gemurmel aus. Denn leider ist das völlig gelogen wie sich leicht nachprüfen lässt. Die Jugendlichen wurden unruhig. So leicht lassen sich junge Forscher denn doch nicht hinter das Licht führen.
Doch dem Kohle- und Atomstromkonzern ging es als Sponsor der Veranstaltung offensichtlich nur um eines: beim Fototermin mit den jungen Preisträgerinnen und Preisträgern besonders glatt zu grinsen.

oliristau

Tunesien verschwunden

Tunesien gibt es nicht mehr. Das Land hat sich aufgelöst, davon gemacht zum Mars oder ist jetzt Anti-Materie. Der große Bruder wars nicht, auch wenn er jetzt ständig auf Seite 1,2,3 zu sehen ist. Der Aufstand in Tunesien war wohl nur eine Schimäre.
Es wird nicht lange dauern, da ereilt auch Ägypten das gleiche Los. Das Land verschwindet, während Marokko oder Algerien die Schlagzeilen übernehmen, wahrscheinlich wäre das aber zu eintönig. Man bräuchte dann mal wieder Abwechslung von Nordafrika – langweilt doch sonst den Leser. Wie wäre es mit einem fingierten Bürgerkrieg irgendwo sonst auf der Welt oder im Meer auf 1000 Meter Tiefe.
Gestern las ich in einer Statistik, dass die Wirtschaft Mexikos im letzten Jahr um mehr als 5 % gewachsen ist. Das muss wohl ein Fehler sein, denn ich dachte nach der Lektüre verschiedener seriöser deutscher Tageszeitungen in den letzten Monaten, dass das Land am Rande der Anarchie stünde. Die Drogenbosse, so die einhellige Meinung der braungebrannten Korrespondenten , wären kurz davor die Macht zu übernehmen. Ein Land im Chaos und eine florierende Wirtschaft das passt doch nicht. Es wird Zeit, dass sich diese Länder endlich mal entscheiden, um die berichtenden Kollegen vor den Gewissensbissen ihrere Einseitigkeit zu bewahren. Tunesier und Mexikaner höret: wir wollen eine klare Vorstellung eurer Welt- am besten ist das Chaos, das passt ideal zu unseren Vorurteilen.

Euer Doc Herzler

oliristau

Letzte Kapitel Fehlanzeige

Leute und Leser,
es gibt keine Fortsetzung für Wertberichtigung auf diesen Seiten. Wer wissen will, wie es ausgeht, der muss das Buch kaufen, und zwar ohne wenn und aber. Wir armen Künstler sind von dem finanziellen Engagement des Publikums nun einmal abhängig. Dies möchte ich mit diesem Schritt zum Ausdruck bringen. Die Publizierungsverweigerung als Akt des Protestes gegen … (na was denn?)…gegen… (na nu mach schon!)…also gegen die Billigprostitution des freien Wortes. (Ah ja). Was ich meine ist …blablablabla…
Lest “Wertberichtigung”, dann wisst Ihr ein wenig von dem, was ich meine…
Es grüßt für immer Euer Doc Herzler
   

oliristau

Der Anti-Kunde

Man wird ja mit den Jahren ein wenig sentimental.  Und deshalb fiel es mir sehr schwer, mein erstes Girokonto zu kündigen, worauf die erste Kohle eingezahlt wurde, die ich mit 16 im Lager beim Deutschen Supermarkt verdient hatte, um mir eine E-Gitarre zu kaufen. Es war von der Postbank. Damals holte man sein Geld noch beim Postschalter ab – und zwar zu normalen Geschäftszeiten. EC-Karten gab es noch nicht. Deshalb war die Postbank besser als alle anderen Geldinstitute, die ja nur bis 4 geöffnet hatten. In all den Jahren hing ich an meiner Kontonummer wie an der ersten Liebe, doch so wie jene wurde auch diese nicht wirklich erwidert. In all den 25 Jahren erhielt ich nie einen Anruf, einen Brief oder sonst etwas, was irgendeine Art von Wertschätzung für mich als Kunden ausgedrückt hätte. Das einzige Mal, das jemand von der Postbank anrief, war als man festgestellt hatte, das meine Honorare auf mein privates Girokonto eingezahlt wurden. Das ginge nicht, hieß es. Ich bräuchte ein Geschäftskonto. Doch das war es schon mit der Herzenswärme.
Und jetzt als ich gekündigt hatte, haben sie das Konto einfach aufgelöst – kein Brief, keine Frage nach dem Warum. Die PIN fürs Onlienbanking funktionierte einfach nicht mehr.
Es ist ja nicht so, dass man von Banken philosophisches Nachdenken über den Sinn des Lebens erwartet. Aber Kunden sind ja eigentlich auch für die Kreditbranche irgendwo notwendig. Oder geht es vielleicht doch auch ohne diese Querulanten, die ständig Rabatte und Freundlichkeit erwarten?
 Aber insofern passt die Postbank nun ganz ideal zur Deutschen Bank. Da haben sich zwei Institute gefunden, die die Anti-Kundenpflege meisterlich in allen Facetten beherrschen.
Alles Gute in der kundenfreien Welt wünscht
Doc Herzler

 

oliristau

Kapitel 27 – Querida Familia

Hier präsentiere ich Euch meinen Roman “Wertberichtigung” (252 Seiten). Auch der käufliche Erwerb desselben in einer Buchhandlung oder im Internet ist übrigens zulässig.  Ihr unterstützt damit die Freiheit des Künstlers.

Jordi saß auf einem Steine unweit der Zahnradbahn (und dachte Bein mit Beine??? – Zitat Walther von der Vogelweide) , die den Montjuic mit der Stadt zu seinen Füßen verband – mit dem unbändigen, quirligen Häusermeer, das so aussah als wäre es einst von den Bergen des Hinterlands ausgeworfen worden und dann zäh die Hänge hinab gelaufen. Doch erstarrt war es immer noch nicht. Es brodelte wie ein Eintopf, dessen Dampf die Stadt eindunstete. Am Horizont glitzerte das von der Sonne überflutete Meer wie Alufolie.

Irgendwo da unten in diesem Gewimmel trieb sich wohl Leon herum, sofern er nicht schon nach Hause oder sonst wohin geflogen war. Er hatte sich selbst befreit: Wie war das nur dem lethargischen Mann gelungen? Na ja, dachte Jordi, dann wäre ja Deseos Plan aufgegangen, seinem Kollegen ein kleines Abenteuer zu bescheren. Deseo war eine Figur der Vergangenheit, von der er nur mit Mühe hätte sagen können, was an ihr wirklich und was erfunden gewesen war.

Jordi zog sein Handy aus der Tasche und rief Frau Schilling an. Gewohnt sachlich informierte sie ihn darüber, dass im Hotel Viento nach wie vor ein Zimmer auf den Namen Leon Steiner belegt sei. Sie habe eine entsprechende Anfrage des Hotels bestätigt.

„Herr Steiner hat sich aber seit zwei Tagen nicht mehr gemeldet. Ich nahm an, dass Sie Bescheid wissen.“

„Sehr gut, Frau Schilling. Bitte versuchen Sie ihn über sein Mobiltelefon zu erreichen.“

„Es haben auch einige Kunden angerufen wegen Terminen. Ab wann kann ich wieder welche vergeben?“

„Das wird sich in der kommenden Woche zeigen“, antwortete er kurz. „Vertrösten Sie die Leute. Sagen Sie etwas von einem Auslandstermin.“

Frau Schilling beschwerte sich, es sei schwierig, die Kunden hinzuhalten.

„Sie schaffen das schon“, sagte er ungerührt.

Was die ganzen Anrufer immer von ihm wollten? Jordi ließ seinen Blick in die Tiefe fallen. Die sollen mich alle mal in Ruhe lassen! Außerdem hatte er ohnehin keinen Schimmer, wie es weitergehen sollte. Die halbe Liquidität der Firma weg genauso wie sein Elan. Noch nie in den ganzen Jahren seiner Geschäftstätigkeit hatte er seinem Job weniger abgewinnen können. Wozu der ganze Stress? Börsengang? Welch absurde Idee für Wichtigtuer, die sonst nicht wissen, was sie tun sollen.

Seine Reflexionen wurden durch das Klingeln seines Telefons unterbrochen. Beim Versuch, es aus der Tasche zu ziehen, glitt es ihm wie ein Fisch durch die schweißfeuchten Hände und fiel in den Staub.

„Scheiße. Frau Schilling, sind Sie es?“

Doch Frau Schilling war ein Mann und hieß David.

„Was ist los? Warum fluchst du? War es so schlimm, Ernest zu treffen?“

Na ja, wie man es nahm. Jordi hatte keine große Lust, darüber nachzudenken.

„Ich habe Lucía von eurem Treffen erzählt. Sie war gerührt und musste offenbar die Tränen unterdrücken. Keine Ahnung, warum, aber sie hat uns gebeten, in anderthalb Stunden zu ihr zu kommen, es wäre wichtig. Ich kann das einrichten. Und wie sieht es bei dir aus?“

Ja, er konnte. Er hatte keine Geschäftstermine mehr, keine hochwichtigen Meetings, in denen die Zeit mit überflüssigem Gerede totgeschlagen, keine Mittagessen mit wichtigen Kunden, bei denen der Teilnehmer mit der besten Maske gesucht, und auch keine Abendevents mit ausgesuchten Geschäftsfreunden, in denen das Einmaleins der Belanglosigkeit aufgeführt wurde. Er hätte sich frei fühlen können, wenn er sich nicht wie eine einzige Lähmung vorgekommen wäre.

Was war der Sinn von all dem? Was machte er aus seinem Leben? Das hätte er gerne schon von den Sugarcanes erfahren, doch die hatten als Antwort immer nur ihre Version der Erleuchtung parat. Sie waren wie Hausierer, die anderen mit ihrem marktschreierischen Gerede so lange auf die Nerven gingen, bis sie wegliefen oder sich bedingungslos ergaben. So brachten sie ihren auf Hochglanz polierten Tand an den Mann und beschimpften jeden, der ihn nicht als edle Kostbarkeit anerkennen wollte.

Jordi kostete es mehr als eine Anstrengung, sich zu erheben. Er schien mit dem Felsen, auf dem er immer noch saß, verwachsen zu sein. Vielleicht war es auch so, vielleicht wäre er gern so: ein Teil der Natur, dauernd, aber nicht genötigt, sich jemals wieder zu bewegen.

Schließlich erhob er sich doch und legte langsam Schritt für Schritt die wenigen Meter bis zum Einstieg der Zahnradbahn zurück. Er suchte sich einen Platz in einem der abschüssig parkenden rot-weißen Waggons.

Lucía war immer lieb zu ihm gewesen und hatte auch zu seiner Mutter ein gutes Verhältnis gehabt – zumindest bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland. Denn ab da wollte seine Mama auch mit ihr nichts mehr zu tun haben; nicht weil es irgendein konkretes Zerwürfnis gegeben hätte, sondern weil sie begann, ihre ganze Geschichte in Barcelona als verlorene Zeit anzusehen.

Sie hatte Jordi gelehrt, seine spanischen Wurzeln und die Familie seines Vaters zu ignorieren. Es galt, zügig einen neuen Status im aufstrebenden Deutschland zu erwerben. Für die Herkunft aus einer rückständigen südlichen Region war noch nicht einmal aus romantischen Gründen Platz.

Jordi glorifizierte seinen Vater zwar, zugleich hatte er aber die ganze Zeit ein unbewusstes Antiprogramm gefahren, hatte Spanien gemieden, war in alle Mittelmeerländer in Urlaub gefahren mit Ausnahme der iberischen Halbinsel. Noch nie war ihm dieser Umstand ins Bewusstsein getreten, erst jetzt, als die Bahn sich ruckelnd in Bewegung setzte.

Seine Mutter hatte ihn seit ihrem Umzug mit Distanz behandelt. Ihre Liebe erschöpfte sich in Anweisungen und Ratschlägen. Er hatte anfangs das Gefühl, eine Last zu sein, irgendetwas grundsätzlich falsch zu machen. Doch mit den Jahren, in denen er älter wurde, verblassten diese depressiven Stimmungen und machten der neuen Macht Platz, der einzige Mann im Haus zu sein. Seitdem war er sein eigener Chef, konnte tun, was er wollte. Seine Mutter mischte sich nicht in seine Angelegenheiten, dafür konnte er sich auch nicht an sie anlehnen.

So lebte er sein schulisches und studentisches Leben, feierte Partys und konterkarierte zugleich die Versuche seiner Mutter, neue Partnerschaften aufzubauen. Die Männer, die sie manchmal besuchen kamen, waren allesamt „Luschen“, wie er fand. Insgeheim verglich er sie mit dem spanischen Revolutionär, für den er seinen Vater hielt – ein starker Held aus einer fernen Welt wie Hollywood.

Jordi hatte die Abfahrt der Zahnradbahn kaum wahrgenommen. Bäume und Steindämme waren vorbeigerauscht, ohne dass sie für Abbilder in seinem Gehirn gesorgt hätten. Er spürte nicht viel, als er ausstieg, kam sich vor wie eine Puppe, die von einer Fernbedienung dirigiert wurde. Mühsam versuchte er sich an einem bunten Streckenplan zu orientieren, der an einer der Mauern leuchtete. Er war wieder zur Metrostation Parallel zurückgekehrt. Doch diese Episode war abgehakt. Er schlurfte die Gänge hinunter und stieg in eine U-Bahn, die ihn bis zur Sagrada Familia fuhr, in deren Nähe Lucía wohnte.

Es war auch Jordis erste Wohnung gewesen, dort hatte er die Hälfte seiner Kindheit verbracht. Sein Herz schlug immer heftiger, je näher die U-Bahn seinem Ziel kam.

Als er den Untergrundschacht verließ, flutete das Sonnenlicht über die Straße und überströmte das mächtige Bauwerk. Jordi musste die Augen zusammenkneifen. Viel weiter waren sie ja nicht gekommen, fand er. Schon in seinen Kindertagen war die Kirche eine Baustelle gewesen. Er ließ die Touristenattraktion links liegen und hastete geradewegs in Richtung seines alten Zuhauses. Der Weg, den er einzuschlagen hatte, war in seiner Erinnerung eingemeißelt und seinem Herzen so vertraut, als hätte er ihn erst gestern zurückgelegt. Er musste der mittlerweile zur Fußgängerzone aufgestiegenen Avenida de Gaudí folgen, die geradewegs auf das Krankenhaus Sant Pau führte, in dem er zur Welt gekommen war. Als er den vom katalanischen Jugendstil geprägten Rotziegelbau erblickte, der mit seinem kirchenähnlichen Hauptportal so gar nichts mit den modernen Krankenhäusern heutiger Zeit gemein hatte, zog sich seine Brust zusammen. Eine Eisenplatte schien sein Herz zu erdrücken. Er bekam kaum Luft und musste stehen bleiben. „So eine Scheiße“, stieß er halblaut hervor und dachte kurz, dass sich so wohl ein Herzinfarkt andeutete.

Er schleppte sich bis zur nächsten Abzweigung und stützte sich auf der Rückenlehne einer Parkbank ab. Er musste an seinen Dresdenbesuch denken, als ihn die sakrale Stimmung in den Bann gezogen hatte. Eine halbe Ewigkeit schien er zu verharren und stierte auf die Trümmer seiner Vergangenheit. Vielleicht weinte er sogar, als die Bilder wie Nebelschwaden durch die Erinnerung zogen.

Er pfiff ein Lied auf seinen Lippen, grüßte eine Lebensmittelfrau zur Rechten und den Besitzer der Metzgerei zur Linken.

„Na, Jordi, wie war es in der Schule? Bestell deinen Eltern meine Empfehlung. Wie geht es deinem Vater? Er war schon lange nicht mehr da.“

„Mein Vater ist doch tot. Er ist schon lange tot.“

Und dann die letzte Wendung, und er stand vor dem alten Haus mit der frischen Farbe – früher war es weiß, heute gelb – und sein Cousin stürmte heraus und rief: „Spielen wir heute Abend noch Fußball auf der Gaudí?“, und er antwortete: „Klar, bis später“ und dann drückte er den dicken runden Klingelknopf.

Er lief die drei Stockwerke wie im Sprint hinauf und oben stand kopfschüttelnd Tante Lucía und sagte lachend: „Was hast du nur für eine Energie? Ach, hätte doch nur dein Vater etwas davon.“

„Hallo, Tante Lucía“, sagte er mit weicher Stimme, sein Hals war wie mit Watte ausgekleidet. Lucías Stirn legte sich für einen Augenblick in Falten, dann lächelte sie. Die leicht wässrigen blau strahlenden Augen betrachteten ihn liebevoll, und die ganze Gesichtshaut, die schon etwas von faltigem Pergament hatte, fing an zu vibrieren.

Während sie sich ansahen, blieb die Zeit stehen. Keine Geräusche, kein Windzug, nur die hämmernden Herzen existierten noch, und es war Lucía, die als Erste sprach.

„Jordi, mein Junge, komm doch endlich herein.“

Er betrat den langen, dunklen Flur, und als er das Licht anschalten wollte, fiel ihm wieder ein, dass die Birnen früher schon oft defekt waren, und so war es heute immer noch.

Er lachte: „Bei dem Licht hat sich nichts verändert“, und seine Anspannung löste sich etwas.

„Da hast du wohl recht. Wird Zeit, dass mich mal jemand besucht, findest du nicht?“

Als Antwort legte er ihre knochigen und kühlen Hände in die seinen und hielt sie fest. Er drückte die faltige Haut ein, die ihre Spannkraft eingebüßt hatte, aber immer noch in einer gesunden bronzenen Farbe schimmerte. Ihr Gesicht war von der Sonne gebräunt und trug nur ganz wenig Puder. Die Augenbrauen waren dezent betont und die Lider glänzten sandfarben. Sie trug ein olivgrünes Jackett und eine gleichfarbige Hose, die ihren hageren Körper betonten. Jordi nahm an, dass sie sich eigens für ihr Wiedersehen zurechtgemacht hatte.

Sie führte ihn in den großen Wohnraum mit den Fenstern, die bis zum Boden reichten und durch die das Sonnenlicht über die alten Dielenböden strömte. Er nahm in einem alten Sessel Platz, dessen dunkelbrauner Lederüberzug mit den Jahren rissig und stumpf geworden war. Er konnte sich an dieses Möbelstück nicht mehr erinnern, dafür aber an das Bücherregal, das an der Längswand hinter dem Schreibtisch lehnte und das ihm damals mit seinen vielen Böden und Büchern riesig vorgekommen war. Jetzt war es auf Normalmaß geschrumpft.

„Möchtest du etwas trinken? Vielleicht einen Kaffee?“, fragte Lucía mit kratziger Stimme.

 (Fotzsetzung folgt)

oliristau

Kapitel 26 – Flüsse (2)

„Glaubst du, dass dieser Typ uns verfolgt?“, fragte Leon atemlos, während sie durch die verwinkelte Gassenwelt hetzten. Eladi hatte sich auf ihrer Flucht immer wieder umdreht, Montoya aber nicht erblicken können. Während sie sich für eine kurze Pause an eine Hauswand lehnten, beobachtete der Katalane sorgfältig die Gasse, aus der sie kamen, bis zu einer Biegung vielleicht hundert Meter entfernt. Eine Schar strohblonder Touristen tauchte auf und drängte sich kurz darauf an ihnen vorbei. Leon glaubte, dass sie Dänisch oder Schwedisch sprachen. Er hatte Angst; dabei hatte er gehofft, dass der Albtraum endlich vorbei sein würde. Doch er war es nicht. Er wurde verfolgt von dem namenlosen Bösen. Verstört sah er in die Gesichter der Passanten, als könnte jeder ein Mörder sein. Ohne Eladi hätte er hier keine Chance gehabt.
Ein Vespafahrer hielt an und blickte die Gasse hinab. Er ließ den Zweitaktmotor laufen.
„Ich glaube, dass der Bursche dort auf dem kleinen Motorrad uns folgt“, sagte Eladi und zeigte mit dem Finger auf den Typ mit dem weißen Helm. „Aber keine Sorge, Lleó. Wir sind gleich in unserem Viertel. Da trauen sie sich nichts zu tun.“
Eladi riss ihn mit, und sie erreichten kurz darauf die Wohnung in der L’Hospital. Eine Stufe führte zur Haustür hoch. Eladi gab Leon den Schlüssel.
„Geh hinauf zu Joana. Ich halte hier unten Wacht und kümmere mich um den Vespafahrer, falls es nötig sein sollte.“
Mit zitternden Händen schob Leon den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Kaum war er im Hauseingang verschwunden, wandte sich Eladi wieder der Straße zu. Er lehnte sich lässig an die Hauswand neben dem Eingang, steckte sich eine Zigarette an und inhalierte den Rauch tief wie eine Medizin.
Mit weichen Knien schlich Leon die Etagen herauf. Er versuchte dabei jedes Geräusch zu vermeiden. Im ersten Stock blieb er für einen Moment stehen und lauschte. Nichts rührte sich. Als er Joanas Stockwerk erreichte, klopfte er an die metallene Etagentür. Da sich nichts tat, klingelte er schließlich. Das schrille Schellen breitete sich im Treppenhaus wie ein eisiger Wind aus. Leon stand auf dem Absatz, wagte nicht zu atmen und starrte angstgebannt in den dunklen Schacht der Wendeltreppe hinunter.
Joana war nicht leicht zu erschüttern, doch als sie Leons leichenblasses Gesicht sah, überkam sie doch etwas wie Sorge. Der paralysierte Mann begab sich wortlos und steif wie eine alte Maschine zum Sofa. Sie brachte ihm eine Flasche Brandy und wollte wissen, was passiert war und wo Eladi steckte.
„Diese Schweine sind immer noch hinter mir her“, presste er mühsam zwischen seinen Lippen hervor. Der brennende Stoff in seiner Kehle verlieh ihm die Kraft weiterzusprechen.
„Eladi ist unten und erwartet die Häscher“, schrie er plötzlich, als wäre er weggetreten. Er wollte zum Fenster, aber Joana hielt ihn zurück.
„Ich mache das“, sagte sie bestimmend und drückte ihn auf das Sofa.
Eladi rauchte immer noch, als der Vespafahrer in der Straße auftauchte. Er kam näher und blickte sich um, bis er Eladi schließlich entdeckte. Langsam fuhr er auf den Medizinstudenten los. Eladi fixierte ihn.
„Na, Kleiner“, schrie er den Rollerfahrer an, „mit dem Feuer zu spielen ist aber noch nichts für so Milchbubis wie dich. Im Übrigen weiß ich aus erster Hand, dass dieses Flammendesign eigens für Typen ohne Eier entworfen wurde.“
Eladi hatte gebrüllt, damit seine Beleidigungen auch von jedem in der Umgebung gut verstanden werden konnten, auch und gerade von der Figur auf dem Motorroller, die ihn jetzt hasserfüllt anstarrte. Seine Augen hinter dem Visier glühten wie Kohle und hefteten sich auf den Studenten, während er langsam weiterfuhr. Offensichtlich fiel es ihm nicht ein, die Karre einfach anzuhalten und sich mit Eladi zu messen. Er achtete nicht auf den weiteren Verlauf der Gasse und sah deshalb auch nicht das Baustellengerüst auf der linken Straßenseite auf sich zukommen. Als er das Rumpeln spürte, das sein Vorderreifen verursachte, der das Gestänge touchierte, war es zu spät. Wie von einer Keule getroffen, fiel er um und rutschte noch einige Meter über die Straße. Am gegenüberliegenden Bordstein blieb er liegen. Zwei Araber lösten sich aus dem nächsten Laden und halfen ihm auf die Beine. Der Typ hatte sich offensichtlich nicht verletzt, fluchte dafür aber umso wilder. Eladi betrachtete das Schauspiel amüsiert, hatte aber keine Augen für Montoya, der sich nur einen Steinwurf entfernt unauffällig unter einem Torbogen postiert hatte.
Der Madrilene grinste. „Mich abzuschütteln, dafür braucht es einen Profi, nicht so einen Verlierer wie diesen Typen in seinen Heilsarmeekleidern“, sagte er sich. Dieser Idiot war doch wirklich zu blöd, dass er sich direkt vor den Hauseingang stellte. Er könnte auch ein Schild mit den Worten „WIR SIND HIER“ in Leuchtschrift hochhalten. Montoyas Blick wanderte die Fassade hinauf. Und da stand ja auch so eine Punkschlampe am Fenster, die sehr gut zu diesem Schmierfink passte und als schlechte Spionin die Straße absuchte. ‚Jetzt wissen wir auch, in welchem Stock sie sind’, dachte er triumphierend.
Der Vespafahrer schüttelte die ihn bedrängenden Araber ab, sah sich noch ein paarmal um, während er sich mit seiner beschädigten Karre murrend entfernte. Schon war er hinter der Enge der sich zusammendrängenden Häuser verschwunden. Eladi hatte gerade beschlossen, zu Joana und Leon hinaufzugehen, da erblickten seine Augen ein ungewöhnliches Frauenpaar, das die Gasse heraufkam. Die eine trug ein für das Raval ungewöhnliches Businesskostüm, die andere wirkte mit ihrem frechen Pferdeschwanz eher wie eine Kunststudentin. Jede verbarg einen ansehnlich geformten Busen unter ihrer Bluse, so viel war für Eladi sicher.
Sie liefen die Hausnummern ab. „Gleich muss es kommen“, sagte Susanna, als Jeanette nach einem flüchtigen Seitenblick abrupt stehen blieb. Im Abzweig zu einer Nebengasse duckte sich der Mann, der sich noch am Vormittag als ihr Schmalspurcharmeur versucht hatte.
„Da ist ja Aitor“, rief sie Susanna zu, die den Kopf sofort in Montoyas Richtung drehte. Dieser erkannte die Frauen zeitgleich und suchte nach einem Versteck. Aber es war zu spät.
Eladi beobachtete, wie die beiden attraktiven Frauen plötzlich die Straßenseite wechselten und sich einem Mann zuwandten, bei dem es sich – das ist ja ein Ding – um diesen langhaarigen Franquisten aus Leons Hotel handelte.
Am ganzen Körper zitternd, sprach Jeanette Montoya an: „Was machen Sie denn hier, Sie mäßiger Frauenversteher? Suchen Sie Herrn Steiner jetzt auf eigene Faust, Sie Lügner?“
Nichts wollte Jeanette mehr, als Montoya zu demütigen. Dieser hatte seine Schlagfertigkeit verloren und stotterte sich ein „Ach, welch Freude, Frau Eschneider“ ab.
Die Angesprochene echote ihm „Frau Eschneider“ entgegen und vervollständigte „… interessiert sich für Herrn Esteiner.“
Er schrumpfte unter ihren Blicken zusammen wie ein Würstchen im Feuer. Fasziniert verfolgte Eladi die Ereignisse.
„Sie stecken doch mit den russischen Ganoven unter einer Decke“, bekam Montoya nun auch noch von Susanna eine Breitseite.
„Aber meine Damen“, versuchte er es auf die joviale Tour, als sein Handy – auch das noch – klingelte.
Verlegen wie ein Schuljunge zog er sein silbernes Kommunikationsgerät aus der Hosentasche und beantwortete den Anruf mit einem unwirschen „Si“. Er hörte dem Anrufer zu, seine Augen weiteten sich.
„In Ordnung, Ernest. Wir ziehen uns zurück.“
Plötzlich hatte er es eilig: „Bitte entschuldigen Sie mich. Eine wichtige geschäftliche Angelegenheit verlangt meine Aufmerksamkeit.“
Er stahl sich wie ein Hund aus dem Torbogen und eilte davon, nicht ohne über einen Steinvorsprung zu stolpern.
Eladi hatte sich genähert und fragte ohne Umschweife: „Ihr kennt dieses Arschloch?“
Beide entließen Montoya aus der visuellen Verfolgung und nahmen den neuen Typen in Augenschein. Der machte zumindest auf Susanna einen wesentlich angenehmeren Eindruck. Jeanette fiel die Einordnung dieses leicht abgerissen wirkenden Mannes noch schwer.
Die Deutsche gab aber nichts drum und reagierte prompt: „Na, das wird ja immer besser. Du etwa auch? Dann kannst du uns wahrscheinlich auch endlich erklären, wo sich Leon Steiner befindet. Das ist ein Mann …“
Sie zögerte und wusste zunächst nicht, wie sie weiterreden sollte.
„… ein Mann, den wir halt suchen“, erklärte sie schließlich, um dann loszuschreien: „Verdammt, was ist das hier alles für ein Theater!“
Sie stampfte unwillig und wütend auf den Boden, wobei ein Absatz abbrach. „Scheiße“, fluchte sie und das harte deutsche Wort wurde von den Wänden ebenso hart zurückgeworfen. 

oliristau

Kapitel 26 – Flüsse (1)

 Das ist mein Roman Wertberichtigung, den ich hier in chronolgischen Auszügen präsentiere. Wer mehr lesen will, kann das hier auf diesen Seiten unter der Rubrik “Wertberichtigung – Das Buch” tun oder das auch optisch ansprechende Werk per mail, in der Buchhandlung oder im Internet bestellen..

Leon sträubte sich, zurück in sein Hotel zu gehen. Er fühlte sich gut aufgehoben bei Eladi und Joana und wollte eine mögliche Begegnung mit seinen Entführern vermeiden. Joana erinnerte ihn aber daran, dass er versprochen hatte, Jeanette eine Nachricht zu hinterlassen, und so machte er sich auf den Weg. Eladi begleitete ihn als seine Schutzperson. Zuvor hatte ihm sein Leibwächter ein neues katalanisches Eselshirt mitgebracht. „Freunde von mir bedrucken und verkaufen T-Shirts hier im Raval. Der Esel ist im Moment der größte Renner. Er hat zwar keine dicken Eier wie der dumme Ochse, aber er wird dir umso mehr Kraft geben.“
Nun zierte das störrische Nationaltier seine Brust, sein zerrissenes Hemd war im Müll gelandet. Die Anzugjacke hatte er ebenso wie seine Krawatte und – was das Schlimmste war – sein Portemonnaie in der Wohnung der Kidnapper zurückgelassen. Aber er hoffte, im Hotel mithilfe von Lichtmann frisches Geld auftreiben zu können. Jeanette verschwand bei diesen Überlegungen wieder auf die hinteren Plätze seiner Agenda.
Das Hotel lag zu Fuß etwa zehn Minuten entfernt. Der Regen, der gegen Nachmittag eingesetzt hatte, war weitergezogen, hatte der Stadt aber eine drückende Schwüle hinterlassen. Leon schwitzte bei jedem Schritt. Der Rücken unter dem schwarzen T-Shirt war nach ein paar Schritten nass.
„Ich gehe zuerst hinein“, bestimmte Eladi, kurz bevor das Eingangsportal des Hotels in Sicht kam. „Ich werde überprüfen, ob sich dort irgendwelche schleimigen Figuren herumdrücken. Dafür habe ich einen sechsten Sinn, denn in einem früheren Leben war ich Detektiv.“
Er setzte sich in Bewegung und überquerte die Straße, während Leon auf der anderen Straßenseite zurückblieb. Die in hoher Taktzahl vorbeiwischenden Fahrzeuge machten es ihm unmöglich, den Hoteleingang ungestört zu beobachten. Als eine Ampel auf Rot sprang, hatte sich binnen Sekunden eine undurchdringbare Fahrzeugwand gebildet, die seine Sicht vollständig verdeckte. Als sich der Verkehr wieder auflöste, war Eladi nicht mehr zu sehen. Er hatte die Eingangstür passiert.
In dem Hotel mit den gewienerten Böden und dem kühlenden Rauschen der Klimaanlage wirkte er wie ein Fremdkörper. Seine ungebändigten Haare waren ein Zeichen für Jugendlichkeit und Unabhängigkeit – zumindest in den Augen des spießigen Concierges, dem überdies sofort klar war, dass es sich bei diesem Besucher um keinen kapitalkräftigen Gast handeln konnte.
Mit zusammengekniffenen Augen sah der Mann mit der Gelfrisur Eladi auf sich zukommen. Dessen schlabbernde Baumwollhose verstärkte den Widerwillen des Hotelangestellten.
„Guten Tag, ich will Herrn Steiner sprechen. Können Sie mal nachsehen, ob er im Hause ist?“, forderte ihn Eladi auf. Sein Gegenüber war nicht älter als er, hatte sich aber offenbar für einen anderen Lebensweg entschieden, auf dem der Begriff des Dienens eine zentrale Rolle spielte. Deshalb wagte er es nicht, Eladis Ansinnen abzuweisen, und schaute missmutig in seine Liste. Als er den Namen „Steiner“ tatsächlich entdeckte, zog er die Augenbrauen hoch. Der Mann war seit zwei Tagen nicht mehr aufgetaucht. Man hatte ihn nicht befragen können, ob er seinen Aufenthalt verlängern wollte. Man hatte ihm das Zimmer einfach weiter überlassen, nachdem man mit seiner Firma Rücksprache gehalten hatte.
Bereits am Vormittag hatte eine Dame nach dem Gast gefragt. Außerdem interessierten sich weitere Geschäftsleute für seinen Verbleib. Er hatte einem seriösen Kunden zugesichert, Bescheid zu geben, sobald Steiner auftauchen sollte. Als er nach einer Antwort für Eladi suchte, entschied sich der Gegelte, jenen Herrn auch über das Ersuchen dieses Anarchisten vor ihm zu informieren.
„Tut mir leid“, zwang er sich zu sagen, „Herr Steiner ist nicht da.“
„Das wissen Sie, ohne zu telefonieren?“
„Sein Schlüssel liegt im Fach“, antwortete der Hotelangestellte unwillig.
Eladi sah sich um. Ein paar Männer saßen in den Ledersesseln der Lobby und lasen ausländische Zeitungen. Sie interessierten sich ebenso wenig für ihn wie die beiden Touristinnen, die an der Rezeption neben ihm standen und Faltblätter mit Werbung und Veranstaltungstipps studierten. Gegenüber verließen zwei Männer in kurzen Hosen und City-Hemden den Aufzug. Auch diese waren unverdächtig. Eladi war zufrieden. Leon konnte kommen. Er bedankte sich kurz, verließ das Hotel und eilte zurück.
„Es ist alles normal da drinnen. Stinknormal. So normal, dass es krank machen kann. Die sterile Atmosphäre erinnert mich an die Pathologie.“
Nun machte sich Leon auf den Weg. Kaum hatte er den Vorraum betreten, war auch er bei dem Rezeptionsmanager durchgefallen, der nicht aus Katalonien stammte und deshalb das Nationaltier nicht leiden konnte, das Leon auf der Brust trug und das für das Hotel alles andere als angemessen war.
„Guten Tag, mein Name ist Steiner. Liegen Nachrichten für mich vor?“
Der Gegelte starrte ihn an. Jetzt kam der Mann sogar selbst? Sehr merkwürdig. Er riss sich zusammen, denn er hatte gelernt, dass die zahlende Kundschaft immer recht hat.
„Tut mir leid, es ist nichts für sie da.“
„Ist Herr Lichtmann noch zu Gast?“, fragte Leon weiter.
Eladi wollte die Lage im Auge behalten und hatte sich in sicherer Entfernung einen Platz gesucht, von dem er den Eingang im Auge behalten konnte. Da sah er, wie ein Taxi vorfuhr. Die Tür klappte auf und ein Anzug- und Krawattenmann mit langen grau melierten Haaren stieg aus. Ohne Gepäck eilte er den Eingangstüren entgegen, die sich automatisch vor ihm öffneten.
Der Mann mit der Schlüsselgewalt hatte mittlerweile herausbekommen, dass Lichtmann noch Hotelgast, aber zurzeit nicht anwesend war. Leon schrieb gerade die Notiz für Jeanette.
„Liebe Jeanette, mir geht es gut. Wenn ich hier nicht zu erreichen bin, findest du mich bei Joana und Eladi in der Carrer de L’Hospital …“ Er notierte die Adresse seiner beiden neuen Freunde.
Der Gegelte, der, während Leon schrieb, das Eingangsportal im Blick hatte, riss die Augen auf. Das war ja schnell gegangen. Der bekannte Hotelkunde näherte sich und blieb direkt hinter Leon stehen, sodass er ihn jeden Moment packen konnte. Währenddessen nahm der Lakai Leons Nachricht entgegen und fragte: „Bis wann will der Herr noch bleiben?“
Leon hatte sich darüber keine Gedanken gemacht. „Mindestens eine, vielleicht zwei Nächte“, antwortete er schließlich.
Damit wandte sich der Angestellte an den neuen Gast. „Guten Tag, Herr Montoya“, sagte er devot. Leon beachtete ihn nicht weiter und wollte gerade kehrtmachen, um Eladi hereinzubitten, als er von einer fremden Stimme auf Spanisch angesprochen wurde „Herr Esteiner?“
Leon fuhr zusammen. „Wer sind Sie?“, fragte er erschrocken.
„Mein Name ist Aitor Montoya. Würden Sie mich bitte begleiten“, sagte dieser fast tonlos, während er ihn fixierte, als wollte er ihn mit Gewalt hypnotisieren. „Worum geht es?“, fragte er, von der Autorität des Mannes bereits beeindruckt.
„Wir haben gemeinsame Geschäftsfreunde. Mit diesen werde ich Sie zusammenbringen, damit Sie ihren Verpflichtungen nachkommen können“, antwortete er mit tiefernster Stimme.
Eladi war näher herangekommen und blickte durch den gläsernen Vorbau in die Lobby. Er erkannte, dass sich Leon im Gespräch mit dem Neuankömmling befand, und spürte, wie sich seine Bauchdecke anspannte. Als angehender Mediziner hatte er nicht nur ein Interesse für die Funktionsweise des menschlichen Körpers im Allgemeinen entwickelt, sondern auch für die Sprache seines eigenen im Speziellen. Diese sagte ihm recht deutlich, dass hier etwas nicht stimmte. Die Richtigkeit dieser Annahme bestätigte sich umgehend, als er sah, wie Montoya Leon am Arm packte.
Eladi zögerte keine Sekunde und marschierte in das Gebäude. „Lleó, alles in Ordnung?“, fragte er absichtlich laut, damit seine Stimme noch im letzten Winkel der großen Halle zu verstehen war. Die Freundlichkeit seines Gesichtes hatte sich in Strenge verwandelt. Er sah den Gegelten jetzt wie einen Wurm an.
Leon war vor Montoya wie eine Pflanze vor dem Frost eingeknickt. Er hatte sich nicht gewehrt, als er seinen Arm ergriffen hatte, sondern akzeptiert, dass dies einfach zu geschehen, dass es sein Schicksal zu sein hätte. Doch als er Eladis Stimme hörte und den Mann mit dem ernsten und klaren Blick sich zügig nähern sah, durchzuckte es ihn und er wachte aus seiner Starre auf. Plötzlich schaffte er es, sich zu wehren:
„Lassen Sie mich los. Ich habe mit Ihnen nichts zu besprechen.“
Aber Montoya dachte nicht daran.
„Das sehen meine Partner anders“, zischte er und seine dunklen Augen funkelten böse. Eladi stellte sich neben ihm auf.
„Lassen Sie ihn gehen. Oder wollen Sie einen Skandal in diesem edlen Hause auslösen? Dafür sorge ich gerne. Dann kommt endlich einmal Stimmung auf in dieser toten Bude.“
Der Wurm hinter dem Tresen hörte erschrocken die Worte des Studenten und hoffte inständig, dass diese Herren ihre Probleme woanders lösten. Die Männer in den Ledersesseln hatten sich bereits interessiert der Szenerie zugewandt, genauso wie die beiden Touristinnen, die immer noch vor den Prospekten standen. Das konnte Montoya nicht gebrauchen. Er fluchte innerlich und ließ Leon los. Wie ein gefangener, bis zum Äußersten gereizter Stier warf er ihnen hasserfüllte Blicke hinterher, als sie das Hotel schnellen Schrittes verließen. Kaum waren sie draußen, stürmte er hinterher.
An der Einmündung zum Hotel wartete ein Moped mit knatterndem Motor. Montoya gab dem Fahrer, dessen Gesicht durch einen weißen Helm mit lackierten Flammen verdeckt wurde, ein Zeichen.

   Von der Calle Casanova im l’Esquerra de l’Eixample lag das Viento einen viertelstündigen Spaziergang entfernt. Nachdem Jeanette erfahren hatte, dass Leon aus seinem Gefängnis hatte fliehen können, wollte sie so schnell wie möglich zum Hotel zurück. Das war der einzige Ort, der sie in dieser Stadt miteinander verbinden konnte. Zum Glück hatte sie Susanna an ihrer Seite. Sie vertraute ihr völlig, als ob sie sie schon seit Jahren kennen würde.
Da es aufgehört hatte zu regnen und der Himmel wieder seinen blauen Bezug angelegt hatte, beschlossen sie, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Jeanettes hochhackige schwarze Schuhe klapperten auf den grauen, viereckigen Gehwegplatten, während Susanna in ihren Turnschuhen geschmeidig und lautlos neben ihr herging. Auch das Outfit der beiden Frauen unterschied sich erheblich. Während Jeanette ein bourdeauxfarbenes Kostüm mit schwarzer Strumpfhose trug und ihre blonden Haare fast streng zurückgekämmt hatte, war die Frau an ihrer Seite mit einem Jeansrock auf der blanken Haut, einer hellblauen Bluse und zwei bunten Halsketten bekleidet. Einige Strähnen ihres zusammengebundenen Haares fielen ihr ins Gesicht. Block für Block legte das ungleiche Paar zurück, ohne viel zu reden. Jeanette warf im Vorbeigehen ihren Blick in die Geschäfte, Restaurants, Cafés, durch mehr als hundert Jahre alte Glasportale, nahm die Vielfalt der Balkone, Holztüren, Fresken, Straßenlaternen wie flüchtige Diabilder wahr, las Fetzen von Firmenschildern, Plakaten, sah vorbeiziehenden Bussen, Mofas, Taxen nach, registrierte die verknitterten Gesichter alter dicker Frauen, die gestressten von telefonierenden Geschäftsleuten, die unverbrauchten von jungen, zwinkernden Männern und kam sich vor wie die Kamerafrau beim Dreh eines Kinofilms. Sie selbst war der empfindliche Film, der ohne Unterlass mit unzähligen Eindrücken belichtet wurde.
So erreichten sie das Viento, und Jeanette schlich widerstrebend zur Hotellobby, so als wolle sie lieber weiter den Film da draußen sehen als sich hier ihrer Realität zu stellen.
Dieser Steiner ist ja sehr beliebt, wagte der Mann hinter dem Schalter zu denken, als er Jeanette den Zettel überreichte, den er erst vor wenigen Minuten in Empfang genommen hatte.
„Oh, die Suche geht weiter“, sagte sie müde, dann übersetzte sie fast widerwillig für ihre Freundin. Susanna wusste, wo sich die Straße befand.
„Also, auf geht’s“, wollte sie gerade den Startschuss für die nächste Etappe geben, als Jeanette sie zurückhielt:
„Einen Moment“, sagte sie fast tonlos. „Lass uns vorher noch ein Glas Sekt in der Hotelbar nehmen. Als kleines retardierendes Moment.“
Susanna lachte: „Als was?“
„Egal. Als kurze Atempause, bevor es weitergeht. Ich bin langsam am Ende meiner Kraft. Immer weitergehen, suchen, nichts finden, Leon ist ganz schon anstrengend“, erklärte sie ihr und Susanna hörte auf zu lachen. Obwohl sie Jeanette erst wenige Stunden kannte, spürte sie, dass sie sich veränderte. Mit ihren zusammengekniffenen Augen und der gefurchten Stirn erinnerte sie sie in diesem Moment an eine runzelige Schmetterlingspuppe.
„Hast du Angst, ihn zu finden?“, fragte sie, als sie in der Hotelbar saßen.
„Ja, irgendetwas ist plötzlich nicht mehr da, von dem ich dachte, dass es da wäre. Ich weiß nicht, wem ich begegnen werde oder vielmehr wer ich sein werde, wenn ich ihn wiedersehe.“
„Bist du denn jemand anders als in Hamburg?“
„Ja und nein. Natürlich bin ich die Gleiche und doch fühle ich mich anders. Ich kann es mit dem Kopf nicht fassen, aber das geht wahrscheinlich auch gar nicht. Zu Hause will ich immer alles mit dem Intellekt kontrollieren. Das ist bei uns so üblich. Bloß nicht zu viel Gefühl zeigen, dann würden sie dich am liebsten wegsperren. Aus sich rausgehen? Nein, das ist unreif und bedroht all die, die sich mit Lebenslügen über Wasser halten. Ich habe seit Jahren nicht mehr so viel Veränderung gespürt wie in den letzten beiden Tagen, und da hilft mir mein Kopf sehr wenig. Zur Antwort dröhnt er jetzt.“
Jeanette ließ ein leises Lachen hören und mit ihren Worten entspannte sich ihr Gesicht. Die Puppe war verschwunden, und Susanna dachte, dass ihr jetzt ein Schmetterlingsanhänger gut stehen würde. Jeanette sah aus dem Fenster und ließ ihre Blicke über die Straße flattern, als habe sie sie freilassen müssen, und es kam ihr so vor, als hätte sich tatsächlich etwas verabschiedet.

 

Die Zahl der Drogen steigt. Nicht mehr nur Crystal Myth, Ice oder wie das Zeug sonst noch heißt benebeln die Sinne. Auch Lithium entwickelt sich zu einem gefährlichen Stoff. Die Abhängigkeit verbreitet sich mit dem Internet. Das ist sehr gefährlich.
Wo sonst kann der Stoff anders herkommen als aus Afghanistan. Und wer sind die Konsumenten? Mittelschichtsangehörige in den Industriestaaten natürlich, die in den Büros von Zeitungsredaktionen sitzen. Der konkrete Fall liest sich nicht wie ein Krimi sondern eher wie eine dröge überstrapazierte Falschmeldung.
US-Militärs entdecken angeblich “riesige” Bodenschätze in Afghanistan, die New York Times schreibt darüber und alle deutschen Printmedien werden high. In den Redaktionen wurde das Lithium aus den Computern und Handys sofort extrahiert, erhitzt und geschnüffelt. Heraus kamen total ferngesteuerte Artikel, in denen die Gerüchte über die “Billionen-Funde” zu Wahrheiten verwandelt wurde. Wie das halt so ist mit bewußtseinserweiternden Drogen. Nur schade, dass sich solche Meldungen in der Verganegnheit schon oft als lahme Enten herausgestellt haben. Wo sind die geologischen Gutachten, wo die Experten, die die Funde bestätigen. Ein US-Kommander und die bekiffte Regierung alleine überzeugen da leider noch nicht. Schade, dass die jungen Kollegen so schnell abhängig werden und ihr Gehirn gegen eine Prise Seltene Erden eintauschen.
Ob da noch was zu retten ist? Ich fürchte nicht.

oliristau

Kapitel 25 – Cementeri (2)

Er hetzte die kleine Straße hinauf, um schnell dem Blech- und Asphaltknäuel zu entkommen, und stand nach wenigen Metern vor dem gitterbewehrten Doppeltor des Cementerio de Montjuic. Der Weg schlängelte sich durch die Einfahrt sachte weiter bergan und mündete auf einen großen Parkplatz, der mit Ausnahme zweier Pkws und eines Lieferwagens verwaist war. An dem kleinen Lkw lehnten drei junge Männer in Arbeitsoveralls, die rauchten und sich miteinander unterhielten. Gegenüber erhoben sich ein paar Wirtschaftsbaracken. Die Männer sahen Jordi nach, wie er den staubigen Platz überquerte und das zentrale Friedhofsbüro betrat.

Ein Mann mit fettig glänzendem, schwarzem Haar stützte sich auf den Empfangstresen und besprach sich mit einem Kollegen. Hinter ihm hingen riesige Lagepläne an der Wand, die eine detaillierte Übersicht der Anlage zeigten. In dem schmucklosen Büro, das von einer Neonleuchte beflackert wurde, schien vor Jahrzehnten die Zeit stehen geblieben zu sein. An den Seitenwänden, von denen die gelbliche Farbe bröckelte, erhoben sich bis zur Decke Stahlregale aus den Fünfzigerjahren, die voll gepackt mit Aktenordnern waren, mit Papieren von Zehntausenden von Toten, die niemand jemals wieder einsehen würde.

Jordi wartete, bis die beiden Männer ihr Gespräch beendet hatten, dann erkundigte er sich nach dem Weg zur Plaza de la Fe. Der Tresenmanager breitete ein Faltblatt vor ihm aus und markierte den gesuchten Platz mit einem Kreuz. Die Friedhofswege führten in großen Bogen den Berg hinauf und teilten die Totenstadt in vierzehn Zonen, die die Form menschlicher Organe hatten. Abschnitt 5 war rot markiert und hatte die Form einer Niere, Nummer 7 war eine gelbe Leber, als ob die Menschen hier nach den Organen geordnet lägen, die bei ihnen zuerst ausgefallen waren.

Als er mit der Karte in der Hosentasche die Baracke wieder verließ, spürte er die feuchte Luft in seiner Lunge. Er musste husten. Der Wind trieb Wolkenfelder vor sich her, zwischen denen der blassblaue Himmel hervorlugte. Der Berg, der sich vor ihm aufbaute, war mit Kreuzen überzogen. Jordi stapfte los und erreichte die Nobelvororte der Totenstadt. Herrschaftliche Marmorgrabmale erinnerten an Stadthäuser in den Vierteln der Wohlhabenden, in denen es oft ähnlich leblos war. Riesenhafte Engel mit enormen Flügeln und gefalteten Händen bewachten die letzte Station der einstmals materiell Verwöhnten. Heute hatten sie nichts mehr von den gotischen Kathedralen im Kleinformat, die hier ringsherum erbaut worden waren. Ernst und traurig blickten die merkwürdig real scheinenden Büsten der Verstorbenen an Jordi vorbei, als wollten sie dagegen protestieren, dass sie als Gesteinsbild immer noch im Diesseits festgehalten wurden, anstatt in Ruhe vergessen zu werden.

Jordi war in eine Parallelwelt eingetreten, in der er das einzige menschliche Wesen weit und breit war. Der Lärm der Straßen zu seinen Füßen war auf ein gedämpftes Surren und Brummen zusammengeschmolzen. Während der größte städtische Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf Spaziergängern als Park und Rennradfahrern als Trainingsstrecke diente, war hier alles gespenstisch verlassen. Die stillen Zypressen, die sich in ihren schmalen Kleidern in die Höhe reckten, standen wie stumme Grenzwächter, die den Übergang zum Jenseits anzeigten.

Was war das für ein Geräusch hinter ihm gewesen, ein Kratzen und Hämmern, ein helles Schlürfen? Wohl doch nur ein verirrtes Hafengeräusch, das der Wind vom Fuße des Bergs den Toten hinaufschickte. Da noch einmal. Nein, diesmal war es ein schriller Schrei einer von einer Grabplatte aufflatternden Möwe.

Mehrere dieser Vögel, deren schmutzig-weißes Gefieder auf die Farbe der Engelstatuen abgestimmt schien, hatten sich über seinem Kopf zu einem Rundflug versammelt. Dazu erhoben sich nun von den Zypressen wie abgesprochen zwei Taubenpaare und flogen mit absichtlich lautem Geflatter über ihn hinweg. Jordi sah den Tieren nach und ließ den Blick über den Hügel schweifen, den ein Gitternetz von ockerfarbenen Wegen durchzog, hinunter auf die mittlerweile weit zurückgewichenen Verkehrsadern, in denen die Fahrzeuge auf Spielzeuggröße geschrumpft waren. Dahinter baute sich der Containerhafen auf mit seinen wie von Geisterhand gesteuerten vor und zurück sausenden Legokränen. Er musste gegen die plötzlich hervorbrechende Sonne blinzeln und mit einem Mal fiel ihm Hamburg ein und der Altonaer Balkon, von dem man ähnlich schön auf den Hafen herabblickte konnte. Das Bild wollte sich über das hiesige legen, aber es passte nicht, denn dort war der Ausblick völlig kruzifixfrei. Hamburg war weit weg und hier oben nicht anderes als eine Illusion. Die Geschäfte, die er dort betrieb, kamen ihm so fremd und unlebendig vor wie die Toten unter seinen Füßen.

Seine Armbanduhr zeigte zehn vor zwölf. Er begann unter seinem Anzug zu schwitzen, der sandige Staub hatte den Glanz seiner Schuhe erblinden lassen. Er drückte die Geldtasche wie einen vertrauten Arm, fühlte aber keine besondere Regung, als er unter dem billigen Stoff die Scheine ertastete. Er war sich sicher, auf dem richtigen Weg zu sein, unterwegs in so etwas wie einer wahren Spur, die jetzt weiter bergan führte.

Mittlerweile war die Pracht der Grabmäler großen länglichen Kästen aus aufeinandergeschichteten groben Steinen gewichen, in denen die Toten wie in Schließfächern untergebracht waren: bis zu sechs Etagen übereinander, mit schwenkbaren Klappen verschlossen, auf denen Namen und Daten der Toten eingraviert waren. Manche Angehörige hatten Fotografien in die Türen der finalen Wohnblocks geklemmt.

Er verließ die sechste „Agrupacion“. Dabei musste er die kleine Asphaltstraße überqueren, die sich wie eine Schlange über den Hügel wand und an der in der Ferne eine Bushaltestelle klebte, die zwischen den Gräbern so verlassen wirkte, als hätten sie die Menschen im stillen Einverständnis mit den jenseitigen Mächten einzig für die Nächte angelegt, in denen die Toten aus den Grüften stiegen, um sich mit dem Geisterbus zur zentralen Zombieparty fahren zu lassen. Plötzlich sprang eine dünne Katze hinter einem Busch hervor und blieb vor ihm auf einer schwarzen Grabplatte stehen. Sie fixierte ihn aus ihren undurchdringbaren Reflektoraugen, ihr Körper zitterte, dann rannte sie davon. sah sie hinter einem mit vereinzelten Blumen geschmückten Totenwohnblock verschwinden, vor dem ein geschwungenes Emailleschild den siebten Abschnitt ankündigte.

Er kramte seinen Plan hervor. Demnach musste er kurz unterhalb des Platzes stehen, der sein Ziel an diesem schrägen Ort war. Langsam erklomm er Stufe um Stufe. Er lauschte. Eine unheimliche Stille hatte die Gräber wie mit Raureif überzogen und kroch ihm über den Rücken. Vorsichtig lugte er über den Rand. Die Plaza de la Fe war ein quadratischer Platz und von Grabsteinen eingerahmt, die in den Boden eingelassen waren. Zwei Seiten gaben den Blick frei auf die tiefer liegenden Gräber, während die Mauern neuer Grabmietskasernen die beiden anderen eingrenzten. In der Mitte streckte ein schmaler Obelisk aus grauem Stein ein schwarzes Kreuz in die Höhe. Jordi sah sich zu allen Seiten um. Seine Armbanduhr zeigte kurz nach zwölf: Von Ernest war nichts zu sehen. Da unterbrach sachter Motorenlärm die Stille, und Jordi sah, wie sich vom Fuße des Berges eine dunkle Limousine die Straße hinaufschlängelte. Er wartete gespannt, doch der Wagen brummte unter der Plaza vorbei, ohne anzuhalten. Die Geräusche verebbten wieder. Er stand auf dem Scheitelpunkt des Berges, der ihm einen grandiosen Ausblick über das Meer und den Hafen bot. Er sah die Blinklichter der Terminals und hörte die entfernten Geräusche von Warnsirenen, die wie durch Watte zu ihm heraufklangen.

Jordi schlenderte von Grabplatte zu Grabplatte. Der warme Wind blies Staub über den Platz. Größe und Verzierungen der türgroßen rechteckigen Steine ließen vermuten, dass auch hier eher vermögende Familien lagen. Er las die Namen Viladeval, Martori, Soriano, Gutierrez, Ferrer, Oseti, San… ‚Moment mal’, durchrauschte es Jordi. Was stand da?

„Willst du den Toten deinen billigen Service verkaufen?“, brach plötzlich eine Stimme in seine Gedanken ein. „Die können sich zwar nicht wehren, dafür aber auch nicht zahlen“, ergänzte der Mann gehässig und ließ ein heiseres Lachen hören. Jordi fuhr herum. Er hatte Ernest seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen und hätte ihn auch nicht wieder erkannt, so fett war er unter dem dunklen Anzug. Der Speck quoll über den Kragen seines schwarzen Hemdes, das Mühe hatte, seinen Leibesumfang zu bedecken, ohne dass die Nähte platzten. Die Bügel einer dunklen Sonnenbrille zerpflügten das schüttere rötliche Haar. Wie geölt glänzten die Halbglatze und die feisten Wangen.

„Ernest?“, sagte Jordi tonlos. „Lange nicht mehr gesehen.“

„Ja, zum Glück“, erwiderte Ernest widerwillig und verschränkte seine kräftigen Arme vor der Brust.

„Wo ist Leon?“, wollte Jordi wissen.

„In Barcelona“, antwortete sein Widersacher, der sich ihm bis auf drei Schritte genähert hatte. „Zeig mir das Geld!“, blaffte er ihn an.

Jordi nahm die Tasche von der Schulter und warf sie ihm zu. Ernest zog den Reißverschluss auf und prüfte den Inhalt. Sein Blick hellte sich auf.

„Sehr schön. Ich dachte schon, Ihr wolltet mich verarschen. Aber letztlich ist auf einen Bruder doch noch Verlass, auch wenn man ihn seit Jahren aus den Augen verloren hat.“

Grob fuhr ihm ein Gelächter aus dem Mund mit den herunterhängenden Lippen.

„Wo ist Leon?“, wiederholte Jordi, jedes einzelne Wort betonend.

Ernest grinste breit, dann setzte er eine ausdruckslose Miene auf.

„Der Typ hat mehr Eier, als ich dachte.“

„Was soll das, Ernest?“, zischte Jordi. „Du hast das Geld. Ich will meinen Freund!“ Erstaunlich, dass er Leon so nannte.

„Weißt du was, edler Cousin? Er ist getürmt, einfach abgehauen. Ich habe keine Ahnung, wo er ist. Vielleicht zum Teufel gegangen oder zu den Nutten. Ist mir auch scheißegal.“ Er griff in seine Hosentasche und kramte ein schwarzes Lederportemonnaie hervor. „Das hat er bei uns vergessen. Nimm, wir sind ja keine Diebe.“ Er warf ihm die Börse zu.

Jordi starrte das Portemonnaie an, dann richtete er den Blick auf seinen Cousin. „Wenn du glaubst, dass ich noch mehr Kohle locker machen kann, dann irrst du. Es geht hier um einen Menschen, nicht um unsere krude Familiengeschichte.“

„Du wolltest ihn doch ein bisschen erschrecken. Nun ist das Vögelchen ausgeflogen, ohne den guten Onkel Deseo und den bösen Onkel Ernest um Erlaubnis zu fragen. Ich sag dir was: Der ist wahrscheinlich wieder zu Hause. Da musst du mal anrufen, aber du lässt dein Handy ja lieber aus, weil du Schiss hast. Handeln wie ein Mann: Das ist ja noch nie deine Sache gewesen.“

Ernest wandte sich um und wollte gehen. Jordi verstand nicht wirklich, was sein Cousin da von sich gab, doch er schaltete blitzschnell: „Dein Vater hieß doch Ernest, so wie du?“

Der dunkle Anzug blieb stehen. Es dauerte eine Sekunde, dann fuhr er herum. „Was soll das Familiengewäsch?“, fragte er widerwillig, doch weil er seine Sonnenbrille abgenommen hatte, konnte Jordi erkennen, dass seine Augen fiebrig glänzten.

„Hieß er nicht sogar Ernest Esteba?“

Ernest starrte ihn an und schwieg.

„Ja? Dann schau dir das mal an!“ Jordi gab den Blick auf eine schwarze Grabplatte frei, die er die ganze Zeit verdeckt hatte. Ernest machte einen zögerlichen Schritt darauf zu, dann schob er Jordi beiseite und las. Die Inschriften gaben die Namen Josep und Ernest Esteba Ferrer sowie die Geburts- und Sterbedaten wieder.

„Verdammt“, stieß Ernest zwischen den Zähnen hervor. „Das Scheißdatum stimmt, an dem der Alte ins Gras gebissen hat. Aber warum sollte der hier auf dem Montjuic liegen? Der ist doch in Girona verreckt.“

Jordi wusste keine Antwort. Tante Lucía hatte ihm gesagt, dass sein Vater ebenfalls in Girona beerdigt liege. Er war nie an seinem Grab gewesen.

„Wahrscheinlich ist das nur ein beschissener Zufall“, raunte Ernest, während wieder einmal ein paar Möwen kreischend auf sich aufmerksam machen wollten. „Der Name Ferrer kommt öfter vor.“

„Ja, vielleicht“, krächzte Jordi und dabei trafen sich ihre Augen, und zum ersten Mal schien sich so etwas wie Verständnis zwischen ihnen zu regen. Jordi sah an Ernest vorbei über die Grabhäuser, Engel und verzierten Kreuze auf den Himmel über dem Meer, wo ein Flugzeug zum Landeanflug auf den Airport von Barcelona ansetzte. Wieder jaulte eine Sirene vom Hafen herauf.

„Es tut mir leid“, sagte Jordi wie ein Idiot und heftete seinen Blick auf seinen Cousin, dem der Schweiß auf die Stirn trat und der nicht mehr als „Verdammt“ antworten konnte. Er streckte ihm die Hand hin, und Ernest sah ihn an, als würde ein kleiner Junge eine Erscheinung haben. Um die Mundwinkel präsentierte sich plötzlich ein weicher Zug, dann schlug Ernest ein, drückte seine Hand und murmelte „Scheiß Familie“.

Noch bevor Jordi irgendeine Antwort einfiel, hatte sein Cousin die feuchte Pranke wieder gelöst und sich umgedreht. Er entfernte sich, die blaue Tasche wie einen Fremdkörper über der Schulter, bis ihn die Mauern der Grabboxen verschluckt zu haben schienen.

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