oliristau

Keine Inspiration

Manchmal weiß ich einfach nicht, was ich schreiben soll. Es gibt nichts, wozu ich jetzt unbedingt meinen Senf geben müsste. Ich habe keine tollen, intelligenten Einfälle - und das seit Wochen.
Aber ganz ehrlich: muss ja auch nicht sein. Ich bin ja nicht bei meinem Blog angestellt, auch wenn mein Chef mir gerade sagte, jetzt werde es mal wieder Zeit für einen witzigen, erhellenden Blök-Beitrag.
So wie die armen Kollegen aus den Feuilletons, die sich täglich irgendetwas Schlaues aus den Fingern saugen müssen. Ich kann gut ihre Frustration verstehen, denn es gelingt ihnen selten. Etwa wenn sie versuchen, auf 100 Zeilen einen neuen Roman niederzumachen oder ein Schauspiel, wofür Autoren und Dramatiker Jahre ihres Lebens verwendet haben.
Aber es herrscht in den Kulturredaktionen ja auch ein Hauen und Stechen - schlimmer als im Iran. Beispiel: letztens schrieb “ein namhafter Kritiker, der der Redaktion bekannt ist”, unter falschen Namen einen Beitrag in der Frankfurter Rundschau über ein gerade angesagtes Buch, bei dem die junge Autorin von einem andernen Buch abgeschrieben, die Journalisten das aber in ihrem Hype nicht bemerkt hatten. Er ging kritisch mit den Kritikern ins Gericht, traute sich aber nicht, seinen Namen zu nennen.  Was wir offenbar noch nicht wussten: Die Kritikergilde und Feuilleton-Journalisten sind die meist verfolgteste Berufsgruppe überhaupt.

Aber wir brauchen solche Schlauberger, die uns den Spiegel vorhalten. Mal wieder über den Kollegen gelästert, als der reinkommt, ihn  dann angegrinst. “Hähä, na wie gehts? Siehst gut aus”

Sie benutzen aber viel intelligentere Worte. Versteht zwar keiner, aber macht Eindruck. Sollte doch einer was kapieren, versteckt man sich hinter dem eigenen Mundgeruch. Die Kollegen sind ja auch schlecht bezahlt und mit Recht frustriert, weil sie für ihre Ergüsse nie mehr Platz bekommen als 100 bis 120 Zeilen, aber viel mehr zu sagen hätten.
Mir gehts da anders. Mir fällt mir immer noch nichts ein, über das ich schreiben könnte - einfach keine Inspiration.
Na dann bis zum nächsten Versuch…

Das ist der Roman “Wertberichtigung”. Ich präsentiere ihn in fortlaufenden Auszügen. Wer alles lesen will, kauft sich das Buch (Internet, Buchhandel) oder liest in der Rubrik hier auf diesen Seiten.

 Er stürmte das Treppenhaus hinunter - Etage für Etage der Erde entgegen -, fiebernd mit schweißnassen Händen, die an den blank polierten Geländern abrutschten. Er hörte nur den Lärm seiner Schuhe auf den Treppenstufen, wusste nicht, ob sie hinter ihm her waren. Endlich erreichte er das Erdgeschoss, übersprang die letzten Stufen, riss die schwere Haustür an den Goldgriffen auf und hastete auf die Straße.
Er rannte Passanten um, die ihm erboste Blicke und Schimpftiraden hinterherwarfen. Er gab nichts darauf. Er wollte nur weg. Er bog von der Straße seines Gefängnisses ab und setzte seinen Lauf mit unveränderter Geschwindigkeit fort, bis er sich endlich traute, den Kopf zurückzuwerfen und festzustellen, dass ihm niemand zu folgen schien. Schließlich hielt er an.
Er atmete schnell. Während er sich an einer jungen Platane festhielt, arbeiteten Lunge und Herz auf Hochtouren. Er schwitzte und stank, spürte den üblen Geschmack im Mund. Er hatte nichts weiter dabei als die Kleider, die er am Leib trug, eine Hose, ein Hemd, ein Paar Schuhe. Keine Papiere, kein Geld.
Er überlegte hin und her, was jetzt am besten zu tun sei. Zum Hotel wollte er nicht zurück. Er vermutete, dass ihm seine Geschäftsfreunde dort auflauern könnten. Er musste irgendwie versuchen zu telefonieren. Wenn er Jeanette erreichen konnte, war schon viel gewonnen. Vielleicht konnte sie ihm einen Flug organisieren. Er würde schon irgendwie zum Flughafen kommen.
Er löste sich von seinem Baum und sah sich zu allen Seiten um. Wer hatte hier ein Telefon? Eine Kneipe sah er weit und breit nicht. Auf dem gegenüberliegenden Gehweg schleppte sich eine alte Frau an einem Stock vorwärts. Doch hier, geradewegs aus der Richtung, aus der er gekommen war, bog soeben eine junge Frau um die Ecke. Sie war ganz in Schwarz gekleidet mit einem verwaschenen, halblangen T-Shirt und einer Hose mit Gürteln und Silberschnallen. Ihre Haare waren ebenfalls schwarz und kurz geschnitten. Sie trug Ohrringe und ein Nasenpiercing. Die würde ihm helfen, war sich Leon sicher. Er rannte auf sie zu, sie war fünfzig Meter von ihm entfernt. Er hatte sie noch nicht erreicht, da bog ein schwarzer kräftiger Hund hinter ihr in die Straße ein, und als er Leon anrennen sah, begann er mit den Zähnen zu fletschten. Leon erschrak und wollte abbremsen, dabei stolperte er über eine von einer Baumwurzel aufgeworfene Gehwegplatte. Er wäre hingefallen, wäre er nicht mit vorgestreckten Armen gegen die Punklady geprallt. Dadurch konnte er wieder Tritt fassen, doch der Hund fand dieses Verhalten alles andere als angemessen. Die schwarze Frau, die durch den Schubser zur Seite taumelte, rief etwas, was Leon nicht verstand. Es half nichts, der Hund sprang mit einem Satz an Leon hoch und biss ihn in den Arm, den er noch blitzschnell hochreißen konnte. Leon schrie auf, und während er vor Schmerz zu Boden sank, wurde ihm schwarz vor Augen.
Rund ging die Karussellfahrt. Alles drehte sich, und er hörte die Glöckchen, mit denen die Tiere, auf denen sie saßen, verziert worden waren. Vor ihm ritt ein Freund auf einem schwarzen Hund. Der war aber süß! Doch was sollte das? Das Tier drehte sich um und kam auf ihn zu, während das Karussell anhielt. Es fing an zu bellen, und eine weibliche Stimme rief, es solle still sein. Doch warum tat sein Arm so weh?
Als Leon die Augen öffnete, sah er in ein unbekanntes Gesicht. Dunkelbraune Augen sahen prüfend auf ihn herab. Er spürte ein heftiges Pochen in seinem linken Oberarm. Er drehte den Kopf und bemerkte, dass der Hemdsärmel zerrissen war und der Arm blutete. Er blickte zurück in das Gesicht der schwarzhaarigen Frau, die sich neben ihn gekniet hatte.
„Hallo. Wie geht’s?”, fragte sie in rauchigem kastilischem Spanisch.
Er verzog das Gesicht. Er war auf den Gehsteig gebettet und sah nun, dass Passanten um sie herumstanden. Einer fing in einem Mordstempo an zu schimpfen. Leon verstand von den Worten nur Bruchstücke.
„Das liegt nur an deinem Scheißköter”, bellte der Mann die Hundebesitzerin an. „Wofür braucht ihr Drecksspatzen eigentlich diese Viecher? Wahrscheinlich treibt ihr es mit ihnen.”
Die Frau kümmerte sich nicht um ihn. Ein anderer Passant fragte:
„Wie geht’s dem Mann? Wir müssen ihn zu einem Arzt bringen.”
Jetzt wandte sie den Kopf, und Leon sah ihren sehnigen sonnengebräunten Hals, um den sich ein Lederband mit Silberanhänger wand. Ihre Haare waren völlig chaotisch geschnitten. Jedes hatte seine eigene Länge.
„Nicht nötig”, antwortete sie. „Das ist mein Freund. Ich kümmere mich um ihn.”
„Ach so, ein Familienunfall”, bemerkte eine ältere Dame und grinste auf ihn herab. Er grinste zurück, aber die gesamte Situation kam ihm mehr als überflüssig vor.
Leon hatte aufgehört zu versuchen zu verstehen, was hier mit ihm geschah. Gerade saß er noch im dunklen Kabuff, kämpfte mit Unbekannten, jetzt lag er auf den dreckigen Bodenplatten des Gehsteigs und eine unbekannte Frau kümmerte sich um ihn. Das wäre ja fast angenehm gewesen, hätte sein Arm sich nicht immer zu Wort gemeldet.
„Hey, aua”, rief er herüber. „Wie wäre es, wenn sich mal jemand um mich kümmert? Ich blute hier vor mich hin. Wer weiß, ob ich überhaupt überlebe. Immerhin hat mich ein schmutziger Köter angefallen.”
Leon versuchte sich aufzurichten.
„Warte!”, sagte die Punklady. „Kannst du denn schon aufstehen?”
„Mein Arm tut ganz schön weh”, antwortete Leon. „Man muss ihn verbinden.”
„Natürlich. Ich helfe dir erst einmal hoch.”
Sie stützte ihn unter dem Rücken, während er versuchte aufzustehen. Er spürte ihre Sehnigkeit. Außerdem roch sie gut nach Zitrone.
Als er wieder auf den Beinen war, hatten sich die Umstehenden verflüchtigt. Er besah sich seine Wunde, die nicht wirklich tief zu sein schien. Die Blutung hatte aufgehört. Seine neue Bekannte holte ein Taschentuch hervor und tupfte vorsichtig die Wundränder ab.
„Komm, ich bring dich zu einem Arzt.”
Während sie ihn im Arm hielt, schimpfte sie mit dem Hund. Leon verstand kein Wort. Es erinnerte ihn an das Nuscheln aus einem der unzähligen portugiesischen Cafés, die es in Hamburg gab.
„Was erzählst du deinem Hund?”, wollte er wissen. „Und in welcher Sprache?”
Sie trug schwarzen Lidschatten, der ihren Augen eine besondere Tiefe verlieh. „Kennst du sie nicht? Die sprechen hier alle, sogar die Ameisen und wohl auch die Fische, die um unsere Küste schwimmen. Das ist die Sprache aller Katalanen; überall auf der Welt. Wusstest du das nicht?”, fragte sie ungläubig und ihre Stirn legte sich in Falten. Ein Sonnenstrahl ließ das Piercing blinken. Noch nie hatte Leon mit jemandem näher Kontakt gehabt, der sich kleine Silberringe einbauen ließ.
„Ich weiß nicht”, antwortete er überfordert.
„Und wo kommst du her?”, wollte sie wissen.
„Aus Hamburg.”
„Bist du Deutscher?”
„Ja.”
„Du sprichst gut Spanisch.”
„Danke, das ist nett von dir.”
„Übrigens, tut mir sehr leid mit meinem Hund, aber der passt halt gut auf mich auf. Flor dachte wohl, du wolltest mich überfallen. Aber du kamst ja wirklich wie ein Rennpferd auf mich zugestürmt. Was war denn los?”
„Das erzähl ich dir später, ja? Lass uns erst mal zu einem Arzt gehen.”
Sie führte ihn zurück auf die Casanova, die Straße, wo seine kruden Pseudopartner residierten, die ihn so mäßig einquartiert hatten. Er verdrehte den Kopf, um zu sehen, ob einer seiner schrägen Kunden auf der Suche nach ihm wäre. Doch er sah nur unverdächtige Passanten, von denen mancher aufsah, der dem ungewöhnlichen Paar begegnete: der schwarz gekleideten jungen Frau in ihren halbhohen Stiefeln, dem derangierten hellhäutigen Mann mit dem zerzausten Haar und dem verletzten Arm und dem Hund.
„Ich heiße Joana. Und du?”
„Leon.”
„Bitte?”
„Ich heiße Leon.”
„Das klingt nicht sehr deutsch.”
„Heute ist das ein Modename für Kinder.”
„Du bist aber kein Kind mehr. War das auch schon vor dreißig Jahren so? Du bist doch dreißig, oder?”
„Ungefähr”, antwortete Leon. „Meine Eltern sind oft nach Spanien in den Urlaub gefahren. Dort haben sie den Namen irgendwo aufgeschnappt.”
„Das war wohl kaum in Catalunya. Leon ist nämlich ein kastilischer Name. Bei uns müsstest du Lleó heißen. Ich glaube, so werde ich dich ab sofort auch nennen.”
Ihm half ihre erfrischende Art etwas über seine physischen und psychischen Schmerzen hinweg. Sie gab ihm Sicherheit in dieser wahnwitzigen Situation.
„So, jetzt müssen wir uns aber mal dringend deinen Arm anschauen. Pass auf, wir fahren jetzt in meine Wohnung. Mein Freund Eladi wird dir helfen. Er studiert Medizin und jobbt im Krankenhaus.”
„Warum fahren wir nicht einfach zu einem richtigen Arzt”, fragte Leon besorgt, fast ängstlich. „Oder besser noch ins Krankenhaus.”
„Mach dir keine Sorgen, Lleó. Eladi ist ja ein Arzt. Und alles andere dauert zu lange und ist zu kompliziert. Im Krankenhaus brauchst du Geld und einen Ausweis. Hast du das denn?”
Joana hatte recht. Er konnte nichts anderes tun, als sich auf sie zu verlassen. Er betrachtete den Hund. Das Tier hatte weiße Flecken im schwarzen struppigen Fell. Es glänzte und auch sonst sah es ganz gut aus, fand Leon, der allerdings keine Ahnung von Hunden hatte.
„Ist dein Hund denn gesund?”, fragte er zaghaft.
Joana reagiert unwirsch: „Gesund? Wieso fragst du? Bist du gesund? Flor geht es gut. Ich sagte schon, mach dir keine Sorgen.”
Damit war das Thema für sie beendet. Und Leon kannte das Wort für Tollwut nicht. Joana hielt ein Taxi an.
„Du nimmst den Hund mit, oder?”, fragte sie den Fahrer eher rhetorisch. Der sah sie nur an und nickte. Sie unterhielten sich zunächst auf Spanisch.
„Meine Tante hat auch so ein Tier, nur kleiner. Ich finde die ja ganz nett, ich kann es nur nicht leiden, wenn sie die Gehsteige vollkacken.”
„Ach ja, findest du? Du musst ja nicht reintreten.”
„Das passiert ja manchmal einfach so.”
„Einfach so …”, ärgerte sich Joana und wechselte das Idiom. Von nun an ging es hitziger her, und zwar auf Katalanisch. Leon verstand kein Wort. Nach wenigen Minuten bedeutete seine Partnerin dem Fahrer anzuhalten und bezahlte mit ein paar Münzen die Tour.
Leon stand in einer neuen Gassenwelt. Die Menschen nutzten die schmale Straße als Gehweg, um vorwärtszukommen. Das Taxi konnte nur langsam weiterfahren.
„Ausländer gibt es hier auch”, sagte er halblaut zu sich und Joana sah ihn wegen der fremd klingenden Sprache überrascht an. Eine Gruppe muslimisch gekleideter Männer und Frauen drückte sich an ihnen vorbei, gegenüber diskutierten ein paar arabische Männer vor einem Schlachtergeschäft, dessen Glasscheibe ausschließlich arabische Schriftzeichen zierte. Die Häuser waren durch den Dreck der Jahre geschwärzt. Es roch nach Gewürzen. Über den engen Sträßchen stand noch der blassblaue Himmel, doch in den Gassen breitete sich allmählich die Dunkelheit aus.
„Das hier ist unser Viertel. Es heißt Raval und das Meer ist nur einen Steinwurf entfernt. Die Touristenstraßen und die Ramblas auch, doch hierhin verirren sich kaum Fremde. Ich glaube, es ist ihnen zu gefährlich. Du bist jedenfalls gerade der einzige.” Sie lachte und zeigte auf das Haus, neben dem sie standen. „Komm, Lleó, hier wohnen wir.”
Sie stiegen das enge Treppenhaus empor. Leon musste sich bücken und aufpassen, dass sein Arm nicht den groben Putz des Treppenhauses streifte. Sie wohnte im zweiten Stock.
„Eladi”, rief Joana in Richtung eines Durchbruchs in der rechten Wand und noch ein paar katalanische Worte hinterher. In dem Mauerrahmen, der die bloßen Steine zeigte, erschien ein Mann, der wie Joana ein schwarzes T-Shirt sowie eine Hose aus leichtem grünem Stoff trug. Sein schwarzes Haar fiel ihm in den Nacken wie ein dunkler Vorhang. Oben war es kurz geschnitten und reckte sich in die Höhe.
„Lass uns castellano reden”, sagte Joana. „Unser Freund ist Deutscher. Er versteht kein Katalanisch.”
Eladi sah sofort Leons Verletzung.
„Was ist passiert? War das Flor?”, fragte er, während er auf ihn zuging.
„Ja, Flor hat ihn gebissen. Aber es ist bestimmt nicht schlimm”, antwortete ihm Joana mit der für Leon schon fast vertrauten lässigen Gewissheit. Während sie an der Wand lehnte, hob sie ihr Kinn und warf Eladi einen Zungenkuss zu.
Leon nahm auf dem hellblauen Sofa Platz, das mitten im Raum stand. Sonst gab es hier nicht viel Mobiliar: noch einen Schrank aus hellem Nadelholz gegenüber dem Mauerdurchbruch und eine Anrichte aus groben roten Ziegeln, auf der eine silberfarbene Musikanlage stand. Eladi besah sich Leons Arm und blickte seinen Patienten wohlwollend an.
 „Wir müssen die Wunde auswaschen, man weiß ja nicht, wo die gute Flor zuvor ihre Schnauze hinein gesteckt hatte.”
Der Medizinstudent führte ihn in das Badezimmer, das am Eingang zum Wohnzimmer vom Flur abzweigte. Die Wände hatten grüne, mit Ornamenten verzierte Kacheln, von denen die meisten abgeplatzt waren und so den Blick auf den Putz und das Mauerwerk freigaben. Auch die Armaturen schienen schon seit Jahrzehnten ihren Dienst zu verrichten. Sie waren schön geschwungen und die Hähne sahen aus wie kleine Steuerräder. Doch ihr einstiger Glanz war längst der Blindheit gewichen. Das kalte Wasser ließ Leon erschaudern. Doch als Eladis Hände ihn sanft berührten, um vorsichtig die Wunde auszuwaschen, beruhigte er sich.
„So, das trocknet jetzt, und dann leg ich dir einen Verband an.”
„Kann er ein Bier trinken?”, rief Joana aus dem Wohnzimmer herüber.
„Sicher, mach ihm eines auf!” Er klopfte Leon kräftig auf die Schulter. „Das tut dir bestimmt gut.”
Leon nahm die kleine braune Flasche widerspruchslos entgegen und tat einen kräftigen Schluck. Eladi forderte ihn auf, sein Hemd auszuziehen.
„Es ist sowieso zerfetzt und ich muss den Verband um deine Schulter herum fixieren.”
Joana sah interessiert zu und schmunzelte, während Eladi ihm die Bandagen anlegte. Flor hatte sich in eine Ecke gelegt.
„So, fertig. Jetzt brauchst du noch ein schönes T-Shirt.”
Er ging in den Nebenraum und kam mit einem bunt bedruckten Oberteil zurück.
„Das passt ideal. Der Katalane kämpft immer für seine Freiheit. Du hast heute auch gekämpft, wofür auch immer.”
Das Shirt war mit einem Esel bedruckt, der vor einer rot-gelb längs gestreiften Fahne Aufstellung genommen hatte.
„Das ist unsere Antwort auf den impotenten kastilischen Stier.”
Leon warf sich das Hemd über und Joana und Eladi sahen ihn anerkennend an. Dann ergriff seine Retterin das Wort: „Wir besorgen jetzt was zu essen. Du bleibst einfach hier und ruhst dich aus. Wir sind gleich wieder zurück.”
Beide wandten sich zur Tür und verschwanden. Leon ließ sich auf das Sofa sinken, und als er sein Bier ausgetrunken hatte, spürte er die schwere Müdigkeit seines Körpers. Draußen war der Rest des Tageslichts verschwunden und die kleinen würfelförmigen, schmiedeeisernen Straßenlaternen hatten zu leuchten begonnen. Während von der Straße und den Häusern arabische Gesprächsfetzen, das Geklatsche eines Flamencos, der Lärm Gas gebender Mofamotoren und das regelmäßige Klingeln von Gläsern, die aneinanderstießen, zu ihm hinaufströmten und in seinen Gehörgängen verhallten, schlief er ein.

Ihr habt jetzt die Chance, eure Dummheit wieder gutzumachen.”
Gonzales und Ciego sahen erwartungsvoll zu Luis hoch, der sich vor ihnen als bauchiger Turm aufgebaut hatte.
„Du bist der Chef”, sagte Gonzales mit devotem Lächeln.
„Genau so ist es. Schön, dass du wenigstens das verstehst. Ihr geht jetzt zu dem Deutschen rein und verhört ihn. Ihr müsst nicht zimperlich sein, aber passt auf, dass er keinen Schaden nimmt, versteht ihr. Unsere kleine Vase soll keinen Sprung kriegen.”
Die beiden Spießgesellen grinsten doof: „Du meinst wegen des Lösegeldes?”
„Möglich, du Schlauberger. Aber macht eure Sache gut, rate ich euch. Ihr habt keine zweite Chance. Das ist kein Revierkampf auf den Kinderspielplätzen eurer Jugend. Ihr sollt etwas herausfinden, dafür muss der Mann reden können.”
„Du kannst dich auf uns verlassen. Wir werden alles geben, damit du mit uns zufrieden bist.”
Luis zog die Augenbrauen hoch. „Lass das Sklavengesülze. Die Tat zählt mehr als das Wort, hat mein Vater immer gesagt. Sonst eigentlich nicht viel. Los jetzt, ich gehe so lange nach nebenan.”
Sie wollten gerade aufbrechen, da hielt sie Luis zurück: „Halt, ihr zwei Dummköpfe, ihr wisst doch noch gar nicht, was ihr herausfinden sollt.”
„Ach, stimmt ja”, döselte Ciego.
„Fragt den Mann, was er über unser Wettsystem weiß. Er muss die Wahrheit sagen. Ernest spaßt nicht. Der lässt euch von seinen Russenfreunden zu Kaviar verarbeiten und wirft euch den Sardinen im Port Vell vor. Alles klar?”
„Klar, Chef”, salutierten die beiden und liefen los.
Sie versuchten fast gleichzeitig, sich durch die Küchentür zu zwängen, und stürmten den Gang hinunter. Bevor Luis verschwand und sich im zentralen Büroraum niederließ, rief er ihnen noch zu:
„Und klopft an! Wir behandeln unsere Gäste mit Stil, auch wenn ihr nicht wisst, was das ist.”
Ciego und Gonzales taten wie geheißen. Das Holz der Tür von Leons kleinem Gefängnis klang dumpf und schwer.
„Steiner, wir wollen mit dir reden, hörst du.”
Stille, niemand antwortete. Wieder klopften sie an die dunkle Tür.
„Bist du eingeschlafen? Na ja, hast ja auch nix zu lesen und keinen Computer, was willste da machen?”
Sie lachten dreckig. Dann lauschten sie, hörten aber nichts.
„Okay, Mann. Wir kommen jetzt rein. Aber wir warnen dich. Versuch keine Tricks!”
Gonzales und Ciego sahen sich kurz an, dann nickten sie. Gonzales steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Er drückte die Klinke und die Tür öffnete sich mit dem quietschenden Geräusch ungeölter Scharniere. Drinnen war es düster.
„Du zuerst.”
Gonzales trat in den Raum und sah sich um. Es war still. Abgestandene Luft verschlug ihm den Atem. Er erkannte, dass aus dem Rollo ein paar Lamellen herausgebrochen waren, und stutzte. Er versuchte mit seinen Augen die Dunkelheit zu durchdringen, in die der hintere Teil des Kabuffs getaucht war. Doch so schnell konnte er sich nicht an die Düsternis gewöhnen, deshalb sah er nicht, wie sich ein Schatten aus der Ecke löste, auf ihn zusprang, ihn packte und vor das Bücherregal stieß. Gonzales schrie vor Schreck auf und im nächsten Moment stürzte die armselige Bibliothek der staubigen Bücher mit einem Heidenspektakel über ihm zusammen.
Gonzales’ Kollege war im Türrahmen stehen geblieben und rief: „Mann, was ist passiert?”
Ciego zögerte, als keine Antwort kam, stieß er ein „Verdammt” aus und sprang in die Kammer. Darauf hatte Leon gewartet, der sich zurückgezogen hatte, um von Ciego nicht sofort gesehen zu werden. In dem Moment, als der Kumpan gewahr wurde, dass sein Kollege unter den Büchern lag und Leon daneben stand, war es schon zu spät. Schon hatte Leon ihm einen gezielten Tritt in die Eier verpasst. Leon warf den sich krümmenden und wimmernden Ciego beiseite und stürzte hinaus in den Flur. Es gab kaum Licht, das ihn blenden konnte, er rannte sofort in Richtung Wohnungstür. In diesem Moment lief Luis, vom Lärm aufgeschreckt, vom entgegengesetzten Ende her in den Flur und eilte zur glasverzierten Zwischentür. Als er sie aufstieß, hörte er aus dem Kabuff Gestöhne und sah gerade noch, wie Leon den Riegel der Haustür umlegte und ins Treppenhaus entkam.

Damals war die Welt in Hamburgs Elbvororten noch in Ordnung. Wir sammelten Geld und unterstützten diese Gruppierung, die versprach, die kommunistischen Auswüchse mal so richtig zu beschneiden.
Wir sind das Kapital, geben und schweigen sonst.
Auch Herr Schill konnte sich auf unsre großzügigen Spenden verlassen, als er mit dem Versprechen antrat, all das Gesocks - also auch die SPD - zu beseitigen. Wir wußten ja nicht, dass er alles wegkoksen würde.
Doch manchmal muss man auch sein Wort erheben, so wie jetzt gegen die sozialistischen Bestrebungen des Hamburger Senats, die Kinder gemeinsam länger in einer Grundschule zu quälen. Wer will schon, dass seine hübschen Kindchen mit den sauberen Jäckchen und frisch frisierten Häärchen mit Asozialen länger als notwendig zusammenleben? Die Grundschule an sich ist ja eine eigentlich schon unverantwortbare Gleichmacherei. Da kann doch niemand allen Ernstes sie auch noch verlängern wollen.
Reich bleibt reich und edel. Wir haben nichts gegen die Assis, wir wollen sie einfach nur nicht sehen. Wir wollen lernen, heißt unsere Initiative, und zwar vor allem, dass alles so bleibt wie es ist. Hätte der Mann damals den Krieg nicht so plump verloren, stünden wir hier an der Elbe noch deutlich besser da. Kriminelle Ausländer, von denen uns die Medien berichten, gäbe es keine. Alles wäre sauber. Auch die Penner, die sich bei uns am Bahnhof Blankenese rumtreiben, wären in schönen Lagern.
Wir wollen lernen, dass die Vergangenheit die besten Besipiele parat hat.
Rohrstock statt Rotze - oh da ist mir ja mal wieder ein toller Slogan für die bevorstehende Diskussion mit den Sozialisten von SPD, Grünen und CDU eingefallen. Vielleicht könnte ja auf unseren Plakaten ein ganz kleines Pluszeichen mit vier so schönen Häkchen an jedem Ende als Symbol unserer Lernbereitschaft prangen. Man muss nur Ideen haben.

Während er auf María, David und Antoni wartete, sah er sich in der Wohnung um. Auf einer Vitrine, die Gläser und Bücher aufbewahrte, entdeckte er mehrere Familienbilder. Da war eins, das sich deutlich von den anderen unterschied. Nicht nur wegen dem Schwarz-Weiß. Es entstammte auch offensichtlich einer längst vergangenen Zeit. Es zeigte einen jungen Mann von etwa achtzehn Jahren und einen Jungen von etwa zehn Jahren. Der Ältere hielt den Jungen an der Hand und sie symbolisierten dabei so etwas wie Zusammenhalt gegenüber dem Betrachter. Der junge Mann in der linken Bildhälfte trug einen dünnen Oberlippenbart und hatte einen einfachen wollenen Anzug an. Er starrte geradewegs in die Kamera. Der Junge war mit einem viel zu großen Hemd bekleidet und hatte die Augen in Erwartung der Fotografie weit aufgerissen. Beide standen vor einem knorrigen Baum, der keine Blätter mehr trug. Im Hintergrund sah Deseo ein abgeerntetes Stoppelfeld. Es musste Jahrzehnte her sein. Er wusste nicht, um wen es sich bei den beiden handelte.

Er hörte Schritte im Treppenhaus und ein kleintierartiges Quieken. Die hohe Frequenz des hellen Stimmchens verstärkte sich im Hall des Treppenhauses und übertönte jedes andere Geräusch. Wenig später hörte Deseo, wie ein Schlüssel ins Schloss geschoben wurde, und bald darauf lief ein kleiner Junge ins Wohnzimmer. Er rief: „Papa, da wohnt ein Mann auf dem Sofa.”

David legte Gitarrenmusik auf, öffnete eine Flasche Wein, während Antoni ständig angelaufen kam, seinem Papa auf den Schoß kletterte und dabei seine neusten Errungenschaften präsentierte, unter anderem eine Erbse aus der Küche und ein kleines Legofeuerwehrauto. Deseo war es nicht gewohnt, dass die Gespräche immer wieder unterbrochen werden. Aber er fand seinen kleinen Cousin sehr putzig. Antoni sprühte vor Energie, wie er sich immer wieder auf seine Spielsachen stürzte, die überall in der Wohnung verstreut lagen. Begleitet wurden diese Aktionen durch wiederkehrende, fordernde „Mama”-Rufe, auf die María zumeist freundlich antwortete.

„Ich wiederhole mich gern, Deseo. Seit Antoni auf der Welt ist, gibt es nichts Schöneres mehr in meinem Leben. Das sollte sich jeder Mann anschaffen, sonst fehlt ihm eine Aufgabe, sag ich dir. Also halt dich ran.”

Deseo antwortete, dass da ja wohl die richtige Frau dazugehöre. „Natürlich, aber die ist zu finden. Du musst nur bereit sein, ein großes Abenteuer einzugehen.”

„Ich weiß nicht. Aber neulich traf ich eine Frau, das habe ich dir ja schon am Telefon angedeutet …”

„Genau, hast du”, unterbrach ihn David. „Jetzt habe ich alle Zeit, dir zuzuhören. Liebesgeschichten sind mein bevorzugtes Genre.”

David stemmte die Hände auf die Oberschenkel, beugte sich nach vorn und sah Deseo erwartungsvoll an. Dieser begann zu sprechen, wusste aber gar nicht, wie er anfangen sollte. Also ging alles durcheinander. Erst versuchte er, ihre Schönheit zu beschreiben, fand aber nicht die richtigen Worte, erzählte dann von der Regelmäßigkeit seiner Bäckereibesuche, beschrieb anschließend einige Szenen ihres Treffens vom Vortag, kehrte dann wieder zu ihrer Erscheinung zurück, dann wieder zum gestrigen Abend und so weiter. Während er sprach, gestikulierte er mit Armen und Händen, ja, mit dem ganzen Oberkörper, um seine Worte zu unterstreichen.

„Sie war es auch, die mir geraten hat, dich anzurufen und aufzusuchen.”

„Die Frauen wissen, was gut für uns ist. Ohne sie hättest du dich vielleicht bis zum Jüngsten Tag nicht mehr gemeldet, oder?”

David lachte gerne. Das war schon früher so. Er zeigte dabei seine obere Zahnreihe, in der es munter vor Metall blinkte. Sie nahmen das Essen im Wohnzimmer ein. Der kleine Antoni saß auf seinem Kinderstuhl und aß mit großem Vergnügen eine Portion Hühnchen und Reis. Deseo fing an Blödsinn zu machen und Grimassen zu schneiden. Er machte damit bei Antoni großen Eindruck. Er quiekte wie ein Lachsack und begann selber Quatsch zu machen, bis María sie ermahnte.

„Na, da haben wir ja wohl zwei kleine Jungs am Tisch.”

Die Stimmung war ausgelassen, als sie später wieder auf dem Sofa Platz nahmen und David eine weitere Flasche öffnete.

„So, und nun erzähl mir mal, warum du nach all den Jahren zurückgekehrt bist.”

Und sein Cousin schilderte ihm die Abfolge der Ereignisse detailgenau: vom ersten Anruf Luis’ bis zum letzten Gespräch mit Ernest am Tag zuvor. Seine eigenen Absichten, dass er Leon hatte testen wollen und nun hoffte, die Zahlung mithilfe Davids zu umgehen, ließ er unter den Tisch fallen. Ihm ging es nach wie vor darum, das Geld zu retten. Er wollte von David hören, wie man Ernest beikommen könnte.

Doch jener antwortete: „Ich sehe Ernest so gut wie gar nicht mehr - das letzte Mal vor einem Jahr. Er interessiert sich weder für uns noch für Lucía. Er hat keine Frau, keine Familie, er hat schon immer etwas gefährlich Ungenießbares an sich gehabt wie ein verdorbener Fisch. Ich traue ihm alles zu.”

David nahm einen Schluck Wein und sagte, als wollte er eine beiläufige Bemerkung über den Tropfen machen: „Es wird das Beste sein, wenn du einfach bezahlst.”

Deseo spuckte den Wein auf den Holzboden, als hätte er Gift genommen. Das war es nicht gewesen, was er hören wollte. David brachte ihm einen Lappen. Nachdem er die Sauerei weggewischt hatte, argumentierte er damit, dass er das Geld für die Expansion seiner Firma brauche, schwadronierte von einem Börsengang und von zukünftigem wirtschaftlichem Erfolg.

„Was sagt denn deine Freundin dazu?”, fragte David reserviert. Deseo wich aus, sagte, sie kenne den Fall zu wenig und dass sie so lange auf den Punkt hingearbeitet hätten, an dem sie mit ihrer Firma nun stünden. Der Markt erwarte von ihnen, sich zu einer Full-Service-Agentur zu wandeln. Banken hätten Interesse bekundet: Jetzt sei der beste Zeitpunkt für einen IPO.

„Bitte was?”, fragte sein Cousin.

„Börsengang”, erklärte Deseo., „Ich könnte das alles begraben, wenn dein Scheißbruder mich abzieht”, rief er wie ein Prediger. „Dann ist alles im Arsch. Dann brauch ich gar nicht mehr nach Hause zurückzukehren.”

„Wo ist denn dein Zuhause?”, fragte David ruhig nach und sah ihn fragend an. Deseo antwortete nicht, sondern kochte und stierte stumm vor sich hin.

„Zu Hause ist nicht da, wo die Tresore mit Stahltüren stehen, sondern dort, wo das Herz wohnt. Du bist ein Supermaterialist geworden. Kann ja sein, dass ein Börsengang geile Gefühle produziert. Dass dafür andere über Leichen gehen, will ich glauben. Aber du? Ist das mein Cousin, mit dem wir Krieg und Frieden gespielt haben, der dabei immer der größte Pazifist war und der vor Wut geweint hat, wenn Ernest Ameisen zertreten hat?”

Die Stimmung war umgeschlagen. Deseo brütete unzugänglich vor sich hin, David sagte kein Wort mehr und María war im Arbeitszimmer verschwunden. Der Kontakt war abgebrochen und beide Seiten sprühten Funken für sich wie bei einer durchschnittenen Stromleitung. Dagegen sprang der kleine Antoni immer noch gut gelaunt hin und her und kümmerte sich keinen Deut um die aufgeheizte Atmosphäre und die schlechte Laune der Erwachsenen. Plötzlich blieb er vor Deseo stehen, blinzelte ihn an und versuchte dann wie ein junger Hund ihm auf den Schoß zu klettern. Deseo war überrascht und wusste zunächst nicht, wie er reagieren sollte. Antoni sah ihn aus seinen großen runden Augen an. Sie blitzten frech. Nachdem er ihn eine Weile angesehen hatte, streckte ihm Antoni die Zunge heraus und schlug ihm mit der ganzen Kraft seiner Patschehand auf den Oberschenkel und sprang davon. Deseo kam zu sich, als löste sich mit einem Schlag seine alte Rüstung und fiele ab, dann sprang er ebenfalls auf.

„Na, warte”, rief er in gespieltem Ernst, lief ihm hinterher, fing ihn ein, warf ihn ein paarmal durch die Luft und kitzelte ihn durch. Dann ließ er Antoni entfliehen, der quiekend vor Freude zu seiner Mama rannte, die mittlerweile im Türrahmen erschienen war und die Szene wohlwollend beobachtete. David stand auf und legte ihm den Arm um die Schulter.

„Komm, ich zeige dir etwas”, sagte sein Cousin aufmunternd und führte ihn langsam vor den Schrank mit den Bilderrahmen. „Kennst du die beiden hier auf dem Foto?”, fragte er ihn und zeigte auf die alte Schwarz-Weiß-Aufnahme.

Deseo schüttelte den Kopf.

„Das sind unsere Väter. Der große, das ist deiner, und der junge, das ist meiner. Wir beide kannten sie kaum. Du weißt, es gab diese Geschichte von unserem Großvater, dass ihn ein Faschist umgebracht habe und dein Vater sein Leben lang Rache nehmen wollte und so weiter.”

Deseo nickte. Er kannte diese Story, es war die einzige Geschichte, die er von seiner Familie besaß.

David fuhr fort: „Das alles ist erfunden. Unser Opa ist immer den Weibern hinterher gerannt, ohne Rücksicht auf unsere Großmutter. Er galt als intelligent und charmant und legte die Damen offenbar reihenweise flach. Da Großvater wohlhabend war - sie besaßen einen stattlichen Gutshof -, wurden seine Seitensprünge stillschweigend geduldet. Doch eines Tages hörnte er den Falschen, der ihm auflauerte und eine Flasche über den Schädel zog. Das hat der alte Bock nicht überlebt. Da der Mann Franquist war und unser Opa in dem Ruf stand, mit den Sozialisten zu sympathisieren, wurde die politische Story daraus. Dein Vater war der Lieblingssohn des Alten, während sein zweiter Sohn außer Prügel nichts von ihm zu erwarten hatte. Nach dem Tod des Alten verkaufte deiner, also Josep, einen Teil des Gutes und ließ sich in Girona nieder, während Ernests und mein Vater dem Resthof nur unter größtem Aufwand noch etwas abgewinnen konnte. Er hatte die Rolle des auserkorenen Verlierers inne, den niemand brauchte, geschweige denn schätzte. Er litt zeit seines Lebens darunter, so unerwünscht wie eine Krankheit zu sein. Die Gewalt, die er von seinem Erzeuger erfahren hatte, gab er an seinen Ältesten weiter, Ernest. Ich hab davon wenig mitbekommen. Ich war wohl noch zu klein.”

Deseo hatte sich wenig mit den Erinnerungen an seinen Vater aufgehalten. In Hamburg hatte er vermieden, über ihn zu reden, da auch seine Mutter die Historie ruhen ließ. Fast schutzlos überflutete ihn nun seine Familiengeschichte. Er schwieg und trank zur Betäubung das ganze Glas in einem Zug aus. Es half ein wenig, er konnte nach einer Weile wieder sprechen: „Und deshalb ist Ernest so geworden, wie er ist, glaubst du?”

„Ja, stell dir vor, du lernst als Kind nur Prügel und Bestrafung kennen”, argumentierte sein Cousin. „Wenn ich mir unseren Antoni anschaue, der so vergnügt und fröhlich ist. Er ist mit allem im Reinen, weil wir ihn bedingungslos lieben. Wenn der nun Eltern hätte, die ihn quälen würden, dann würde er auch jeden Glauben an das Gute im Menschen verlieren. Und Ernest hat dich von Anfang an als Projektionsfläche seines Hasses genutzt. Für ihn warst du ein verwöhnter halbdeutscher Schnösel, ungerecht bevorzugt wie sein Onkel. Er machte dich für die Gewalt verantwortlich, die er früher hatte einstecken müssen. Auch er fühlte sich zurückgesetzt. Für ihn ist es eine Genugtuung, heute von dir Geld zu verlangen und dich in Schwierigkeiten zu bringen - als Ausgleich für seine Demütigungen.”

Deseo blickte stumm zu Boden. Eine halbe Ewigkeit saß er auf dem Stuhl und heftete seine Augen auf den Holzboden. Wofür war das alles gut? Familie, Geschichte, Gegenwart, Job, Träume, Liebe? Für Deseo war alles eins und zugleich nichts - wie die Puzzleteile verschiedener Bilder. So wie sein Leben: Es bestand aus tausend Facetten, er hatte sich aber lediglich für die des Geldes und des Erfolgs interessiert. Er fühlte sich als hätte er einen Schleudergang in der  Waschmaschine hinter sich. Wehrlos wie ein Stück Wäsche auf der Leine gab er sich hin.

Mit einem Mal tauchte das Bild Leons vor ihm auf, sein unsicherer Blick, wenn er etwas entscheiden sollte, sein Lächeln, wenn er wieder ein Softwareproblem gelöst hatte. Wie es ihm ging, hatte er nie gefragt, sich für seine Lebensträume nie interessiert. Und jetzt hatte er ihn in diese Bredouille gebracht. Bei dem Gedanken, dass er den üblen Emotionen Ernests ausgeliefert sein würde, drehte sich ihm der Magen um. Leon konnte doch nichts dafür, dass sein Cousin so bekloppt war. Es waren Familienprobleme. Wenn Leon irgendetwas zustieße, es wäre einzig und allein seine Schuld.

oliristau

Kapitel 18 - Menage a trois (2)

Zügig durchschritt Montoya die große marmorne Hotelhalle. Jeanette fand die Atmosphäre nicht nur wegen der extremen Klimatisierung unterkühlt. Alles war sauber, so wie der Boden, der aus einem einzigen Stein zu bestehen schien. Eine Gruppe von Männern in Durchschnittsanzügen stand in der Halle herum. Sie hatten die Haltung von tragenden Säulen eingenommen und musterten einander mit ausdrucksloser Mimik. Montoya fixierte den Mann hinter der Rezeption, der kaum, dass er den Geschäftsmann erblickte, eine militärische Haltung einnahm. Während Montoya redete, nickte er ergeben, murmelte wiederholt ein serviles „Si“. Schließlich griff er zum Telefon und wählte eine Nummer, während er immer wieder bewundernd zu Montoya aufblickte. Jener wartete geduldig, sah sich kurz um und lächelte Jeanette mit der Überzeugung eines Mannes zu, der es gewohnt war, zu bekommen, was er wollte.

Kurz darauf näherte sich ein Mann in einem tadellos sitzenden dunklen Anzug, der feierlich seine Arme ausbreitete. Sein schwarzes Haar war weit hinter die Stirn gewichen.

„Herr Montoya, es freut mich, Sie wiederzusehen. Guten Tag, verehrte Dame. Ihre Anfrage kann ich positiv bescheiden. Die Mitarbeiterin, die Sie suchen, heißt Susanna Aigat. Sie ist eine zuverlässige Kraft unseres Hauses und kümmert sich um die Organisation von Veranstaltungen hier bei uns. Ich habe mir erlaubt, sie umgehend zu kontaktieren. Sie sagte zu, in einer halben Stunde hier zu sein. Ich hoffe, dieses Arrangement ist in Ihrem Sinne.“

„Vielen Dank, Herr Muñeca. Darf ich Ihnen meine wunderbare Begleiterin, Frau Eschneider vorstellen. Sie hat in unserer schönen Stadt geschäftlich zu tun.“

Der Hoteldirektor sah Jeanette mit Wohlwollen an. „Es freut mich, Ihnen weiterhelfen zu können. Sollten Sie auch für zukünftige Anlässe in Barcelona auf ein Hotel Ihrer Ansprüche Wert legen, stehen wir Ihnen jederzeit zur vollen Verfügung. Als Freundin von Herrn Montoya werden wir Sie selbstverständlich zu unseren Vorzugskonditionen bedienen.“

Während der Mann sprach, schien er nicht Luft zu holen. Regungslos wie ein Automat stand er Jeanette gegenüber und sah ins Leere.

„Meine Kollegen und ich setzen alles daran, den Wünschen unserer ausgewählten Gäste nachzukommen. Erlauben Sie mir, dass ich mich vorstelle: Manuel Muñeca y Mono, Direktor des Hotels.“

Muñeca wies mit einer steifen Geste den Weg und setzte sich wie ein Steinzeit-Roboter in Bewegung.

„Und, Señor Montoya, wie gestalten sich Ihre Geschäfte?“, fragte er untertänig, während sie die Halle durchmaßen.

Jeanette blieb zurück. Sie wollte diese Art der Konversation nicht fortsetzen. Sie nahm stattdessen das Interieur des Hauses in Augenschein, entdeckte den großen vielarmigen Kronleuchter, der aus der Mitte der majestätischen Decke wuchs. In seinen geschliffenen Kristallgläsern glitzerten alle Spektralfarben des Lichts.

Muñeca ließ sie in dem mit weißen und roséfarbenen Stoffen und Teppichen dekorierten Zimmer allein. An dem runden Tisch in seiner Mitte mit der weißen Tischdecke hätten bis zu acht Personen Platz gehabt. Eine Frau im schwarz-weißen Kostüm trug einen Sektkübel mit einer Flasche spanischen Champagners hinein. Unaufdringlich wie Fahrstuhlmusik drang aus unsichtbaren Lautsprechern klassische Musik.

„Ah, eine Lautenkomposition von Bach. Wie aufmerksam von Herrn Muñeca. Ich bin ein großer Freund Ihres berühmten Komponisten. Die Laute klingt immer so, als sehnte sie sich nach Spanien. Sie wissen schon“, lachte Montoya, „wegen unserer berühmten Gitarren.“

„Glauben Sie, dass uns Frau Aigat helfen kann?“, fragte Jeanette mühevoll.

„Da bin ich mir sicher“, gab Montoya zurück. „Ich habe in wichtigen Dingen ein Gespür, das mich niemals täuscht.“

Die Wartezeit verging zäh. Montoya war höflich, versuchte mit Wissen zu glänzen, doch Jeanette hörte ihm kaum zu. Als er ihre Zerstreutheit bemerkte, sagte er:

„Ich muss zugeben, dass ich Deutschland kaum kenne. Ich war einmal in Frankfurt und einmal in Düsseldorf. Erzählen Sie mir doch ein wenig von Ihrem Zuhause.“

„Mein Zuhause“, erwiderte Jeanette abwesend, „ich weiß nicht, wo das ist.“

Während sie sich das fragte, fiel ihr ein, wie sie eines regnerischen und stürmischen Tages mit Leon an die Küste gefahren war. Also begann sie, ihm die brausende Nordsee im Spätherbst zu schildern, wenn der breite Strand von St. Peter-Ording unter grauen Wogen und schäumender Gischt verschwindet, wo man in alten Holzhäusern, die auf Pfählen stehen, damit sie vom Wasser nicht fortgerissen werden können, einen Kaffee oder ein Bier in schlechter Heizungsluft trinken kann, vielleicht ein Stück Kuchen oder etwas Fett-Frittiertes dazu, und dabei durch die Scheiben auf das anrollende Meer hinunterschaut, während die schmutzig-weißen Möwen in der Luft stehen und der Wind heulend um den Gastraum jagt.

Es klopfte an der Tür. Wie eine frische Brise trat eine schlanke Frau ein, die ihre brünetten Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

„Guten Tag, ich bin Susanna Aigat“, sagte sie lebhaft. „Sie wollten mich sprechen.“

Jeanette fuhr auf. Die Frau brachte neues Leben in diese verstaubte Plüschbude und ihre Gedanken. Montoya schien plötzlich verlegen, ja, seine Stimme bekam etwas Unsicheres, Vibrierendes.

„Hat Ihnen Herr Muñeca erklärt, worum es sich dreht?“, fragte er bemüht souverän.

„Nur, dass es mit dem vorgestrigen Abend zu tun hat“, antwortete Frau Aigat. Sie stutzte und erkannte den Geschäftmann wieder. Sie fragte sich, was das nun sollte. Doch Montoya setzte sich schnell und überließ Jeanette das Feld, die sich erhoben hatte.

Sie sah das hübsche runde Gesicht der Frau, die vielleicht Mitte zwanzig und damit so alt wie sie vor zehn Jahren war. Ein zartes rosa Make-up glänzte auf ihren Wangen. Die üppigen rot gefärbten Lippen zeigten Sinnlichkeit. Ihre dunklen Augen leuchteten unter dem holunderbeerenfarbenen Lidschatten. Jeanette erklärte ihr ohne Umschweife, wen sie suchte.

„Sie haben doch an jenem Abend einen Herrn bedient. Ich muss wissen, was mit ihm geschehen ist.“

Ihre Stimme zitterte. Sie suchte doch ihren Freund. Wo war er nur? Ihre Stirn lag in Furchen wie der Wüstenboden.

Susanna blieb vorsichtig. Sie fragte kurz nach, bestätigte dann, dass sie wisse, um wen es sich handelte, dass er auf der Party gewesen sei und sie mit ihm gesprochen habe. Das wäre im Übrigen nichts Ungewöhnliches. Sie unterhalte sich gerne mit den Gästen, sofern es sich nicht um Betrunkene oder Notgeile handelt. Montoya räusperte sich bei dem Wort.

„Weshalb suchen Sie den Mann?“

„Er ist ein Partner von Frau Eschneider. Es geht um wichtige Geschäfte. Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie eine größere Auskunftsbereitschaft an den Tag legen würden“, versuchte Montoya autoritär zu wirken.

‚Ach, so läuft der Hase’, dachte sich Susanna. ‚Der Typ macht sich wichtig, weil er scharf auf die Frau ist, die den Mann sucht.’

Jeanette rang die Hände. Sie war wie gepeinigt. Verzweifelt heftete sie ihren Blick auf die Brünette.

„Er ist verschwunden, verstehen Sie. Ich muss ihn finden.“.

Susanna störte sich nicht an Montoya, denn Jeanettes Begleiter imponierte ihr nicht. Sie wusste, dass er sich an jenem späten Abend im Hotel in der Lobby aufgehalten hatte. Die Frau fand sie interessanter. Sie war weiblich so wie sie und zeigte sich verletzlich, eine Eigenschaft, die Karrierefrauen tunlichst vermieden, wie sie beobachtet hatte. Sie sah, dass diese Frau in ihrem dunklen Kostüm, mit den halblangen blonden Haaren und den traurigen grau-grünen Augen keine Detektivin oder Chefin war. Dennoch wollte sie es genauer wissen.

„Das Einzige, was ich Ihnen noch sagen kann“, antwortete Susanna beherrscht, „ist, dass Herr Steiner gegen zwölf Uhr gegangen ist. Und dass er ein paar Getränke zu sich genommen hat.“

„Was für Getränke? Alkoholische?“, wollte Jeanette genauer wissen. „Ja, ich hatte ihm meine Hausspezialität aus Cava und Wodka gemischt.“

‚Also doch’, erschrak Jeanette.

Montoya beobachtete die Szene zunehmend mit Missbilligung. Er hatte kein Interesse, dieses Gespräch fortzusetzen. Es sollte ja nur dazu dienen, Jeanette zu beeindrucken. Brauchbare Informationen sollte es nicht liefern.

„Mir scheint, wir kommen hier nicht weiter. Wir sollten zurück in unser Hotel gehen“, schlug er vor.

‚Ach, damit er sie endlich ficken kann. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass ihm der Saft schon aus den Ohren kommt.’ Susanna konnte es nicht vermeiden zu grinsen.

„Aitor“, sagte Jeanette mit betont warmer Stimme. „Ich will mit Frau Aigat kurz unter vier Augen sprechen. Sie wissen schon: von Frau zu Frau“, und auch sie musste dabei grinsen.

Nicht so Montoya, der verschnupft antwortete: „Aber Frau Eschneider: wozu? Diese Frau weiß nichts, was Sie interessieren könnte. Wir sollten unsere Nachforschungen in meinem Zimmer, ich meine, in unserem Hotel fortsetzen.“

Montoya grinste schwachsinnig und sah ein, dass er keine Chance hatte.

„Nun denn, wenn Sie meinen, von Frau zu Frau, das brächte was, will ich gerne draußen warten. Sie sollten sich aber beeilen.“

Nachdem Montoya widerwillig den Raum verlassen und die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, atmete Jeanette einmal durch und versuchte ihrer Gesprächspartnerin ein Glas Cava einzuschenken. Da aber ihre Hände vor Nervosität zitterten, vergoss sie die Hälfte auf der Tischdecke. Nach einem kurzen und peinlichen Schweigen prusteten beide wie zwei befreite Teenager los.

Jeanette sagte munter: „Das können Sie bestimmt besser, oder?“

„Jeder hat seine Vorzüge“, antwortete Susanna mit einem Augenzwinkern.

„Ja, zum Beispiel Männer verlieren“, sagte Jeanette daraufhin und diesmal lachte niemand.

„Sie sehen nicht so aus, als ob Sie damit ein Problem hätten.“.

„Aktuell schon.“

„Und was ist mit diesem seriösen Geschäftsmann?“

„Einer ist erst mal genug“, antwortete Jeanette.

„Manchmal findet man nicht das, was man sucht, sondern etwas anderes“, sagte Susanna nach einer kurzen Pause.

„Das kann sein. Kennen Sie denn meinen Begleiter?“, wollte Jeanette wissen.

„Ich habe ihn an dem betreffenden Abend gesehen. Er hielt sich in der Hotelhalle auf. Und zwar zu der Zeit, als …“

Susanna sprach nicht weiter.

„Was ist?“, fragte Jeanette vehement.

„Ich habe Ihnen noch nicht alles erzählt“, sagte sie. „Ich wollte es nicht in Anwesenheit dieses Mannes.“ Jeanette war bestürzt. Hatte diese Frau Aigat einen sechsten Sinn?

„Erzählen Sie bitte!“, forderte sie sie ungeduldig auf.

„Am Ende der Party warteten ein paar Herren auf Ihren Partner.“

Jeanette sah sie gebannt an. Susanna erzählte, wie sie an jenem Abend Leon in den Konferenzraum begleitet hatte, der diesem, in dem sie gerade saßen, sehr ähnlich war.

„Es war Teil meines Engagements des Hotels. Ich dachte mir nichts dabei“, sagte sie entschuldigend.

„Und? Was wollten die von ihm?“, fragte Jeanette drängend. Sie hatte ihre Augen aufgerissen und schien die Informationen damit wie ein Magnet anziehen zu wollen.

„Sie sagten, dass sie ihn befragen wollten. Es ging um Geschäfte. Dabei habe ich nur gehört, wie der Chef dieser Truppe, ein Russe, Ihren Leon warnte.“

Was? Sie nannte ihn beim Vornamen? Jeanette zuckte.

„Ich weiß aber nicht wovor. Leon wirkte ängstlich, aber die Typen wollten ihm nur einen kleinen Schreck einjagen.“

„Und dann?“ Die Nachfrage kam kurz und schnell wie ein Gewehrschuss zwischen ihren Lippen hervor. Susanna machte eine Pause und sah auf den Teppich hinab.

„Leon war sehr betrunken. Er konnte kaum noch stehen. Die Russen haben ihn mit Wodka abgefüllt. Dann gaben sie mir Geld, damit ich ihn nach Hause bringe.“

„Aber das haben Sie nicht.“ Jeanette spürte, wie ihr die Situation entglitt. Sie hatte Angst, Dinge zu hören, die sie nicht hören wollte.

„Leon war kaum Herr seiner Sinne. Ich fragte ihn nach seinem Hotel, aber er murmelte nur etwas vom Meer. Spanisch sprach er so gut wie gar nicht mehr.“

Jeanette fand es unglaublich. Nie hatte sie gedacht, dass sich Leon so gehen lassen konnte. Sie hatte angenommen, dass man ihn nach zwei Glas Schnaps in die nächste Notaufnahme hätte bringen müssen.

„Ich hievte ihn ins Taxi und wir fuhren zur Kathedrale ins Barrio Gotico. Dort wollte er unbedingt in eine Bar, noch etwas trinken. Ich habe mit ihm die Hotels abgeklappert, um für ihn ein Zimmer zu finden. Das war gar nicht einfach. Denn die meisten der kleinen Absteigen in der Altstadt waren bis unter die Dächer belegt. Die Touristen quollen schon aus den Fenstern. Aber ich habe es geschafft.“

„Und Sie?“

„Na ja, ich hab ihn ins Bett gelegt.“

„Mit den Klamotten?“

„Nein. Ich habe ihm natürlich Jacke und Hose ausgezogen.“

„Ach was“, stöhnte Jeanette, „und was haben Sie gemacht? Haben Sie sich zu ihm gelegt? Haben Sie mit ihm gevögelt?“

Jeanette war aufgebracht. Susanna blieb cool und schüttelte den Kopf.

„Keine Sorge, ich stehe nicht auf besoffene Typen, die nach Alkohol stinken. Bei mir läuft nichts, bevor ich nicht einen besser kenne. Ich habe ihn hingelegt und bin dann mit dem Bus nach Hause in mein kleines Appartement in Horta gefahren. Im Übrigen hätte er doch sowieso nicht mehr gekonnt“, sagte sie unbekümmert und zwinkerte ihr zu.

Jeanette starrte sie sekundenlang an, dann fiel die Anspannung ab wie eine Bleiweste, ihre Mundwinkel entspannten sich, bis sie anfing zu lachen. Die Intensität dieses Gefühlsausbruchs nahm zu, bis sie sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. Sie prustete über die Absurdität des Lebens, über ihre beschränkte Vorstellungskraft, ihre Angst, wie wenig sie das Leben doch kannte. Der arme Leon; hat sich mal einen angesoffen, schon gerät er völlig aus der Bahn.

Danach erzählte Jeanette ihrer neuen Vertrauten von dem Anruf, den sie zwei Tage zuvor erhalten hatte und in dem sich die Entführer Leons gemeldet hatten.

„Moment mal.“ Susannas Augen weiteten sich, während sie einen tiefen Atemzug nahm. „Leon hat mir noch eine Visitenkarte aus seinem Jackett gegeben. Es war aber nicht seine, wie ich am folgenden Tag festgestellt habe, als ich sie mir ansah. Sie stammt aus Barcelona“

Ihr kam eine Idee: „Das könnte ein Hinweis sein. Vielleicht gehört sie ja einem seiner Kunden. Aber“, sie fing an in ihrer kleinen Umhängetasche zu wühlen, „ich habe die Karte nicht dabei. Schade.“

Jeanette war skeptisch: „Meinst du, diese halbseidenen Typen haben Visitenkarten, damit sie die Polizei besser findet?“

„Du glaubst gar nicht, wie viele Wichtigtuer hier in dieser Stadt rumlaufen, die alle glauben, eine Visitenkarte zu brauchen“, entgegnete Susanna, die für einen Moment nachdachte.

„Pass auf“, sagte sie mit einem Mal entschlossen wie eine Detektivin, die den entscheidenden Schritt vorbereitet, „ich fahre jetzt nach Hause und begebe mich auf die Suche. Sobald ich den Karton gefunden habe, rufe ich dich an.“

Susanna erhob sich und reichte ihr die Hand.

„Ich geh mal besser. Spätestens in einer Stunde weißt du Bescheid.“

oliristau

Lieber Ikea als Europa

Hamburg-Altona will ein neues Zuhause und bekommt es. Mehr als 60.000 Menschen im Bezirk haben beim Volksentscheid über die Ansiedlung von Ikea in der Innenstadt ihr Kreuzchen an der richtigen Stelle gemacht:  bei Ikea. Das sind mehr Stimmen als CDU, SPD und FDP bei der Europawahl 2009 auf sich vereinigen konnten. Ikea sollte sich nun als politische Partei konstituieren. Meine Schweden, da ist einiges möglich.  Mit etwas Glück ist unser nächstes lokaler Bürgermeister der Ikea-Expansionschef. Dann stehen die praktischen Regale bald auch in jedem Park. Zusammengeschraubt werden sie von Hartz-IV-Empfängern oder - das spricht auch auf sozialen Ausgleich bedachte Wähler an - den mittlerweile einsitzenden Ikea-Gegnern. Denn die Gegnerschaft von Möbelhäusern sollte - wie von der FDP gefordert - zum Straftatbestand erklärt werden. Billy und Benno stehen hingegen für wahre Freundschaft. Auch wenn sie nicht reden. Sie symbolisieren etwas sehr Kostbares in unserer Zeit, die Einfachheit schlichter Gemüter. Wer braucht schon komplizierte Freunde?
Wir sollten auch endlich damit aufhören, über die Leistungen der Wirtschaft zu schimpfen. Lasst uns endlich unsere Straßen und Schulen umbenennen! Wer braucht noch lästige Widerstandskämpfer als Namensgeber? Parteispender, Waffenschieber, Baubetrüger - das sind die wahren Vorbilder. Die sollten sich endlich mal zur Wahl stellen. Ach so, stimmt ja, machen die ja längst - in einer Partei namens FDP.
Zurück zu Ikea - wir sind stolz darauf, Stadtentwicklung endlich einem privatwirtschaftlich organisierten und nach Gewinnmaximierung strebenden Unternehmen übertragen zu können. Da kommt wenigstens was raus. Nicht nur Opposition ist Mist - auch Kultur. In diesem Sinne eine Frage zum Schluss an alle mündigen Bürger: denkt ihr noch oder folgt ihr schon?
Es grüßt Euer stets ergebener Diener Dr. Herzler

oliristau

Kapitel 18 - Menage-a-trois (1)

Jeanette betrachtete sich im Spiegel. Sie zog den Lippenstift nach, suchte nach Hautunreinheiten und prüfte ihre Frisur. Dieser Montoya war ein Gentleman alter Schule, fand sie. Er hatte ein ausgezeichnetes Benehmen gezeigt, wenngleich es an Übertreibung grenzte. Aber diese klassische Art der Ehrerweisung gegenüber der Frau war in Spanien wahrscheinlich noch weiter verbreitet. Das mochte auch eine moderne Frau wie Jeanette. Die meisten Männer waren doch zu faul für Charme und Galanterie. Dass der Wert der stilvollen Aufmerksamkeit nichts mehr galt, bedauerte Jeanette insgeheim. Auch ihr Freund war da unter Deutschlands jungen Männern keine Ausnahme. Sie war gespannt auf das Treffen mit dem spanischen Señor. Was würde er ihr über Leon sagen können, was vielleicht über sie? 

Montoya wartete in der Halle und rauchte einen Zigarillo, als sie mit zehnminütiger Verspätung im Erdgeschoss aus dem Lift trat. Er erhob sich und kam ihr entgegen.

„Schön, Sie zu sehen. Sie sehen bezaubernd aus. Ich hoffe, Sie stört der Geruch des Tabaks nicht“, sagte er mit breitem Grinsen.

„Nein, gar nicht“, log sie. „Manchmal rauche ich auch eine Zigarette.“

Ihr Begleiter führte sie aus dem Hotel und schlug vor, gemeinsam Mittag zu essen. Es war früher Mittag und Jeanette hatte in der Tat Appetit.

Montoya kannte eine stilvolle Lokalität in der Nachbarschaft, die sie nach wenigen Minuten erreicht hatten.

Jeanette bewunderte die Holzdecke mit den handgearbeiteten Schnitzereien, die geschwungene Theke mit dem großen Spiegel und die alten Glasarbeiten über der Eingangstür.

„Das ist originale Glaskunst der Jahrhundertwende“, erklärte Montoya. „In der Zeit des katalanischen Jugendstils, der hier Modernisme genannt wird, erlebte sie einen Boom. Glaskünstler waren damals so wichtig wie heute die Installateure. Ein Haus ohne Glasarbeiten hätte keinen Käufer gefunden. Die reichen Leute waren damals verrückt nach solchem Interieur und überboten sich in Form und Farbe. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele gewundene Häuser, so viele Wellen in den Fassaden und so viel Kunst im Interieur wie in Barcelona.“

„Sie kennen sich gut aus. Aber Barcelona ist nicht ihr Zuhause, oder? Sie wohnen doch im Hotel.“

„Selbstverständlich. Ja sicher, Frau Eschneider. Darf ich Sie übrigens Jeanette nennen? Wir Spanier können uns einfach keine Nachnamen merken.“

Jeanette lächelte zur Antwort und fragte zurück: „Wie war Ihr Vorname noch gleich?“

„Aitor. Ich möchte gerne Ihre Frage beantworten. Ich komme aus Madrid. Auch wenn oft gesagt wird, dass sich beide Städte nicht verstünden, fühle ich mich hier sehr wohl. Wenn man wie ich in der Immobilienbranche arbeitet, hat man ohnehin wenig für diese kleinen regionalen Animositäten übrig. Sie stören nur das Geschäft.“

Montoya forderte sie auf, mit ihm an die Theke zu gehen, um sich von dem Tapas-Angebot ein Bild zu machen.

„Ich bin jemand, der sich von den Schönheiten des Lebens lieber selber überzeugt, als sich auf die Worte zu ihrer Beschreibung allein zu verlassen. Finden Sie nicht auch?“

Dabei sah er sie aus seinen dunkelbraunen Augen an, die er wie einen Mantel über sie warf. Sie spürte die wilde Energie, die sie zu fassen versuchte. Mit Mühe konzentrierte sie sich auf die Leckereien hinter der Vitrine. Sie suchte sich knusprige Hühnchenschenkel und gefüllte Paprika aus. Montoya bestellte gebackene Kartoffeln mit scharfer Soße sowie zwei Gläser Cava dazu.

Normalerweise trank Jeanette so früh am Tag keinen Alkohol, doch diesmal ließ sie es geschehen. ‚Schließlich bin ich in Spanien’, sagte sie sich. Montoya stieß mit ihr an und testete den Tropfen.

„Ausgezeichnet“, sagte er. „Cava ist eine Spezialität unseres Landes. Er wird genauso hergestellt wie Champagner. Kenner behaupten, der einzige Unterschied zu dem französischen Tropfen sei der bessere Geschmack.“

Montoya lachte breit und zeigte eine saubere Zahnreihe mit zu den Mundwinkeln hin spitzen Eckzähnen. Jeanette erinnerten sie an ein Raubtier, zumal Montoya auch volle Lippen hatte, die Fleisch sicherlich fest umspannen konnten.

„Señor Montoya“, begann sie zerstreut, wurde aber sofort unterbrochen.

„Aitor, bitte.“

„Na gut. Also, Aitor, Sie wollten mir doch erzählen, was Sie über Herrn Steiner wissen.“

„Selbstverständlich. Gerne. Bitte erlauben Sie mir nur zuvor, beim Kellner, der uns gerade die Speisen bringt, eine Flasche exzellenten Weißwein zu bestellen. Dann will ich Ihnen Rede und Antwort stehen.“

Der Ober verzog keine Miene, als er die Tellerchen vor ihnen hinstellte. Er murmelte etwas, was offensichtlich nicht einmal Montoya verstand. Jeanettes Begleiter spießte eine Kartoffel mit seiner Gabel auf, die er wie ein Boot durch die Soße fahren ließ.

„Sehr gut, die Kartoffeln. Die müssen Sie probieren.“

Er machte eine Pause, und diesmal sah er sie an, als handele es sich bei ihr um ein Dessert.

„Aitor“, sagte Jeanette streng. „Nun reden Sie schon!“

„Ach ja, entschuldigen Sie. Aber Ihre Gegenwart hindert mich einfach daran, über Geschäfte zu sprechen. Ich habe Herrn Steiner vorgestern auf einer Feier kennen gelernt, bei der es um die Nutzung von Wind- und Sonnenenergie ging“, erzählte er. „Diese sauberen Ressourcen zur Stromgewinnung werden in Spanien intensiv genutzt. Ich nehme an, dass Herr Steiner auch in diesem Geschäft tätig ist, nicht wahr?“

Sie nahm einen Schluck Weißwein und begann ein Hühnchenstück mit dem kleinen Messer zu zerlegen. Dabei fragte sie sich, wie viel sie von Leon eigentlich wusste. Er hatte ihr zwar von der Feier erzählt, aber was hatte es damit wirklich auf sich? Vielleicht gab es ja eine Seite an Leon Steiner, die sie noch nicht kannte, wie ihre Freundin Kathrin vermutete. Sie spürte eine tiefe Verunsicherung. Wer weiß, ob die Geschichte mit der Entführung nicht auch nur die Hälfte einer ganz anderen Wahrheit war.

„Haben Sie mit ihm gesprochen?“, mühte sich Jeanette zu fragen.

„Leider nur beiläufig. Er war mit ein paar meiner deutschen Geschäftspartner dort. Wir haben nur kurz über die Qualitäten der einheimischen Küche gesprochen. Herr Steiner zeigte sich sehr interessiert an den hiesigen Spezialitäten. Das galt nicht nur für die Speisen, sondern auch insbesondere für die Getränke.“

Montoya betrachtete sie ungeniert und siegesgewiss. Ihr Busen schien ihm besonders zu gefallen.

„Seine Stimmung wurde mit dem Konsum einiger flüssiger Köstlichkeiten immer ausgelassener. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Auch ich bin ein Freund des Genusses. Das ist mir sympathisch.“

Jeanette starrte ihn mit Tunnelaugen an.

„Alles in Ordnung, Jeanette?“, fragte er und lächelte gewinnend.

Sie nickte mit dem Kopf und sagte geistesabwesend: „Ja, sicher.“

Dann erhob sie sich und ergänzte: „Bitte entschuldigen Sie mich für einen Moment.“ Schnellen Schrittes verließ sie den Tisch und verschwand hinter der Toilettentür. Das war ja ein starkes Stück. Seit wann trank Leon denn Alkohol? Er war doch normalerweise schon nach einem Glas Bier betrunken. Dass er sich auf einer Party amüsierte, war ja etwas ganz Neues. Sonst tat er immer so, als machte er sich nichts daraus, stand gelangweilt am Tresen, wenn sie auf einer Feier oder in einem Klub tanzen wollte. Kaum ist der Herr mal aus dem Haus und verbringt die Nacht in einer fremden Stadt, spielt er den wilden Mann. Wahrscheinlich hat er sich auch noch ein Mäuschen angelacht. Allerdings war Leon ein schlechter Schauspieler. Die Nummer mit der Entführung gestern klang wirklich echt. Außerdem hatte er ihr ja schon am Abend zuvor von den merkwürdigen Kunden erzählt. Das schien nicht erfunden zu sein. Sie nahm ein bisschen Puder (kein weißes!) für die Nase und beschloss, Montoya nach ihnen zu fragen.

„Davon hat er nichts erzählt“, antwortete ihr Galan, als sie wieder bei ihm saß. „Wie gesagt, ich nahm an, er sei auch im Energiegeschäft tätig. Sind sie beunruhigt wegen irgendetwas?“

„Na ja, wie man es nimmt. Ich erreiche ihn einfach nicht und eigentlich wollte er schon zurückgekommen sein. Wissen Sie, ob er diese Party alleine verlassen hat?“

„Das weiß ich wirklich nicht.“

Montoya machte eine Pause und schien nachzudenken. Für einen Augenblick verfinsterte sich seine Miene, und ein Schatten legte sich auf sein Gesicht, als ob ein großer Raubvogel über ihm kreiste. Doch im nächsten Moment lächelte er wieder, als sei sie die Dame seines Herzens.

„Er schien sich gut mit einer der Bedienungen zu verstehen“, fuhr er fort. „Ich sah, wie sie miteinander sprachen. Sie hat ihm immer die Getränke gebracht. Wenn Sie wollen, können wir in dem Hotel, in dem die Veranstaltung stattfand, ihre Adresse ausfindig machen.“

Er war sehr aufgeräumt, sprach euphorisiert, so als stünde er vor einer großen Eroberung. Jeanette fand die Idee nicht schlecht, zumal ihr der Aspekt, dass er sich an Kellnerinnen ranmachte, bis dato ebenso wenig an Leon aufgefallen war.

„Sie haben doch sicherlich geschäftliche Termine, Aitor. Die sollten sie nicht verpassen, nur um einer unbekannten Frau bei der Suche zu helfen“, sagte Jeanette kühl und herauszufordernd.

Montoya zögerte etwas und antwortete dann: „Es gibt nichts Wichtigeres, als einer schönen Frau in ihren Angelegenheiten beizustehen. Ich habe zudem keine wichtigen Termine heute. Wer etwas von mir will, kann mich per Mobiltelefon erreichen.“

Da klingelte es auch schon. Montoya zog die Augenbrauen hoch und lachte.

„Es gehorcht, sehen Sie. Si?“, fragte er das Gerät. Er hörte kurz zu, dann erklärte er seinem Gesprächspartner etwas, was Jeanette nicht verstand. Es klang wie ein Befehl oder eine Anweisung in einer Sprache, die dem Spanischen ähnelte, wie Portugiesisch klang und kein Katalanisch zu sein schien. Dann beendete er das Gespräch.

„Ich habe meiner Sekretärin erklärt, dass ich in den nächsten Stunden nicht gestört werden will. Ich müsste ansonsten befürchten, dass unser anregendes Gespräch ständig wegen überflüssiger Anfragen unterbrochen wird.“

Montoya schlug vor, den Weg zum Hotel zu Fuß zurückzulegen. Während ihres Spaziergangs betätigte er sich als Fremdenführer.

„Sehen Sie all diese Fassaden? Wunderschön, nicht wahr? Vor allem fürs Geschäft. Amerikaner und Deutsche zahlen Unsummen für solch ein Haus. Schon als sie erbaut wurden, waren sie teuer. Das war Ende des 19. Jahrhunderts, als die Stadt beschloss, das Areal außerhalb der Altstadt zu bebauen. Die reichen Kaufleute und Industriellen stritten um die schönste Architektur.“

Er machte eine kurze Pause und sinnierte.

„Der Modernisme ist für unsere Branche eine Goldgrube“, fuhr er fort. „Da vorne sehen Sie übrigens eines der Häuser von Gaudi.“

„Gaudi?“, überlegte Jeanette. „Ist das der Mann mit der bis heute unvollendeten Kirche, ich meine die mit den Türmen, die aus feuchtem Sand zu bestehen scheinen, der gerade durch Kinderhände getropft ist?“

„Ja, das könnte man so sagen. Ich garantiere Ihnen, dass hier jeder Bewohner Barcelonas – auch in den Hochhaussiedlungen am Stadtrand – auf diese Häuser stolz ist. Deshalb kommt die halbe Welt zu Besuch. Und deshalb steigen hier auch die Immobilienpreise so herrlich in die Höhe.“

Montoya lächelte versonnen wie jemand, der vom Hauptgewinn einer Lotterie träumt. Sie waren vor einem Gebäude stehen geblieben, das Augen statt Fenster zu haben schien und dessen Säulen Jeanette wie Knochen vorkamen. Die Fassade bestand aus grün bis blau schimmernden Steinen und statt eines Daches besaß das Haus einen Drachenschwanz aus bunten Schildplatten. Es hätte niemanden verwundern können, wenn sich der Drache plötzlich aufgemacht hätte, um die Straße zum Meer hinunterzulaufen und sich dort einen neuen Platz in der Unterwasserwelt zu suchen.

 „Aitor, es tut mir leid, ich habe dafür jetzt keinen Sinn frei. Mir geht mein Partner durch den Kopf. Führen Sie mich bitte zu dem besagten Hotel.“

Montoya war gekränkt, warf seinen Kopf wie ein Schwan zur Seite und stürmte ein paar Meter voraus, bis er sich schließlich umwandte und sich zusammenreißend mit schmeichelnder Stimme ein „Selbstverständlich“ von sich gab. „Wir nehmen ein Taxi“, entschied ihr Begleiter und gab einem Wagen ein Zeichen. Die Droschke hielt kurz darauf vor dem Fünf-Sterne-Haus.

 

 

 

 

oliristau

Haiti: Manchmal ein Bericht Wert

Gestern war ich im Sportstudio, um den Körper fit zu halten. Während ich ein paar Hanteln versuchte zu stemmen, starrte ich auf den Bildschirm eines der  tonlos mitlaufenden Fernseher. Es lief N24. Während der Sender eine grenzdebile Reportage über abgehalftere Frauen bei einem Saufgelage auf Mallorca zeigte, wischte am unteren Rand die rote Nachrichtenzeile mit News aus Haiti durchs Bild. Die Schlagzeilen waren: Hauptstadt zu 70 Prozent zerstört - Überall Leichen - dramatische Szenen auf den Straßen - Experte: Haiti für Jahrzehnte zurückgeworfen.
Insbesondere die letzte Headline ist erstaunlich. Das Land war schon vor dem Erdbeben Jahrzehnte zurück. Es müsste jetzt wohl in die Vergangenheit reisen, um diesen Abstand noch weiter zu vergrößern.
Aber Hauptsache dramatisch in Wort und Bild. Damit es in den Kopf knallt. Dann ist gut. Übermorgen fragt keiner mehr nach.
Eine typische Szene aus einer Redaktion mehrere Tage nach dem Beben.
Junger Kollege: Chef, heute wieder Haiti vorne?
Ressortleiter: Wo denkst du hin? Das Thema ist durch!
JK: Aber den Menschen geht es doch heute noch schlechter als gestern. Darüber sollten wir berichten.
Ressortleiter: Wissen doch alle schon. Es geht im übrigen nicht um Menschen, sondern um Themen. Wir brauchen was Neues. Gabs da nicht ein Lawinenunglück?
JK: Und wenn da noch mehr sterben?
Ressortleiter: Woanders sterben auch Menschen. Die wollen auch mal auf die erste Seite.

Während ich mich mit den 8-Kilo-Hanteln abmühte, soff eine Schabracke, die trotz Fingerdicker Schichten Make-Up ihre Falten nicht verbergen konnte,  in einer Kneipe einen Schnaps nach dem nächsten. Unten hieß es weiter: enorme Seuchengefahr - Menschen verzweifelt - Tausende in Trümmern vermutet usw.
Ich schmeiß die Hanteln auf das Gestell. Wie im Fernsehen und bei der Schlagzeilensuche auch: Hauptsache laut.

oliristau

Kapitel 17 - Horizonte

 Deseo schenkte sich einen Kaffee ein und fasste die Situation zusammen. Sein Kollege war in den Händen seines Cousins. Der wollte Geld für ihn. Deseo hatte ihm eine deutliche Absage erteilt. Die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, ging nach dem gestrigen Abend nicht mehr. Es kam ihm wie ein Spiel vor, bei dem er jetzt am Zug war. Helena hatte ihm klargemacht, was er zu tun hatte. Er rief Frau Schilling an. Sie sollte ihm für den Mittag einen Flug nach Barcelona buchen. 

Er hatte seinen Cousin David seit Jahren nicht mehr kontaktiert. Als sie damals ihr Unternehmen gründeten, hatte er aufgehört, seine alten Beziehungen zu pflegen. Seitdem kümmerte er sich ausschließlich um Firmenbelange.

Als er den vergilbten Zettel in Händen hielt, fiel ihm ein, dass es recht unwahrscheinlich wäre, David nach all den Jahren noch unter der dort vermerkten Adresse erreichen zu können. David hatte in jener Zeit außerhalb Barcelonas gewohnt und sich oft über den weiten Weg in die Stadt beschwert. Die Vorstadt, hatte er gesagt, sei die Inkarnation der Langeweile. Irgendwie hatte sich Deseo vor allem diese Bemerkung seines Cousins gemerkt. Sie galt ihm in seiner Erinnerung als seine letzte.

Um den aktuellen David zu erreichen, würde es das Beste sein, ihre gemeinsame Tante anzurufen, dachte er. Lucía war wie immer hocherfreut, ihren Neffen aus der Diaspora am Apparat zu haben, ahnte gleichzeitig aber, dass es sich um etwas Wichtiges handeln musste, da er erst vor wenigen Tagen angerufen hatte – damals wegen Ernest. Jetzt erkundigte er sich nach David.

„Ach, der liebe David. Das ist doch der einzige meiner drei Neffen, der mich regelmäßig besucht“, rief sie erfreut aus. „Na ja, nicht oft. Aber einmal im Monat kommt er immer vorbei. Du weißt ja noch gar nicht, dass er Vater geworden ist. Ach, wie wunderbar. Der kleine Antoni ist ja so putzig. Er ist jetzt vier Jahre alt. David lebt mit ihm und seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in Grácia. Er arbeitet für die Zeitung.“

„Ich weiß, Tante. Das hat mir schon sein Bruder erzählt.“

„Sein Bruder? Oh, dieser Tunichtgut. Weißt du, Deseo, manchmal wünsche ich mir, dass sie Ernest bei irgendeiner seiner Gaunereien erwischen. Damit ihm mal jemand gehörig den Kopf wäscht. Der Junge hat es noch nicht einmal nötig, seine arme Tante zu Weihnachten zu besuchen“, klagte sie.

„Vielleicht kann ich dabei helfen, Tante“, antwortete ihr Deseo beschwingt. „Dafür benötige ich die Telefonnummer von David.“

Lucía gab ihm mehrere, seine Privatnummer, seine Mobilnummer und die der Redaktion.

„Du kommst doch bald?“, fragte sie fordernd.

„Bestimmt“, antwortete er.

Er versuchte es in der Redaktion.

Eine gehetzte Stimme meldete sich: „Si?“

„Guten Tag. Ich rufe aus Hamburg an und möchte David Ferrer sprechen.“

„Momento.“

Der Hörer wurde neben die Gabel gelegt und Deseo vernahm aus dem Hintergrund rufende und diskutierende Stimmen. Telefone klingelten, Gelächter, sogar Straßenlärm drang durch die Leitungen an sein Ohr.

Es dauerte eine Weile, dann schälte sich eine Stimme genauer heraus, wurde lauter, verlangte von irgendwem Kaffee und hob schließlich den Hörer auf.

„Si?“

„David?“

„Si, quien es?“

„Hier spricht Deseo.“

In der Pause, die sich im Anschluss an seine Worte ausfächerte, fragte sich Deseo nervös, wie sein Cousin wohl reagieren mochte. Und tatsächlich schien sein Gegenüber ihn nicht wirklich verstanden zu haben.

„Deseo? Wer wünscht was?“, fragte die Stimme am anderen Ende nüchtern.

„Ich wünsche David zu sprechen.“.

Der Tonfall seines Gegenübers blieb kühl: „Ah, mein Cousin aus Deutschland meldet sich mal wieder. Dieser unzuverlässige Typ.“

Mehr schien er nicht sagen zu wollen. Deseo war Davids Reaktion peinlich. Vielleicht war es ja doch eine Schnapsidee, ihn nach all den Jahren einfach so anzurufen.

 „Es tut mir leid, dass ich dich so plötzlich überfalle. Störe ich dich?“

„Ach was“, reagierte sein Cousin abwinkend, „jetzt weiß ich wenigstens, dass du noch am Leben bist. Lucía kann man ja nicht alles glauben. Was kann ich für dich tun? Kommst du vielleicht mal wieder nach Hause in unser schönes Barcelona, du Exkatalane?“

Früher war es ihm meist unangenehm gewesen, auf seine Herkunft angesprochen zu werden. Viele Deutsche machten dumme Witze über Stierkampf, Potenz und Flamenco oder nervten ihn mit irgendwelchen Urlaubserzählungen von der Costa XY. Doch jetzt war er tief gerührt. Gefühle drängten auf ihn ein, von denen er nicht wusste, wo die alle vorher gewesen waren.

„Ja, ich komme. Und zwar heute, und ich möchte gerne bei dir wohnen.“

David reagierte prompt und ausgelassen: „Was, heute? Das ist ja wunderbar. Natürlich wohnst du bei uns. Das ist viel besser als bei Lucía.“

David interessierten keine Gründe, kein Wieso und Warum und ‚Nach all den Jahren’, sondern ausschließlich seine Ankunftszeit.

Als er das Flughafengebäude in Barcelona verließ und die warme und mediterran-feuchte Luft in seine Atemorgane vordrang, überkam ihn eine Sehnsucht, die ihn schwindeln ließ. Es war, als ziehe und reiße etwas an seinem Herzen, so sehr, dass er zurückweichen musste. Er hatte ein Café im Terminal gesehen, da wollte er zunächst einen kräftigen „Café solo“ trinken.

Es tat gut, Spanisch, ja sogar Katalanisch zu sprechen, noch eine „flauta amb pernil“ zu bestellen, ein schmales Baguette mit Schinken und Salatblättern dazwischen, das allen ähnlichen Backwaren in seiner Residenzstadt trotz Helena völlig überlegen war. Es knackte beim Reinbeißen, dicke Brotkrumen platzten vom Laib ab und sprangen in Bögen davon. Er erinnerte sich, wie er diese mannigfaltigen Gaumenfreuden aus den Bäckereien seiner Heimat nach dem Umzug nach Hamburg schmerzlich vermisst hatte: die Schoko-, Mandel-, Cremeteilchen, die Schinken- und die Käseflöten.

Er wischte sich den Mund ab und rief David an.

„Super, dass du da bist. Komm in die Redaktion.“ Er gab ihm die Adresse

Deseo sprang in ein Taxi und unterhielt sich die gesamte Fahrzeit mit dem andalusischen Taxifahrer. Sie sprachen über Politik, die Stadt und Formel 1. Deseo unterbrach das Thema, sobald er irgendetwas sah, das ihn interessierte, wie zum Beispiel der Zustand der alten Stierkampfarena am Plaza Espanya.

„Hier kommt ein großes Einkaufszentrum unter“, sagte der Taxifahrer und erklärte ihm haarklein, wie lange die Baufirmen schon dabei waren, die Fassade und damit den Rest der Arena zu retten.

Als er ausstieg und wie paralysiert das Straßenbild in sich aufsaugte, begann ein Film vor seinem inneren Auge abzulaufen, der lange verschüttete Bilder an die Oberfläche brachte. Die Erinnerungen breiteten sich wie kleine Explosionen aus.

Diesen Ort hatte er immer mit seiner Mutter oder seiner Tante auf dem Weg zur Schule passieren müssen. Irgendwo hier in einer der Nebenstraßen musste sie liegen. An die Straßenkreuzung erinnerte er sich genau. Er hatte in seinem Kinderleben keine größere als die gekannt, an der sich Diagonal und der Passeig de Gracia trafen. So viel Asphalt und so viele Autos: Er war sich damals sicher gewesen, dass dies die größte Kreuzung der Welt sein musste. Versonnen starrte er auf die prächtigen Bauten am Passeig de Gracia, der hinunter zum Meer führte. Der Horizont, so fand er, war damals klarer gewesen. Jetzt wirkte das Wasser am Ende der sich verjüngenden Straßen nur wie ein dunstiger Fleck.

Da unten lagen die Ramblas mit ihren verbotenen Nebenstraßen, über die die großen Brüder seiner Schulkollegen Geschichten von Dieben, gefährlichen Frauen und Ausländern mit dicken Brieftaschen zu erzählen wussten.

Einige Minuten stand er wie angewurzelt da, dann gab er sich einen Ruck und betrat ein Eckcafé, setzte sich an den Tresen und bestellte einen Cortado.

Die Wucht der Erinnerungen und die Gefühle, die auf ihn einstürmten, hinderten ihn daran aufstehen und hinüber in die Redaktion zu gehen. Die Unfähigkeit zu handeln: Wann hatte er das zuletzt erlebt? Und auch diese starken Emotionen: Bei dem Gedanken, gleich seinen Cousin wiederzusehen, spürte er, wie die Tränendrüsen anfingen zu schmerzen. Das einzig probate Mittel war jetzt ein Brandy. Der Barkeeper schob ihm ein bauchiges Glas zu. Deseo schwenkte die warme goldene Flüssigkeit und betrachtete die kleinen Tropfen, die von den Weinbrandwellen abperlten und wie dünnes Öl an der Glaswand hinabliefen. In zwei Zügen leerte er das Glas, nahm einen tiefen Atemzug, zahlte und ging.

Er überquerte die Straße und betrat das Gebäude. Am Empfang fragte er nach seinem Cousin und man schickte ihn in die Kulturredaktion im zweiten Stock. Langsam und schwerfällig schleppte er sich die Treppen hinauf, dann betrat er einen langen Flur, von dem mehrere Räume abzweigten, in denen überall Männer und Frauen lautstark telefonierten und diskutierten – immer begleitet von den Dauersalven der Computertastaturen.

Deseo spähte in den nächsten Raum. Dort saßen drei Männer und zwei Frauen an ihren Schreibtischen, auf denen stapelweise Papiere, Prospekte und Zeitungen herumlagen. Deseo blieb im Türrahmen stehen und beobachtete die Redakteure, die in der dicken Luft von kaltem Zigarettenrauch saßen. Noch hatte ihn keiner bemerkt. Ein Mann saß mit dem Rücken zu ihm. Zettel quollen über seine Tastatur. Er wischte sie beiseite wie lästiges Ungeziefer. Dabei schaute er über den Bildschirm hinweg und beobachtete einen imaginären Horizont. Dann plötzlich stieß er sich mit den Händen von der Schreibtischkante ab und drehte sich in seinem Drehstuhl um 180 Grad. Er erblickte Deseo und stoppte abrupt die Drehung seines Stuhls. Zunächst hielt er inne und überlegte, dann wich jede Skepsis aus seinen Gesichtszügen und er begann, über das ganze Gesicht zu lachen.

„Deseo“, rief er aus und sprang auf. Er lief auf ihn zu, ließ ihn nicht entkommen und herzte ihn mit einer kräftigen und langen Umarmung.

„Toll, dich zu sehen“, sagte er.

Deseo brachte nichts heraus. Ihm stockten die Worte, als hätte er einen Haufen Mehl in der trockenen Kehle.

David schob Stifte, Zeitungen und Bücher auf einem unbesetzten Schreibtisch beiseite und lud Deseo mit einer Handbewegung ein, auf der Tischplatte Platz zu nehmen. Alle Kollegen hatten ihre Arbeit unterbrochen und schauten von ihren Stühlen interessiert zu den beiden auf.

„Das ist also mein Cousin aus Hamburg, den ich seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen habe“, erklärte er seinen Kollegen.

Die anderen Redakteure lächelten.

„Los, holt mal den Cava aus der Küche“, rief David.

„Lucía erzählte, dass du Papa bist“, war das Erste, was Deseo einfiel.

„Ja, mein Freund“, antwortete David gerührt und seine Stimme schnurrte, als er weitersprach. „Ich sage dir, es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Antoni ist das größte Geschenk meines Lebens. Liebe, Motivation, Glaube, alles auf einmal. Du wirst ihn ja später kennenlernen, deinen neuen Cousin.“

Ein Kollege brachte den spanischen Champagner und stellte sechs Gläser auf den Tisch. David nahm die Flasche und entwickelte den Drahtverschluss.

„Trinkst du auch mal in Hamburg ein Glas Cava?“, fragte er Deseo en passant, während der Korken mit einem hohlen und knallenden Geräusch davonflog.

Eine dunkelhaarige Kollegin – vielleicht Anfang dreißig – reichte ihm ein Glas. David stellte sie als seine Frau María vor.

„Ja, wir haben uns hier in der Kulturredaktion breitgemacht“, sagte María und ihre dunklen Augen glänzten.

Beide sahen sehr zufrieden aus und Deseo fühlte sich willkommen. Nach und nach strömten weitere Redakteure aus den umliegenden Räumen in das Büro.

„Wir haben gehört, dass hier gefeiert wird“, sagte einer, „da müssen wir natürlich dabei sein“, eine andere.

Irgendeiner schaltete ein Radio ein, und zwei weitere Flaschen wurden entkorkt. Musik und Cava flossen dahin, die Spontanparty war in vollem Gange, als ein Mann mit grauem, langem, gelocktem Haar seinen Kopf zur Tür hineinsteckte und ermahnend rief:

„Leute, wir haben in einer Stunde Redaktionsschluss. Wir brauchen eure Geschichten.“

Alle nickten, eine rief: „Natürlich. Wie immer.“

Deseo fühlte sich unbehaglich. Er lächelte verlegen wie ein Junge und brachte aus Sorge, seine Sprache klänge wie die eines Ausländers, kaum ein Wort hervor. Seine Beredsamkeit, seine Spontaneität waren verflogen. Der Sekt half ihm, nicht zu weinen.

Als die Redakteure alle an ihre Schreibtische zurückgekehrt waren, gaben ihm David und María die Schlüssel zu ihrer Wohnung. Sie wollten mit dem kleinen Antoni, den sie noch aus dem Kindergarten abholen mussten, gegen fünf nach Hause kommen. Bevor Deseo die Redaktion verließ, fragte David noch schnell:

„Was willst du eigentlich hier? Warum bist du wiedergekommen?“

Deseo hatte es fast vergessen.

„Es geht um deinen Bruder. Ich habe mit ihm ein Geschäft angebahnt und das läuft nicht wirklich rund“, antwortete er mit einigem Zögern.

„Ay, Ernest. Mit meinem Mordsbruder machst du Geschäfte? Ich dachte, du verdienst dein Geld auf seriöse Weise? Nun denn, lass uns später darüber sprechen“, sagte er und zwinkerte ihm zu.

Deseo entschloss sich, den Weg hoch nach Gracía zu Fuß zurückzulegen. David hatte ihm die Richtung beschrieben und einen kleinen Stadtplan mitgegeben, auf dem die Lage ihres Appartements mit einem Kugelschreiberkreuz gekennzeichnet war. Auf eine halbe Stunde hatte er den Fußmarsch taxiert. Deseo schlenderte durch die kleinen Sträßchen des ehemals selbstständigen Städtchens, das schon lange mit der Neustadt Barcelonas verwachsen war. Er ließ die Hektik der Großstadt, die neogotischen Prachtbauten zurück und tauchte in eine fast dörfliche Welt ein. Er passierte Bäckereien, Handwerksbetriebe, spähte in schmale Gassen, überquerte kleine Plätze und ging wie in Zeitlupe an alten Häusern vorbei, deren Fassaden weit weniger wuchtig waren als ein paar Straßenzüge weiter unten. Als Kind war er nie hier gewesen.

oliristau

Ikea: Swedish Invasion Part II

Eigentlich habe ich nichts gegen Ikea. Mich nervt nur, wie voll es da immer ist, wie viele Menschen sich wie bei einem Herdentrieb im Wilden Westen über die Ausstellungsflächen zwängen. Ich bekomme da Platzangst und wünsche mir einen Flammenwerfer. Deshalb wehre ich entsprechende Ansinnen meiner Frau, zu Ikea zu fahren, immer ab.
Doch langsam werde ich agressiv gegen die sich wie Schleim ausbreitende DauerPR der Schweden hier in Hamburg.  Eine gesponsorte Ikea-Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe, angebliche Gutscheine zum Einkauf über mindestens 50 Cent (wow, da lohnt die Fahrt richtig), die am Bahnhof Altona verteilt werden, geschmierte Pressesprecher des Bezirksamtes Altona und aktuell eine dubiose Pro-Ikea-Initiative, die mit den Konterfei von jungen Menschen und dem Spruch wirbt, Altona habe ohne Ikea keine Zukunft. Welche Anmaßung für ein Billig-Selbstbau-Möbelhaus.
Und warum das Ganze? Wie viele Leser dieses Blogs und anderer Publikationen wissen, wollen die Schweden ein Kaufhaus in die 70er-Jahre-Einkaufsstadt von Altona bauen. Als Anwohner kann ich dem nichts abgewinnen und habe heute schon einen Horror, wenn ich an den anrollenden Verkehr denke, den es laut Ikea aber nicht geben wird. Nur dann wäre Ikea nicht mehr Ikea. Ohne Autos funktioniert der Laden nicht. Wer hat schon Lust,  die Selbstbaukästen zu Fuß nach Hause zu schleppen?
Tut mir leid, aber ich bin wirklich angepestet, auch davon dass sich nur die “Linke” diesem Protest annimmt, selbst die Grünen vom Heilsbringer Ikea sprechen (dabei ist Weihnachten vorbei).
Auf vielfachen Wunsch möchte ich aus einem an mich gerichteten Schreiben zitieren, dass einen von mir publizierten Artikel in der Frankfurter Rundschau ( http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/1983150_Ikea-in-der-Innenstadt-Aufstand-gegen-Billy.html ) mit folgenden Worten kritisierte:

“Ja, so leicht kann es sich ein Freier Redakteur machen. Da wird über ein Bauvorhaben von IKEA geschrieben, ohne ein Wort zu einem am \”Boden\” liegenden Einkaufzentrum der 70iger Jahre zu schreiben.
Schlimmer jedoch ist, nur die Gegner von \”Billy\” zu erwähnen und zu Worte kommen zulassen und die Pro \”Billy\” nicht mal ansatzweise zu erwähnen.  
Dabei gibt es bereits 5.000 Unterschriften für und knapp über 2.000 Unterschriften gegen \”Billy\”.
Vielleicht sollte sich Ihre Zeitung mehr auf Frankfurt konzentrieren.”

Jeder möge sich ein Bild machen, insbesondere wenn der Absender des Briefes kein Wort darüber verliert, dass er im Berufsleben Sprecher der Altonaer Verwaltung  ist.
Eigentlich habe ich nichts gegen Ikea. Aber unter solchen Umständen…

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