oliristau

Kapitel 27 – Querida Familia

Hier präsentiere ich Euch meinen Roman “Wertberichtigung” (252 Seiten). Auch der käufliche Erwerb desselben in einer Buchhandlung oder im Internet ist übrigens zulässig.  Ihr unterstützt damit die Freiheit des Künstlers.

Jordi saß auf einem Steine unweit der Zahnradbahn (und dachte Bein mit Beine??? – Zitat Walther von der Vogelweide) , die den Montjuic mit der Stadt zu seinen Füßen verband – mit dem unbändigen, quirligen Häusermeer, das so aussah als wäre es einst von den Bergen des Hinterlands ausgeworfen worden und dann zäh die Hänge hinab gelaufen. Doch erstarrt war es immer noch nicht. Es brodelte wie ein Eintopf, dessen Dampf die Stadt eindunstete. Am Horizont glitzerte das von der Sonne überflutete Meer wie Alufolie.

Irgendwo da unten in diesem Gewimmel trieb sich wohl Leon herum, sofern er nicht schon nach Hause oder sonst wohin geflogen war. Er hatte sich selbst befreit: Wie war das nur dem lethargischen Mann gelungen? Na ja, dachte Jordi, dann wäre ja Deseos Plan aufgegangen, seinem Kollegen ein kleines Abenteuer zu bescheren. Deseo war eine Figur der Vergangenheit, von der er nur mit Mühe hätte sagen können, was an ihr wirklich und was erfunden gewesen war.

Jordi zog sein Handy aus der Tasche und rief Frau Schilling an. Gewohnt sachlich informierte sie ihn darüber, dass im Hotel Viento nach wie vor ein Zimmer auf den Namen Leon Steiner belegt sei. Sie habe eine entsprechende Anfrage des Hotels bestätigt.

„Herr Steiner hat sich aber seit zwei Tagen nicht mehr gemeldet. Ich nahm an, dass Sie Bescheid wissen.“

„Sehr gut, Frau Schilling. Bitte versuchen Sie ihn über sein Mobiltelefon zu erreichen.“

„Es haben auch einige Kunden angerufen wegen Terminen. Ab wann kann ich wieder welche vergeben?“

„Das wird sich in der kommenden Woche zeigen“, antwortete er kurz. „Vertrösten Sie die Leute. Sagen Sie etwas von einem Auslandstermin.“

Frau Schilling beschwerte sich, es sei schwierig, die Kunden hinzuhalten.

„Sie schaffen das schon“, sagte er ungerührt.

Was die ganzen Anrufer immer von ihm wollten? Jordi ließ seinen Blick in die Tiefe fallen. Die sollen mich alle mal in Ruhe lassen! Außerdem hatte er ohnehin keinen Schimmer, wie es weitergehen sollte. Die halbe Liquidität der Firma weg genauso wie sein Elan. Noch nie in den ganzen Jahren seiner Geschäftstätigkeit hatte er seinem Job weniger abgewinnen können. Wozu der ganze Stress? Börsengang? Welch absurde Idee für Wichtigtuer, die sonst nicht wissen, was sie tun sollen.

Seine Reflexionen wurden durch das Klingeln seines Telefons unterbrochen. Beim Versuch, es aus der Tasche zu ziehen, glitt es ihm wie ein Fisch durch die schweißfeuchten Hände und fiel in den Staub.

„Scheiße. Frau Schilling, sind Sie es?“

Doch Frau Schilling war ein Mann und hieß David.

„Was ist los? Warum fluchst du? War es so schlimm, Ernest zu treffen?“

Na ja, wie man es nahm. Jordi hatte keine große Lust, darüber nachzudenken.

„Ich habe Lucía von eurem Treffen erzählt. Sie war gerührt und musste offenbar die Tränen unterdrücken. Keine Ahnung, warum, aber sie hat uns gebeten, in anderthalb Stunden zu ihr zu kommen, es wäre wichtig. Ich kann das einrichten. Und wie sieht es bei dir aus?“

Ja, er konnte. Er hatte keine Geschäftstermine mehr, keine hochwichtigen Meetings, in denen die Zeit mit überflüssigem Gerede totgeschlagen, keine Mittagessen mit wichtigen Kunden, bei denen der Teilnehmer mit der besten Maske gesucht, und auch keine Abendevents mit ausgesuchten Geschäftsfreunden, in denen das Einmaleins der Belanglosigkeit aufgeführt wurde. Er hätte sich frei fühlen können, wenn er sich nicht wie eine einzige Lähmung vorgekommen wäre.

Was war der Sinn von all dem? Was machte er aus seinem Leben? Das hätte er gerne schon von den Sugarcanes erfahren, doch die hatten als Antwort immer nur ihre Version der Erleuchtung parat. Sie waren wie Hausierer, die anderen mit ihrem marktschreierischen Gerede so lange auf die Nerven gingen, bis sie wegliefen oder sich bedingungslos ergaben. So brachten sie ihren auf Hochglanz polierten Tand an den Mann und beschimpften jeden, der ihn nicht als edle Kostbarkeit anerkennen wollte.

Jordi kostete es mehr als eine Anstrengung, sich zu erheben. Er schien mit dem Felsen, auf dem er immer noch saß, verwachsen zu sein. Vielleicht war es auch so, vielleicht wäre er gern so: ein Teil der Natur, dauernd, aber nicht genötigt, sich jemals wieder zu bewegen.

Schließlich erhob er sich doch und legte langsam Schritt für Schritt die wenigen Meter bis zum Einstieg der Zahnradbahn zurück. Er suchte sich einen Platz in einem der abschüssig parkenden rot-weißen Waggons.

Lucía war immer lieb zu ihm gewesen und hatte auch zu seiner Mutter ein gutes Verhältnis gehabt – zumindest bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland. Denn ab da wollte seine Mama auch mit ihr nichts mehr zu tun haben; nicht weil es irgendein konkretes Zerwürfnis gegeben hätte, sondern weil sie begann, ihre ganze Geschichte in Barcelona als verlorene Zeit anzusehen.

Sie hatte Jordi gelehrt, seine spanischen Wurzeln und die Familie seines Vaters zu ignorieren. Es galt, zügig einen neuen Status im aufstrebenden Deutschland zu erwerben. Für die Herkunft aus einer rückständigen südlichen Region war noch nicht einmal aus romantischen Gründen Platz.

Jordi glorifizierte seinen Vater zwar, zugleich hatte er aber die ganze Zeit ein unbewusstes Antiprogramm gefahren, hatte Spanien gemieden, war in alle Mittelmeerländer in Urlaub gefahren mit Ausnahme der iberischen Halbinsel. Noch nie war ihm dieser Umstand ins Bewusstsein getreten, erst jetzt, als die Bahn sich ruckelnd in Bewegung setzte.

Seine Mutter hatte ihn seit ihrem Umzug mit Distanz behandelt. Ihre Liebe erschöpfte sich in Anweisungen und Ratschlägen. Er hatte anfangs das Gefühl, eine Last zu sein, irgendetwas grundsätzlich falsch zu machen. Doch mit den Jahren, in denen er älter wurde, verblassten diese depressiven Stimmungen und machten der neuen Macht Platz, der einzige Mann im Haus zu sein. Seitdem war er sein eigener Chef, konnte tun, was er wollte. Seine Mutter mischte sich nicht in seine Angelegenheiten, dafür konnte er sich auch nicht an sie anlehnen.

So lebte er sein schulisches und studentisches Leben, feierte Partys und konterkarierte zugleich die Versuche seiner Mutter, neue Partnerschaften aufzubauen. Die Männer, die sie manchmal besuchen kamen, waren allesamt „Luschen“, wie er fand. Insgeheim verglich er sie mit dem spanischen Revolutionär, für den er seinen Vater hielt – ein starker Held aus einer fernen Welt wie Hollywood.

Jordi hatte die Abfahrt der Zahnradbahn kaum wahrgenommen. Bäume und Steindämme waren vorbeigerauscht, ohne dass sie für Abbilder in seinem Gehirn gesorgt hätten. Er spürte nicht viel, als er ausstieg, kam sich vor wie eine Puppe, die von einer Fernbedienung dirigiert wurde. Mühsam versuchte er sich an einem bunten Streckenplan zu orientieren, der an einer der Mauern leuchtete. Er war wieder zur Metrostation Parallel zurückgekehrt. Doch diese Episode war abgehakt. Er schlurfte die Gänge hinunter und stieg in eine U-Bahn, die ihn bis zur Sagrada Familia fuhr, in deren Nähe Lucía wohnte.

Es war auch Jordis erste Wohnung gewesen, dort hatte er die Hälfte seiner Kindheit verbracht. Sein Herz schlug immer heftiger, je näher die U-Bahn seinem Ziel kam.

Als er den Untergrundschacht verließ, flutete das Sonnenlicht über die Straße und überströmte das mächtige Bauwerk. Jordi musste die Augen zusammenkneifen. Viel weiter waren sie ja nicht gekommen, fand er. Schon in seinen Kindertagen war die Kirche eine Baustelle gewesen. Er ließ die Touristenattraktion links liegen und hastete geradewegs in Richtung seines alten Zuhauses. Der Weg, den er einzuschlagen hatte, war in seiner Erinnerung eingemeißelt und seinem Herzen so vertraut, als hätte er ihn erst gestern zurückgelegt. Er musste der mittlerweile zur Fußgängerzone aufgestiegenen Avenida de Gaudí folgen, die geradewegs auf das Krankenhaus Sant Pau führte, in dem er zur Welt gekommen war. Als er den vom katalanischen Jugendstil geprägten Rotziegelbau erblickte, der mit seinem kirchenähnlichen Hauptportal so gar nichts mit den modernen Krankenhäusern heutiger Zeit gemein hatte, zog sich seine Brust zusammen. Eine Eisenplatte schien sein Herz zu erdrücken. Er bekam kaum Luft und musste stehen bleiben. „So eine Scheiße“, stieß er halblaut hervor und dachte kurz, dass sich so wohl ein Herzinfarkt andeutete.

Er schleppte sich bis zur nächsten Abzweigung und stützte sich auf der Rückenlehne einer Parkbank ab. Er musste an seinen Dresdenbesuch denken, als ihn die sakrale Stimmung in den Bann gezogen hatte. Eine halbe Ewigkeit schien er zu verharren und stierte auf die Trümmer seiner Vergangenheit. Vielleicht weinte er sogar, als die Bilder wie Nebelschwaden durch die Erinnerung zogen.

Er pfiff ein Lied auf seinen Lippen, grüßte eine Lebensmittelfrau zur Rechten und den Besitzer der Metzgerei zur Linken.

„Na, Jordi, wie war es in der Schule? Bestell deinen Eltern meine Empfehlung. Wie geht es deinem Vater? Er war schon lange nicht mehr da.“

„Mein Vater ist doch tot. Er ist schon lange tot.“

Und dann die letzte Wendung, und er stand vor dem alten Haus mit der frischen Farbe – früher war es weiß, heute gelb – und sein Cousin stürmte heraus und rief: „Spielen wir heute Abend noch Fußball auf der Gaudí?“, und er antwortete: „Klar, bis später“ und dann drückte er den dicken runden Klingelknopf.

Er lief die drei Stockwerke wie im Sprint hinauf und oben stand kopfschüttelnd Tante Lucía und sagte lachend: „Was hast du nur für eine Energie? Ach, hätte doch nur dein Vater etwas davon.“

„Hallo, Tante Lucía“, sagte er mit weicher Stimme, sein Hals war wie mit Watte ausgekleidet. Lucías Stirn legte sich für einen Augenblick in Falten, dann lächelte sie. Die leicht wässrigen blau strahlenden Augen betrachteten ihn liebevoll, und die ganze Gesichtshaut, die schon etwas von faltigem Pergament hatte, fing an zu vibrieren.

Während sie sich ansahen, blieb die Zeit stehen. Keine Geräusche, kein Windzug, nur die hämmernden Herzen existierten noch, und es war Lucía, die als Erste sprach.

„Jordi, mein Junge, komm doch endlich herein.“

Er betrat den langen, dunklen Flur, und als er das Licht anschalten wollte, fiel ihm wieder ein, dass die Birnen früher schon oft defekt waren, und so war es heute immer noch.

Er lachte: „Bei dem Licht hat sich nichts verändert“, und seine Anspannung löste sich etwas.

„Da hast du wohl recht. Wird Zeit, dass mich mal jemand besucht, findest du nicht?“

Als Antwort legte er ihre knochigen und kühlen Hände in die seinen und hielt sie fest. Er drückte die faltige Haut ein, die ihre Spannkraft eingebüßt hatte, aber immer noch in einer gesunden bronzenen Farbe schimmerte. Ihr Gesicht war von der Sonne gebräunt und trug nur ganz wenig Puder. Die Augenbrauen waren dezent betont und die Lider glänzten sandfarben. Sie trug ein olivgrünes Jackett und eine gleichfarbige Hose, die ihren hageren Körper betonten. Jordi nahm an, dass sie sich eigens für ihr Wiedersehen zurechtgemacht hatte.

Sie führte ihn in den großen Wohnraum mit den Fenstern, die bis zum Boden reichten und durch die das Sonnenlicht über die alten Dielenböden strömte. Er nahm in einem alten Sessel Platz, dessen dunkelbrauner Lederüberzug mit den Jahren rissig und stumpf geworden war. Er konnte sich an dieses Möbelstück nicht mehr erinnern, dafür aber an das Bücherregal, das an der Längswand hinter dem Schreibtisch lehnte und das ihm damals mit seinen vielen Böden und Büchern riesig vorgekommen war. Jetzt war es auf Normalmaß geschrumpft.

„Möchtest du etwas trinken? Vielleicht einen Kaffee?“, fragte Lucía mit kratziger Stimme.

 (Fotzsetzung folgt)

oliristau

Kapitel 26 – Flüsse (2)

„Glaubst du, dass dieser Typ uns verfolgt?“, fragte Leon atemlos, während sie durch die verwinkelte Gassenwelt hetzten. Eladi hatte sich auf ihrer Flucht immer wieder umdreht, Montoya aber nicht erblicken können. Während sie sich für eine kurze Pause an eine Hauswand lehnten, beobachtete der Katalane sorgfältig die Gasse, aus der sie kamen, bis zu einer Biegung vielleicht hundert Meter entfernt. Eine Schar strohblonder Touristen tauchte auf und drängte sich kurz darauf an ihnen vorbei. Leon glaubte, dass sie Dänisch oder Schwedisch sprachen. Er hatte Angst; dabei hatte er gehofft, dass der Albtraum endlich vorbei sein würde. Doch er war es nicht. Er wurde verfolgt von dem namenlosen Bösen. Verstört sah er in die Gesichter der Passanten, als könnte jeder ein Mörder sein. Ohne Eladi hätte er hier keine Chance gehabt.
Ein Vespafahrer hielt an und blickte die Gasse hinab. Er ließ den Zweitaktmotor laufen.
„Ich glaube, dass der Bursche dort auf dem kleinen Motorrad uns folgt“, sagte Eladi und zeigte mit dem Finger auf den Typ mit dem weißen Helm. „Aber keine Sorge, Lleó. Wir sind gleich in unserem Viertel. Da trauen sie sich nichts zu tun.“
Eladi riss ihn mit, und sie erreichten kurz darauf die Wohnung in der L’Hospital. Eine Stufe führte zur Haustür hoch. Eladi gab Leon den Schlüssel.
„Geh hinauf zu Joana. Ich halte hier unten Wacht und kümmere mich um den Vespafahrer, falls es nötig sein sollte.“
Mit zitternden Händen schob Leon den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Kaum war er im Hauseingang verschwunden, wandte sich Eladi wieder der Straße zu. Er lehnte sich lässig an die Hauswand neben dem Eingang, steckte sich eine Zigarette an und inhalierte den Rauch tief wie eine Medizin.
Mit weichen Knien schlich Leon die Etagen herauf. Er versuchte dabei jedes Geräusch zu vermeiden. Im ersten Stock blieb er für einen Moment stehen und lauschte. Nichts rührte sich. Als er Joanas Stockwerk erreichte, klopfte er an die metallene Etagentür. Da sich nichts tat, klingelte er schließlich. Das schrille Schellen breitete sich im Treppenhaus wie ein eisiger Wind aus. Leon stand auf dem Absatz, wagte nicht zu atmen und starrte angstgebannt in den dunklen Schacht der Wendeltreppe hinunter.
Joana war nicht leicht zu erschüttern, doch als sie Leons leichenblasses Gesicht sah, überkam sie doch etwas wie Sorge. Der paralysierte Mann begab sich wortlos und steif wie eine alte Maschine zum Sofa. Sie brachte ihm eine Flasche Brandy und wollte wissen, was passiert war und wo Eladi steckte.
„Diese Schweine sind immer noch hinter mir her“, presste er mühsam zwischen seinen Lippen hervor. Der brennende Stoff in seiner Kehle verlieh ihm die Kraft weiterzusprechen.
„Eladi ist unten und erwartet die Häscher“, schrie er plötzlich, als wäre er weggetreten. Er wollte zum Fenster, aber Joana hielt ihn zurück.
„Ich mache das“, sagte sie bestimmend und drückte ihn auf das Sofa.
Eladi rauchte immer noch, als der Vespafahrer in der Straße auftauchte. Er kam näher und blickte sich um, bis er Eladi schließlich entdeckte. Langsam fuhr er auf den Medizinstudenten los. Eladi fixierte ihn.
„Na, Kleiner“, schrie er den Rollerfahrer an, „mit dem Feuer zu spielen ist aber noch nichts für so Milchbubis wie dich. Im Übrigen weiß ich aus erster Hand, dass dieses Flammendesign eigens für Typen ohne Eier entworfen wurde.“
Eladi hatte gebrüllt, damit seine Beleidigungen auch von jedem in der Umgebung gut verstanden werden konnten, auch und gerade von der Figur auf dem Motorroller, die ihn jetzt hasserfüllt anstarrte. Seine Augen hinter dem Visier glühten wie Kohle und hefteten sich auf den Studenten, während er langsam weiterfuhr. Offensichtlich fiel es ihm nicht ein, die Karre einfach anzuhalten und sich mit Eladi zu messen. Er achtete nicht auf den weiteren Verlauf der Gasse und sah deshalb auch nicht das Baustellengerüst auf der linken Straßenseite auf sich zukommen. Als er das Rumpeln spürte, das sein Vorderreifen verursachte, der das Gestänge touchierte, war es zu spät. Wie von einer Keule getroffen, fiel er um und rutschte noch einige Meter über die Straße. Am gegenüberliegenden Bordstein blieb er liegen. Zwei Araber lösten sich aus dem nächsten Laden und halfen ihm auf die Beine. Der Typ hatte sich offensichtlich nicht verletzt, fluchte dafür aber umso wilder. Eladi betrachtete das Schauspiel amüsiert, hatte aber keine Augen für Montoya, der sich nur einen Steinwurf entfernt unauffällig unter einem Torbogen postiert hatte.
Der Madrilene grinste. „Mich abzuschütteln, dafür braucht es einen Profi, nicht so einen Verlierer wie diesen Typen in seinen Heilsarmeekleidern“, sagte er sich. Dieser Idiot war doch wirklich zu blöd, dass er sich direkt vor den Hauseingang stellte. Er könnte auch ein Schild mit den Worten „WIR SIND HIER“ in Leuchtschrift hochhalten. Montoyas Blick wanderte die Fassade hinauf. Und da stand ja auch so eine Punkschlampe am Fenster, die sehr gut zu diesem Schmierfink passte und als schlechte Spionin die Straße absuchte. ‚Jetzt wissen wir auch, in welchem Stock sie sind’, dachte er triumphierend.
Der Vespafahrer schüttelte die ihn bedrängenden Araber ab, sah sich noch ein paarmal um, während er sich mit seiner beschädigten Karre murrend entfernte. Schon war er hinter der Enge der sich zusammendrängenden Häuser verschwunden. Eladi hatte gerade beschlossen, zu Joana und Leon hinaufzugehen, da erblickten seine Augen ein ungewöhnliches Frauenpaar, das die Gasse heraufkam. Die eine trug ein für das Raval ungewöhnliches Businesskostüm, die andere wirkte mit ihrem frechen Pferdeschwanz eher wie eine Kunststudentin. Jede verbarg einen ansehnlich geformten Busen unter ihrer Bluse, so viel war für Eladi sicher.
Sie liefen die Hausnummern ab. „Gleich muss es kommen“, sagte Susanna, als Jeanette nach einem flüchtigen Seitenblick abrupt stehen blieb. Im Abzweig zu einer Nebengasse duckte sich der Mann, der sich noch am Vormittag als ihr Schmalspurcharmeur versucht hatte.
„Da ist ja Aitor“, rief sie Susanna zu, die den Kopf sofort in Montoyas Richtung drehte. Dieser erkannte die Frauen zeitgleich und suchte nach einem Versteck. Aber es war zu spät.
Eladi beobachtete, wie die beiden attraktiven Frauen plötzlich die Straßenseite wechselten und sich einem Mann zuwandten, bei dem es sich – das ist ja ein Ding – um diesen langhaarigen Franquisten aus Leons Hotel handelte.
Am ganzen Körper zitternd, sprach Jeanette Montoya an: „Was machen Sie denn hier, Sie mäßiger Frauenversteher? Suchen Sie Herrn Steiner jetzt auf eigene Faust, Sie Lügner?“
Nichts wollte Jeanette mehr, als Montoya zu demütigen. Dieser hatte seine Schlagfertigkeit verloren und stotterte sich ein „Ach, welch Freude, Frau Eschneider“ ab.
Die Angesprochene echote ihm „Frau Eschneider“ entgegen und vervollständigte „… interessiert sich für Herrn Esteiner.“
Er schrumpfte unter ihren Blicken zusammen wie ein Würstchen im Feuer. Fasziniert verfolgte Eladi die Ereignisse.
„Sie stecken doch mit den russischen Ganoven unter einer Decke“, bekam Montoya nun auch noch von Susanna eine Breitseite.
„Aber meine Damen“, versuchte er es auf die joviale Tour, als sein Handy – auch das noch – klingelte.
Verlegen wie ein Schuljunge zog er sein silbernes Kommunikationsgerät aus der Hosentasche und beantwortete den Anruf mit einem unwirschen „Si“. Er hörte dem Anrufer zu, seine Augen weiteten sich.
„In Ordnung, Ernest. Wir ziehen uns zurück.“
Plötzlich hatte er es eilig: „Bitte entschuldigen Sie mich. Eine wichtige geschäftliche Angelegenheit verlangt meine Aufmerksamkeit.“
Er stahl sich wie ein Hund aus dem Torbogen und eilte davon, nicht ohne über einen Steinvorsprung zu stolpern.
Eladi hatte sich genähert und fragte ohne Umschweife: „Ihr kennt dieses Arschloch?“
Beide entließen Montoya aus der visuellen Verfolgung und nahmen den neuen Typen in Augenschein. Der machte zumindest auf Susanna einen wesentlich angenehmeren Eindruck. Jeanette fiel die Einordnung dieses leicht abgerissen wirkenden Mannes noch schwer.
Die Deutsche gab aber nichts drum und reagierte prompt: „Na, das wird ja immer besser. Du etwa auch? Dann kannst du uns wahrscheinlich auch endlich erklären, wo sich Leon Steiner befindet. Das ist ein Mann …“
Sie zögerte und wusste zunächst nicht, wie sie weiterreden sollte.
„… ein Mann, den wir halt suchen“, erklärte sie schließlich, um dann loszuschreien: „Verdammt, was ist das hier alles für ein Theater!“
Sie stampfte unwillig und wütend auf den Boden, wobei ein Absatz abbrach. „Scheiße“, fluchte sie und das harte deutsche Wort wurde von den Wänden ebenso hart zurückgeworfen. 

oliristau

Kapitel 26 – Flüsse (1)

 Das ist mein Roman Wertberichtigung, den ich hier in chronolgischen Auszügen präsentiere. Wer mehr lesen will, kann das hier auf diesen Seiten unter der Rubrik “Wertberichtigung – Das Buch” tun oder das auch optisch ansprechende Werk per mail, in der Buchhandlung oder im Internet bestellen..

Leon sträubte sich, zurück in sein Hotel zu gehen. Er fühlte sich gut aufgehoben bei Eladi und Joana und wollte eine mögliche Begegnung mit seinen Entführern vermeiden. Joana erinnerte ihn aber daran, dass er versprochen hatte, Jeanette eine Nachricht zu hinterlassen, und so machte er sich auf den Weg. Eladi begleitete ihn als seine Schutzperson. Zuvor hatte ihm sein Leibwächter ein neues katalanisches Eselshirt mitgebracht. „Freunde von mir bedrucken und verkaufen T-Shirts hier im Raval. Der Esel ist im Moment der größte Renner. Er hat zwar keine dicken Eier wie der dumme Ochse, aber er wird dir umso mehr Kraft geben.“
Nun zierte das störrische Nationaltier seine Brust, sein zerrissenes Hemd war im Müll gelandet. Die Anzugjacke hatte er ebenso wie seine Krawatte und – was das Schlimmste war – sein Portemonnaie in der Wohnung der Kidnapper zurückgelassen. Aber er hoffte, im Hotel mithilfe von Lichtmann frisches Geld auftreiben zu können. Jeanette verschwand bei diesen Überlegungen wieder auf die hinteren Plätze seiner Agenda.
Das Hotel lag zu Fuß etwa zehn Minuten entfernt. Der Regen, der gegen Nachmittag eingesetzt hatte, war weitergezogen, hatte der Stadt aber eine drückende Schwüle hinterlassen. Leon schwitzte bei jedem Schritt. Der Rücken unter dem schwarzen T-Shirt war nach ein paar Schritten nass.
„Ich gehe zuerst hinein“, bestimmte Eladi, kurz bevor das Eingangsportal des Hotels in Sicht kam. „Ich werde überprüfen, ob sich dort irgendwelche schleimigen Figuren herumdrücken. Dafür habe ich einen sechsten Sinn, denn in einem früheren Leben war ich Detektiv.“
Er setzte sich in Bewegung und überquerte die Straße, während Leon auf der anderen Straßenseite zurückblieb. Die in hoher Taktzahl vorbeiwischenden Fahrzeuge machten es ihm unmöglich, den Hoteleingang ungestört zu beobachten. Als eine Ampel auf Rot sprang, hatte sich binnen Sekunden eine undurchdringbare Fahrzeugwand gebildet, die seine Sicht vollständig verdeckte. Als sich der Verkehr wieder auflöste, war Eladi nicht mehr zu sehen. Er hatte die Eingangstür passiert.
In dem Hotel mit den gewienerten Böden und dem kühlenden Rauschen der Klimaanlage wirkte er wie ein Fremdkörper. Seine ungebändigten Haare waren ein Zeichen für Jugendlichkeit und Unabhängigkeit – zumindest in den Augen des spießigen Concierges, dem überdies sofort klar war, dass es sich bei diesem Besucher um keinen kapitalkräftigen Gast handeln konnte.
Mit zusammengekniffenen Augen sah der Mann mit der Gelfrisur Eladi auf sich zukommen. Dessen schlabbernde Baumwollhose verstärkte den Widerwillen des Hotelangestellten.
„Guten Tag, ich will Herrn Steiner sprechen. Können Sie mal nachsehen, ob er im Hause ist?“, forderte ihn Eladi auf. Sein Gegenüber war nicht älter als er, hatte sich aber offenbar für einen anderen Lebensweg entschieden, auf dem der Begriff des Dienens eine zentrale Rolle spielte. Deshalb wagte er es nicht, Eladis Ansinnen abzuweisen, und schaute missmutig in seine Liste. Als er den Namen „Steiner“ tatsächlich entdeckte, zog er die Augenbrauen hoch. Der Mann war seit zwei Tagen nicht mehr aufgetaucht. Man hatte ihn nicht befragen können, ob er seinen Aufenthalt verlängern wollte. Man hatte ihm das Zimmer einfach weiter überlassen, nachdem man mit seiner Firma Rücksprache gehalten hatte.
Bereits am Vormittag hatte eine Dame nach dem Gast gefragt. Außerdem interessierten sich weitere Geschäftsleute für seinen Verbleib. Er hatte einem seriösen Kunden zugesichert, Bescheid zu geben, sobald Steiner auftauchen sollte. Als er nach einer Antwort für Eladi suchte, entschied sich der Gegelte, jenen Herrn auch über das Ersuchen dieses Anarchisten vor ihm zu informieren.
„Tut mir leid“, zwang er sich zu sagen, „Herr Steiner ist nicht da.“
„Das wissen Sie, ohne zu telefonieren?“
„Sein Schlüssel liegt im Fach“, antwortete der Hotelangestellte unwillig.
Eladi sah sich um. Ein paar Männer saßen in den Ledersesseln der Lobby und lasen ausländische Zeitungen. Sie interessierten sich ebenso wenig für ihn wie die beiden Touristinnen, die an der Rezeption neben ihm standen und Faltblätter mit Werbung und Veranstaltungstipps studierten. Gegenüber verließen zwei Männer in kurzen Hosen und City-Hemden den Aufzug. Auch diese waren unverdächtig. Eladi war zufrieden. Leon konnte kommen. Er bedankte sich kurz, verließ das Hotel und eilte zurück.
„Es ist alles normal da drinnen. Stinknormal. So normal, dass es krank machen kann. Die sterile Atmosphäre erinnert mich an die Pathologie.“
Nun machte sich Leon auf den Weg. Kaum hatte er den Vorraum betreten, war auch er bei dem Rezeptionsmanager durchgefallen, der nicht aus Katalonien stammte und deshalb das Nationaltier nicht leiden konnte, das Leon auf der Brust trug und das für das Hotel alles andere als angemessen war.
„Guten Tag, mein Name ist Steiner. Liegen Nachrichten für mich vor?“
Der Gegelte starrte ihn an. Jetzt kam der Mann sogar selbst? Sehr merkwürdig. Er riss sich zusammen, denn er hatte gelernt, dass die zahlende Kundschaft immer recht hat.
„Tut mir leid, es ist nichts für sie da.“
„Ist Herr Lichtmann noch zu Gast?“, fragte Leon weiter.
Eladi wollte die Lage im Auge behalten und hatte sich in sicherer Entfernung einen Platz gesucht, von dem er den Eingang im Auge behalten konnte. Da sah er, wie ein Taxi vorfuhr. Die Tür klappte auf und ein Anzug- und Krawattenmann mit langen grau melierten Haaren stieg aus. Ohne Gepäck eilte er den Eingangstüren entgegen, die sich automatisch vor ihm öffneten.
Der Mann mit der Schlüsselgewalt hatte mittlerweile herausbekommen, dass Lichtmann noch Hotelgast, aber zurzeit nicht anwesend war. Leon schrieb gerade die Notiz für Jeanette.
„Liebe Jeanette, mir geht es gut. Wenn ich hier nicht zu erreichen bin, findest du mich bei Joana und Eladi in der Carrer de L’Hospital …“ Er notierte die Adresse seiner beiden neuen Freunde.
Der Gegelte, der, während Leon schrieb, das Eingangsportal im Blick hatte, riss die Augen auf. Das war ja schnell gegangen. Der bekannte Hotelkunde näherte sich und blieb direkt hinter Leon stehen, sodass er ihn jeden Moment packen konnte. Währenddessen nahm der Lakai Leons Nachricht entgegen und fragte: „Bis wann will der Herr noch bleiben?“
Leon hatte sich darüber keine Gedanken gemacht. „Mindestens eine, vielleicht zwei Nächte“, antwortete er schließlich.
Damit wandte sich der Angestellte an den neuen Gast. „Guten Tag, Herr Montoya“, sagte er devot. Leon beachtete ihn nicht weiter und wollte gerade kehrtmachen, um Eladi hereinzubitten, als er von einer fremden Stimme auf Spanisch angesprochen wurde „Herr Esteiner?“
Leon fuhr zusammen. „Wer sind Sie?“, fragte er erschrocken.
„Mein Name ist Aitor Montoya. Würden Sie mich bitte begleiten“, sagte dieser fast tonlos, während er ihn fixierte, als wollte er ihn mit Gewalt hypnotisieren. „Worum geht es?“, fragte er, von der Autorität des Mannes bereits beeindruckt.
„Wir haben gemeinsame Geschäftsfreunde. Mit diesen werde ich Sie zusammenbringen, damit Sie ihren Verpflichtungen nachkommen können“, antwortete er mit tiefernster Stimme.
Eladi war näher herangekommen und blickte durch den gläsernen Vorbau in die Lobby. Er erkannte, dass sich Leon im Gespräch mit dem Neuankömmling befand, und spürte, wie sich seine Bauchdecke anspannte. Als angehender Mediziner hatte er nicht nur ein Interesse für die Funktionsweise des menschlichen Körpers im Allgemeinen entwickelt, sondern auch für die Sprache seines eigenen im Speziellen. Diese sagte ihm recht deutlich, dass hier etwas nicht stimmte. Die Richtigkeit dieser Annahme bestätigte sich umgehend, als er sah, wie Montoya Leon am Arm packte.
Eladi zögerte keine Sekunde und marschierte in das Gebäude. „Lleó, alles in Ordnung?“, fragte er absichtlich laut, damit seine Stimme noch im letzten Winkel der großen Halle zu verstehen war. Die Freundlichkeit seines Gesichtes hatte sich in Strenge verwandelt. Er sah den Gegelten jetzt wie einen Wurm an.
Leon war vor Montoya wie eine Pflanze vor dem Frost eingeknickt. Er hatte sich nicht gewehrt, als er seinen Arm ergriffen hatte, sondern akzeptiert, dass dies einfach zu geschehen, dass es sein Schicksal zu sein hätte. Doch als er Eladis Stimme hörte und den Mann mit dem ernsten und klaren Blick sich zügig nähern sah, durchzuckte es ihn und er wachte aus seiner Starre auf. Plötzlich schaffte er es, sich zu wehren:
„Lassen Sie mich los. Ich habe mit Ihnen nichts zu besprechen.“
Aber Montoya dachte nicht daran.
„Das sehen meine Partner anders“, zischte er und seine dunklen Augen funkelten böse. Eladi stellte sich neben ihm auf.
„Lassen Sie ihn gehen. Oder wollen Sie einen Skandal in diesem edlen Hause auslösen? Dafür sorge ich gerne. Dann kommt endlich einmal Stimmung auf in dieser toten Bude.“
Der Wurm hinter dem Tresen hörte erschrocken die Worte des Studenten und hoffte inständig, dass diese Herren ihre Probleme woanders lösten. Die Männer in den Ledersesseln hatten sich bereits interessiert der Szenerie zugewandt, genauso wie die beiden Touristinnen, die immer noch vor den Prospekten standen. Das konnte Montoya nicht gebrauchen. Er fluchte innerlich und ließ Leon los. Wie ein gefangener, bis zum Äußersten gereizter Stier warf er ihnen hasserfüllte Blicke hinterher, als sie das Hotel schnellen Schrittes verließen. Kaum waren sie draußen, stürmte er hinterher.
An der Einmündung zum Hotel wartete ein Moped mit knatterndem Motor. Montoya gab dem Fahrer, dessen Gesicht durch einen weißen Helm mit lackierten Flammen verdeckt wurde, ein Zeichen.

   Von der Calle Casanova im l’Esquerra de l’Eixample lag das Viento einen viertelstündigen Spaziergang entfernt. Nachdem Jeanette erfahren hatte, dass Leon aus seinem Gefängnis hatte fliehen können, wollte sie so schnell wie möglich zum Hotel zurück. Das war der einzige Ort, der sie in dieser Stadt miteinander verbinden konnte. Zum Glück hatte sie Susanna an ihrer Seite. Sie vertraute ihr völlig, als ob sie sie schon seit Jahren kennen würde.
Da es aufgehört hatte zu regnen und der Himmel wieder seinen blauen Bezug angelegt hatte, beschlossen sie, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Jeanettes hochhackige schwarze Schuhe klapperten auf den grauen, viereckigen Gehwegplatten, während Susanna in ihren Turnschuhen geschmeidig und lautlos neben ihr herging. Auch das Outfit der beiden Frauen unterschied sich erheblich. Während Jeanette ein bourdeauxfarbenes Kostüm mit schwarzer Strumpfhose trug und ihre blonden Haare fast streng zurückgekämmt hatte, war die Frau an ihrer Seite mit einem Jeansrock auf der blanken Haut, einer hellblauen Bluse und zwei bunten Halsketten bekleidet. Einige Strähnen ihres zusammengebundenen Haares fielen ihr ins Gesicht. Block für Block legte das ungleiche Paar zurück, ohne viel zu reden. Jeanette warf im Vorbeigehen ihren Blick in die Geschäfte, Restaurants, Cafés, durch mehr als hundert Jahre alte Glasportale, nahm die Vielfalt der Balkone, Holztüren, Fresken, Straßenlaternen wie flüchtige Diabilder wahr, las Fetzen von Firmenschildern, Plakaten, sah vorbeiziehenden Bussen, Mofas, Taxen nach, registrierte die verknitterten Gesichter alter dicker Frauen, die gestressten von telefonierenden Geschäftsleuten, die unverbrauchten von jungen, zwinkernden Männern und kam sich vor wie die Kamerafrau beim Dreh eines Kinofilms. Sie selbst war der empfindliche Film, der ohne Unterlass mit unzähligen Eindrücken belichtet wurde.
So erreichten sie das Viento, und Jeanette schlich widerstrebend zur Hotellobby, so als wolle sie lieber weiter den Film da draußen sehen als sich hier ihrer Realität zu stellen.
Dieser Steiner ist ja sehr beliebt, wagte der Mann hinter dem Schalter zu denken, als er Jeanette den Zettel überreichte, den er erst vor wenigen Minuten in Empfang genommen hatte.
„Oh, die Suche geht weiter“, sagte sie müde, dann übersetzte sie fast widerwillig für ihre Freundin. Susanna wusste, wo sich die Straße befand.
„Also, auf geht’s“, wollte sie gerade den Startschuss für die nächste Etappe geben, als Jeanette sie zurückhielt:
„Einen Moment“, sagte sie fast tonlos. „Lass uns vorher noch ein Glas Sekt in der Hotelbar nehmen. Als kleines retardierendes Moment.“
Susanna lachte: „Als was?“
„Egal. Als kurze Atempause, bevor es weitergeht. Ich bin langsam am Ende meiner Kraft. Immer weitergehen, suchen, nichts finden, Leon ist ganz schon anstrengend“, erklärte sie ihr und Susanna hörte auf zu lachen. Obwohl sie Jeanette erst wenige Stunden kannte, spürte sie, dass sie sich veränderte. Mit ihren zusammengekniffenen Augen und der gefurchten Stirn erinnerte sie sie in diesem Moment an eine runzelige Schmetterlingspuppe.
„Hast du Angst, ihn zu finden?“, fragte sie, als sie in der Hotelbar saßen.
„Ja, irgendetwas ist plötzlich nicht mehr da, von dem ich dachte, dass es da wäre. Ich weiß nicht, wem ich begegnen werde oder vielmehr wer ich sein werde, wenn ich ihn wiedersehe.“
„Bist du denn jemand anders als in Hamburg?“
„Ja und nein. Natürlich bin ich die Gleiche und doch fühle ich mich anders. Ich kann es mit dem Kopf nicht fassen, aber das geht wahrscheinlich auch gar nicht. Zu Hause will ich immer alles mit dem Intellekt kontrollieren. Das ist bei uns so üblich. Bloß nicht zu viel Gefühl zeigen, dann würden sie dich am liebsten wegsperren. Aus sich rausgehen? Nein, das ist unreif und bedroht all die, die sich mit Lebenslügen über Wasser halten. Ich habe seit Jahren nicht mehr so viel Veränderung gespürt wie in den letzten beiden Tagen, und da hilft mir mein Kopf sehr wenig. Zur Antwort dröhnt er jetzt.“
Jeanette ließ ein leises Lachen hören und mit ihren Worten entspannte sich ihr Gesicht. Die Puppe war verschwunden, und Susanna dachte, dass ihr jetzt ein Schmetterlingsanhänger gut stehen würde. Jeanette sah aus dem Fenster und ließ ihre Blicke über die Straße flattern, als habe sie sie freilassen müssen, und es kam ihr so vor, als hätte sich tatsächlich etwas verabschiedet.

 

Die Zahl der Drogen steigt. Nicht mehr nur Crystal Myth, Ice oder wie das Zeug sonst noch heißt benebeln die Sinne. Auch Lithium entwickelt sich zu einem gefährlichen Stoff. Die Abhängigkeit verbreitet sich mit dem Internet. Das ist sehr gefährlich.
Wo sonst kann der Stoff anders herkommen als aus Afghanistan. Und wer sind die Konsumenten? Mittelschichtsangehörige in den Industriestaaten natürlich, die in den Büros von Zeitungsredaktionen sitzen. Der konkrete Fall liest sich nicht wie ein Krimi sondern eher wie eine dröge überstrapazierte Falschmeldung.
US-Militärs entdecken angeblich “riesige” Bodenschätze in Afghanistan, die New York Times schreibt darüber und alle deutschen Printmedien werden high. In den Redaktionen wurde das Lithium aus den Computern und Handys sofort extrahiert, erhitzt und geschnüffelt. Heraus kamen total ferngesteuerte Artikel, in denen die Gerüchte über die “Billionen-Funde” zu Wahrheiten verwandelt wurde. Wie das halt so ist mit bewußtseinserweiternden Drogen. Nur schade, dass sich solche Meldungen in der Verganegnheit schon oft als lahme Enten herausgestellt haben. Wo sind die geologischen Gutachten, wo die Experten, die die Funde bestätigen. Ein US-Kommander und die bekiffte Regierung alleine überzeugen da leider noch nicht. Schade, dass die jungen Kollegen so schnell abhängig werden und ihr Gehirn gegen eine Prise Seltene Erden eintauschen.
Ob da noch was zu retten ist? Ich fürchte nicht.

oliristau

Kapitel 25 – Cementeri (2)

Er hetzte die kleine Straße hinauf, um schnell dem Blech- und Asphaltknäuel zu entkommen, und stand nach wenigen Metern vor dem gitterbewehrten Doppeltor des Cementerio de Montjuic. Der Weg schlängelte sich durch die Einfahrt sachte weiter bergan und mündete auf einen großen Parkplatz, der mit Ausnahme zweier Pkws und eines Lieferwagens verwaist war. An dem kleinen Lkw lehnten drei junge Männer in Arbeitsoveralls, die rauchten und sich miteinander unterhielten. Gegenüber erhoben sich ein paar Wirtschaftsbaracken. Die Männer sahen Jordi nach, wie er den staubigen Platz überquerte und das zentrale Friedhofsbüro betrat.

Ein Mann mit fettig glänzendem, schwarzem Haar stützte sich auf den Empfangstresen und besprach sich mit einem Kollegen. Hinter ihm hingen riesige Lagepläne an der Wand, die eine detaillierte Übersicht der Anlage zeigten. In dem schmucklosen Büro, das von einer Neonleuchte beflackert wurde, schien vor Jahrzehnten die Zeit stehen geblieben zu sein. An den Seitenwänden, von denen die gelbliche Farbe bröckelte, erhoben sich bis zur Decke Stahlregale aus den Fünfzigerjahren, die voll gepackt mit Aktenordnern waren, mit Papieren von Zehntausenden von Toten, die niemand jemals wieder einsehen würde.

Jordi wartete, bis die beiden Männer ihr Gespräch beendet hatten, dann erkundigte er sich nach dem Weg zur Plaza de la Fe. Der Tresenmanager breitete ein Faltblatt vor ihm aus und markierte den gesuchten Platz mit einem Kreuz. Die Friedhofswege führten in großen Bogen den Berg hinauf und teilten die Totenstadt in vierzehn Zonen, die die Form menschlicher Organe hatten. Abschnitt 5 war rot markiert und hatte die Form einer Niere, Nummer 7 war eine gelbe Leber, als ob die Menschen hier nach den Organen geordnet lägen, die bei ihnen zuerst ausgefallen waren.

Als er mit der Karte in der Hosentasche die Baracke wieder verließ, spürte er die feuchte Luft in seiner Lunge. Er musste husten. Der Wind trieb Wolkenfelder vor sich her, zwischen denen der blassblaue Himmel hervorlugte. Der Berg, der sich vor ihm aufbaute, war mit Kreuzen überzogen. Jordi stapfte los und erreichte die Nobelvororte der Totenstadt. Herrschaftliche Marmorgrabmale erinnerten an Stadthäuser in den Vierteln der Wohlhabenden, in denen es oft ähnlich leblos war. Riesenhafte Engel mit enormen Flügeln und gefalteten Händen bewachten die letzte Station der einstmals materiell Verwöhnten. Heute hatten sie nichts mehr von den gotischen Kathedralen im Kleinformat, die hier ringsherum erbaut worden waren. Ernst und traurig blickten die merkwürdig real scheinenden Büsten der Verstorbenen an Jordi vorbei, als wollten sie dagegen protestieren, dass sie als Gesteinsbild immer noch im Diesseits festgehalten wurden, anstatt in Ruhe vergessen zu werden.

Jordi war in eine Parallelwelt eingetreten, in der er das einzige menschliche Wesen weit und breit war. Der Lärm der Straßen zu seinen Füßen war auf ein gedämpftes Surren und Brummen zusammengeschmolzen. Während der größte städtische Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf Spaziergängern als Park und Rennradfahrern als Trainingsstrecke diente, war hier alles gespenstisch verlassen. Die stillen Zypressen, die sich in ihren schmalen Kleidern in die Höhe reckten, standen wie stumme Grenzwächter, die den Übergang zum Jenseits anzeigten.

Was war das für ein Geräusch hinter ihm gewesen, ein Kratzen und Hämmern, ein helles Schlürfen? Wohl doch nur ein verirrtes Hafengeräusch, das der Wind vom Fuße des Bergs den Toten hinaufschickte. Da noch einmal. Nein, diesmal war es ein schriller Schrei einer von einer Grabplatte aufflatternden Möwe.

Mehrere dieser Vögel, deren schmutzig-weißes Gefieder auf die Farbe der Engelstatuen abgestimmt schien, hatten sich über seinem Kopf zu einem Rundflug versammelt. Dazu erhoben sich nun von den Zypressen wie abgesprochen zwei Taubenpaare und flogen mit absichtlich lautem Geflatter über ihn hinweg. Jordi sah den Tieren nach und ließ den Blick über den Hügel schweifen, den ein Gitternetz von ockerfarbenen Wegen durchzog, hinunter auf die mittlerweile weit zurückgewichenen Verkehrsadern, in denen die Fahrzeuge auf Spielzeuggröße geschrumpft waren. Dahinter baute sich der Containerhafen auf mit seinen wie von Geisterhand gesteuerten vor und zurück sausenden Legokränen. Er musste gegen die plötzlich hervorbrechende Sonne blinzeln und mit einem Mal fiel ihm Hamburg ein und der Altonaer Balkon, von dem man ähnlich schön auf den Hafen herabblickte konnte. Das Bild wollte sich über das hiesige legen, aber es passte nicht, denn dort war der Ausblick völlig kruzifixfrei. Hamburg war weit weg und hier oben nicht anderes als eine Illusion. Die Geschäfte, die er dort betrieb, kamen ihm so fremd und unlebendig vor wie die Toten unter seinen Füßen.

Seine Armbanduhr zeigte zehn vor zwölf. Er begann unter seinem Anzug zu schwitzen, der sandige Staub hatte den Glanz seiner Schuhe erblinden lassen. Er drückte die Geldtasche wie einen vertrauten Arm, fühlte aber keine besondere Regung, als er unter dem billigen Stoff die Scheine ertastete. Er war sich sicher, auf dem richtigen Weg zu sein, unterwegs in so etwas wie einer wahren Spur, die jetzt weiter bergan führte.

Mittlerweile war die Pracht der Grabmäler großen länglichen Kästen aus aufeinandergeschichteten groben Steinen gewichen, in denen die Toten wie in Schließfächern untergebracht waren: bis zu sechs Etagen übereinander, mit schwenkbaren Klappen verschlossen, auf denen Namen und Daten der Toten eingraviert waren. Manche Angehörige hatten Fotografien in die Türen der finalen Wohnblocks geklemmt.

Er verließ die sechste „Agrupacion“. Dabei musste er die kleine Asphaltstraße überqueren, die sich wie eine Schlange über den Hügel wand und an der in der Ferne eine Bushaltestelle klebte, die zwischen den Gräbern so verlassen wirkte, als hätten sie die Menschen im stillen Einverständnis mit den jenseitigen Mächten einzig für die Nächte angelegt, in denen die Toten aus den Grüften stiegen, um sich mit dem Geisterbus zur zentralen Zombieparty fahren zu lassen. Plötzlich sprang eine dünne Katze hinter einem Busch hervor und blieb vor ihm auf einer schwarzen Grabplatte stehen. Sie fixierte ihn aus ihren undurchdringbaren Reflektoraugen, ihr Körper zitterte, dann rannte sie davon. sah sie hinter einem mit vereinzelten Blumen geschmückten Totenwohnblock verschwinden, vor dem ein geschwungenes Emailleschild den siebten Abschnitt ankündigte.

Er kramte seinen Plan hervor. Demnach musste er kurz unterhalb des Platzes stehen, der sein Ziel an diesem schrägen Ort war. Langsam erklomm er Stufe um Stufe. Er lauschte. Eine unheimliche Stille hatte die Gräber wie mit Raureif überzogen und kroch ihm über den Rücken. Vorsichtig lugte er über den Rand. Die Plaza de la Fe war ein quadratischer Platz und von Grabsteinen eingerahmt, die in den Boden eingelassen waren. Zwei Seiten gaben den Blick frei auf die tiefer liegenden Gräber, während die Mauern neuer Grabmietskasernen die beiden anderen eingrenzten. In der Mitte streckte ein schmaler Obelisk aus grauem Stein ein schwarzes Kreuz in die Höhe. Jordi sah sich zu allen Seiten um. Seine Armbanduhr zeigte kurz nach zwölf: Von Ernest war nichts zu sehen. Da unterbrach sachter Motorenlärm die Stille, und Jordi sah, wie sich vom Fuße des Berges eine dunkle Limousine die Straße hinaufschlängelte. Er wartete gespannt, doch der Wagen brummte unter der Plaza vorbei, ohne anzuhalten. Die Geräusche verebbten wieder. Er stand auf dem Scheitelpunkt des Berges, der ihm einen grandiosen Ausblick über das Meer und den Hafen bot. Er sah die Blinklichter der Terminals und hörte die entfernten Geräusche von Warnsirenen, die wie durch Watte zu ihm heraufklangen.

Jordi schlenderte von Grabplatte zu Grabplatte. Der warme Wind blies Staub über den Platz. Größe und Verzierungen der türgroßen rechteckigen Steine ließen vermuten, dass auch hier eher vermögende Familien lagen. Er las die Namen Viladeval, Martori, Soriano, Gutierrez, Ferrer, Oseti, San… ‚Moment mal’, durchrauschte es Jordi. Was stand da?

„Willst du den Toten deinen billigen Service verkaufen?“, brach plötzlich eine Stimme in seine Gedanken ein. „Die können sich zwar nicht wehren, dafür aber auch nicht zahlen“, ergänzte der Mann gehässig und ließ ein heiseres Lachen hören. Jordi fuhr herum. Er hatte Ernest seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen und hätte ihn auch nicht wieder erkannt, so fett war er unter dem dunklen Anzug. Der Speck quoll über den Kragen seines schwarzen Hemdes, das Mühe hatte, seinen Leibesumfang zu bedecken, ohne dass die Nähte platzten. Die Bügel einer dunklen Sonnenbrille zerpflügten das schüttere rötliche Haar. Wie geölt glänzten die Halbglatze und die feisten Wangen.

„Ernest?“, sagte Jordi tonlos. „Lange nicht mehr gesehen.“

„Ja, zum Glück“, erwiderte Ernest widerwillig und verschränkte seine kräftigen Arme vor der Brust.

„Wo ist Leon?“, wollte Jordi wissen.

„In Barcelona“, antwortete sein Widersacher, der sich ihm bis auf drei Schritte genähert hatte. „Zeig mir das Geld!“, blaffte er ihn an.

Jordi nahm die Tasche von der Schulter und warf sie ihm zu. Ernest zog den Reißverschluss auf und prüfte den Inhalt. Sein Blick hellte sich auf.

„Sehr schön. Ich dachte schon, Ihr wolltet mich verarschen. Aber letztlich ist auf einen Bruder doch noch Verlass, auch wenn man ihn seit Jahren aus den Augen verloren hat.“

Grob fuhr ihm ein Gelächter aus dem Mund mit den herunterhängenden Lippen.

„Wo ist Leon?“, wiederholte Jordi, jedes einzelne Wort betonend.

Ernest grinste breit, dann setzte er eine ausdruckslose Miene auf.

„Der Typ hat mehr Eier, als ich dachte.“

„Was soll das, Ernest?“, zischte Jordi. „Du hast das Geld. Ich will meinen Freund!“ Erstaunlich, dass er Leon so nannte.

„Weißt du was, edler Cousin? Er ist getürmt, einfach abgehauen. Ich habe keine Ahnung, wo er ist. Vielleicht zum Teufel gegangen oder zu den Nutten. Ist mir auch scheißegal.“ Er griff in seine Hosentasche und kramte ein schwarzes Lederportemonnaie hervor. „Das hat er bei uns vergessen. Nimm, wir sind ja keine Diebe.“ Er warf ihm die Börse zu.

Jordi starrte das Portemonnaie an, dann richtete er den Blick auf seinen Cousin. „Wenn du glaubst, dass ich noch mehr Kohle locker machen kann, dann irrst du. Es geht hier um einen Menschen, nicht um unsere krude Familiengeschichte.“

„Du wolltest ihn doch ein bisschen erschrecken. Nun ist das Vögelchen ausgeflogen, ohne den guten Onkel Deseo und den bösen Onkel Ernest um Erlaubnis zu fragen. Ich sag dir was: Der ist wahrscheinlich wieder zu Hause. Da musst du mal anrufen, aber du lässt dein Handy ja lieber aus, weil du Schiss hast. Handeln wie ein Mann: Das ist ja noch nie deine Sache gewesen.“

Ernest wandte sich um und wollte gehen. Jordi verstand nicht wirklich, was sein Cousin da von sich gab, doch er schaltete blitzschnell: „Dein Vater hieß doch Ernest, so wie du?“

Der dunkle Anzug blieb stehen. Es dauerte eine Sekunde, dann fuhr er herum. „Was soll das Familiengewäsch?“, fragte er widerwillig, doch weil er seine Sonnenbrille abgenommen hatte, konnte Jordi erkennen, dass seine Augen fiebrig glänzten.

„Hieß er nicht sogar Ernest Esteba?“

Ernest starrte ihn an und schwieg.

„Ja? Dann schau dir das mal an!“ Jordi gab den Blick auf eine schwarze Grabplatte frei, die er die ganze Zeit verdeckt hatte. Ernest machte einen zögerlichen Schritt darauf zu, dann schob er Jordi beiseite und las. Die Inschriften gaben die Namen Josep und Ernest Esteba Ferrer sowie die Geburts- und Sterbedaten wieder.

„Verdammt“, stieß Ernest zwischen den Zähnen hervor. „Das Scheißdatum stimmt, an dem der Alte ins Gras gebissen hat. Aber warum sollte der hier auf dem Montjuic liegen? Der ist doch in Girona verreckt.“

Jordi wusste keine Antwort. Tante Lucía hatte ihm gesagt, dass sein Vater ebenfalls in Girona beerdigt liege. Er war nie an seinem Grab gewesen.

„Wahrscheinlich ist das nur ein beschissener Zufall“, raunte Ernest, während wieder einmal ein paar Möwen kreischend auf sich aufmerksam machen wollten. „Der Name Ferrer kommt öfter vor.“

„Ja, vielleicht“, krächzte Jordi und dabei trafen sich ihre Augen, und zum ersten Mal schien sich so etwas wie Verständnis zwischen ihnen zu regen. Jordi sah an Ernest vorbei über die Grabhäuser, Engel und verzierten Kreuze auf den Himmel über dem Meer, wo ein Flugzeug zum Landeanflug auf den Airport von Barcelona ansetzte. Wieder jaulte eine Sirene vom Hafen herauf.

„Es tut mir leid“, sagte Jordi wie ein Idiot und heftete seinen Blick auf seinen Cousin, dem der Schweiß auf die Stirn trat und der nicht mehr als „Verdammt“ antworten konnte. Er streckte ihm die Hand hin, und Ernest sah ihn an, als würde ein kleiner Junge eine Erscheinung haben. Um die Mundwinkel präsentierte sich plötzlich ein weicher Zug, dann schlug Ernest ein, drückte seine Hand und murmelte „Scheiß Familie“.

Noch bevor Jordi irgendeine Antwort einfiel, hatte sein Cousin die feuchte Pranke wieder gelöst und sich umgedreht. Er entfernte sich, die blaue Tasche wie einen Fremdkörper über der Schulter, bis ihn die Mauern der Grabboxen verschluckt zu haben schienen.

oliristau

Kapitel 25 – Cementeri (1)

„Deseo, es ist Zeit, zu handeln und die Vergangenheit zu begraben“, beendete David die Stille. „Wann wirst du Ernest anrufen?“
Sein Cousin richtete sich im Sessel auf. Er sah auf seine Armbanduhr. Es war halb sieben.
„Zunächst einmal ist es Zeit, meinen wahren Namen zu gebrauchen. Ich heiße nicht Deseo. Kein Mensch kann so heißen. Ein solcher Name ist eine Bürde, auch in Deutschland, wo ihn keiner versteht. Ich heiße Jordi, George oder Georg, ganz egal. Das ist griechisch und heißt Bauer, und das ist gut so und besser, als immer ein Wunsch zu sein, der flüchtig ist, weil er stets nach Erfüllung strebt.“
Jordi machte eine Pause, in der er versonnen auf die ockerfarben gewischte Wand ihm gegenüber blickte. Es ist gar nicht so schwierig, dachte er, bevor er seinen Monolog fortsetzte:
„Es gibt den Wunsch, reich zu sein, berühmt zu sein, einen Börsengang erfolgreich zu feiern. Das ist das Materielle. Dem jage ich ein halbes Leben lang nach. Doch es gibt auch den Wunsch nach innerer Erfüllung, was auch immer das sein mag. Vielleicht sollte ich wirklich ein Bauer werden, so wie es mir mein wahrer Name sagt.“
Er griff nach seinem Rotweinglas. Mit angetrunkenem Mut sagte er: „So, und jetzt muss ich mich um das Geld kümmern.“
Er kramte sein Handy hervor, rief das elektronische Adressbuch auf und drückte eine Taste. Wie es sich für einen leitenden Bankangestellten gehört, der guten Kunden auch in der Freizeit mit Rat und Tat zur Verfügung steht, meldete sich sein Bankberater umgehend. Jordi erklärte ihm, dass er am kommenden Tag in Barcelona in einer Filiale der deutschen Geschäftsbank fünfzigtausend Euro abheben wolle.
„Ja, es geht ums Geschäft. Ja, ja, Expansion“, sagte er gelangweilt.
Es waren die üblichen Floskeln, die den Banker überzeugten, den Zahlvorgang freizugeben.
Einmal durchatmen: Jetzt kam der nächste Akt. Das letzte Mal, dass er Ernest angerufen hatte, war er arrogant, überheblich und gierig gewesen. Jetzt hatte sich die Geldhörigkeit zwar verflüchtigt, doch Sympathie empfand er für Ernest immer noch nicht. Er wählte seine Handynummer.
„Hier ist dein Cousin“, sagte Jordi.
„Na endlich. Gut, dass du anrufst. Deinem Kollegen wird es sicher recht sein“, antwortete sein ältester Cousin ungehalten.
„Wie geht es ihm, Ernest?“, fragte Jordi.
„Natürlich gut. Keine Sorge. Wir sind keine Unmenschen, nur Geschäftsleute.“ Jordi fragte sich, ob es da nicht eine große Schnittmenge gab.
„Und was machen wir jetzt?“, wollte er wissen.
„Dein Kollege hat sich ungebeten in unsere Geschäfte eingemischt. Um die Probleme mit unseren Kunden auszuräumen, die seine Spionage ausgelöst haben, zahlst du fünfzig Riesen, sonst kannst du deinen Kollegen aus dem Meer fischen – und zwar in bar, du kleines, verwöhntes Arschloch.“
„Ja, ja“, überhörte Jordi die Beleidigungen, „in kleinen, nicht nummerierten Scheinen. Sicher, kein Problem.“
„Was sind das denn für Kinoweisheiten? Das ist kein Überfall, sondern ein Geschäft. Wo bist du jetzt?“
„In unserer gemeinsamen Heimat“, antwortete der Gast aus Hamburg.
„In Girona? Ach, Scheiße, du meinst Barcelona, oder? Wahrscheinlich bei meinem Bruder.“
„Ja, bei David. Wo treffen wir uns?“
David hatte den Worten Jordis aufmerksam gelauscht. Als dieser nach einem Treffpunkt fragte, schaltete er sich ein und rief seinem Cousin zu: „Lass mich das mit Ernest abmachen.“
Jordi nickte ihm zu und reichte den Hörer weiter.
„Hallo Ernest, ich habe eine Idee, wo ihr euch treffen könnt. … Mag sein, aber es ist besser, ihr kommt an einem neutralen Ort zusammen. Wann passt es dir? … Morgen Mittag um zwölf. Dann sage ich dir, wo es hingeht: auf den Cementerio Sud-Ouest am Montjuic. … Genau der. Und zwar im neunten Abschnitt, Plaza de la Fe. Ja, er kommt allein. Und du auch. Er hat das Geld dabei. … In Ordnung, ich erkläre ihm, wo es ist. Bis dann.“
David reichte Jordi das Handy. Der musterte ihn mit einem kritischen Blick.
„Am Friedhof? Ist das nicht ein bisschen makaber?“
„Keine Sorge. Da gibt es keinen Showdown mit Zombies und Vampiren. Dafür ist es die falsche Tageszeit. Der alte Friedhof liegt auf dem Montjuic und ist eher ein Park. Er ist schnell zu erreichen und doch meistens menschenleer.“
Er lachte über das letzte Wort. „ Na ja, ein Friedhof eben.“
„Und wo ist diese Plaza de la Fe?“, wollte Jordi wissen.
„Das erkläre ich dir morgen früh.“
Jordi war zufrieden. Er stellte nicht infrage, was sich hier zutrug und wohin es ihn führte.

Später ergriff ihn eine Welle und trug ihn fort von den bekannten Gestaden. Als er sich der Küste eines neuen Landes näherte, machte er am Ufer einen Reiter aus, der auf einem Schimmel durch den Strand sprengte. Auf seinem Schoß hatte sich ein junges Mädchen schutzsuchend zusammengekauert. In einem Lederriemen an der Flanke des Pferdes steckte eine Lanze. Die Haare des Reiters wehten im Wind, der auf seinen Lippen den Geschmack von Salz hinterließ. Der Reiter hielt auf einen Glaspalast zu, der am Ende des Horizonts auftauchte und zusehend an Größe gewann. Drinnen saß eine Armee von Männern mit identischen, wie geklonten Gesichtern, eher Masken, deren Körper in den immergleichen dunklen Anzügen steckten und die nichts anderes taten, als Geld zu zählen, immer wieder und wieder, mit Augen wie Krähen ihre Nachbarn beäugend.
Der Mann auf dem Pferd aber ritt mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, griff an den Lederriemen, löste die Lanze und wuchtete sie im vollen Lauf durch das Hauptportal. Er verschwand mit dem Mädchen im Glassplitterregen. Zurück blieben die Abdrücke der Hufe im Sand.

Am nächsten Morgen erklärte ihm David den Weg. „Um zum Friedhof zu kommen, nimmst du den Bus. Die Linie 21 fährt in der Parallel ab, das ist eine Metrostation im Raval. Falls du nicht mehr weißt, wo das ist, erkläre ich’s dir gleich. Der Bus hält am Haupteingang des Friedhofs. Wo ist deine Bank?“
Jordi zog sein Handy raus und nannte David eine Straße, die sein Cousin in der Nähe der Plaza Catalunya verortete.
“Hör zu: Du fährst erst bis Plaza Catalunya, holst das Geld, dann nimmst du die Linie 3 und fährst weiter bis zur Station Parallel. Dort steigst du in den Bus um, alles klar?“
David gab ihm eine verschließbare Umhängetasche aus abwaschbarem jeansblauem Stoff mit. Der Himmel war bedeckt und durch die Sträßchen trieb ein frischer Wind. Jordi trug seinen Anzug und dazu wie am Vortag sein cremefarbenes Hemd mit der blauen Krawatte. Für seinen Termin in der Bank war er damit passend gekleidet. Die Angestellten verhielten sich sehr zuvorkommend, wenngleich der Kundenberater zunächst nichts von einer Anweisung der deutschen Muttergesellschaft wusste. Es bedurfte diverser Telefonate, einiger Wartezeit und der Hartnäckigkeit Jordis, bis die Auszahlung tatsächlich vorgenommen wurde.
Jordi empfand nichts, als er das Geld in Empfang nahm. Er schien wie programmiert auf die Koordinaten des Treffens mit seinem älteren Cousin zu sein, alles andere war Beiwerk, unwichtiger Tand, das Geld war nur ein beliebiges Mittel zum finalen Zweck.
Wie ein Automat stieg er an der Plaza Catalunya in den Untergrund, immer wieder musste er Abzweige, Kurven, Treppen nehmen, bis er schließlich am Bahnsteig der Linie 3 ankam.
„Proper Tren 1:45“ zeigte der elektronische Kasten an, der über die nächsten Abfahrtzeiten informierte. Jordi sah den Sekunden beim Verrinnen zu, bis die Bahn mit Getöse einfuhr und die Türen öffnete. Jordi nahm auf einer Viererbank Platz. Das Abteil präsentierte eine illustre Gesellschaft: schwitzende Anzugträger, grinsende Südostasiatinnen, gleichmütige Araber, gelangweilte Studenten, coole Hip-Hoper, skeptische Rentner. Der Zug fuhr ruckelnd durch die Gassen des Untergrunds. Dann hieß es: „Proxima Parada: Paralell“, Jordi ließ die Katakomben hinter sich und fand sich auf der breiten Avinguda de Parallel wieder, wo irgendwo sein Bus abfahren sollte. Auf der anderen Straßenseite entdeckte er ein Plexiglashäuschen, das zu einer Haltestelle gehören musste. Kaum hatte er die breite Straßenschneise überquert, fuhr dort ein Bus vor und öffnete die Tür. Jordi fragte den Fahrer nach der Linie 21. Er schüttelte den Kopf. „Kenn ich nicht. Aber da vorne ist noch eine Haltestelle“, fügte er hinzu und wies die Straße hinunter.
Die Parallel war von Kinos und Tanzsälen gesäumt, die ihre besten Zeiten längst hinter sich oder solche nie gekannt hatten. Dazu zählte ein baufälliges Varieté, das den Namen „El Molino“ trug. Über dem breiten, von dorischen Säulen geteilten Eingang, dessen Eisengitter offensichtlich schon lange nicht mehr für Gäste geöffnet worden waren, präsentierte sich die rote Silhouette einer Mühle. Die vier Windmühlenflügel hatten dem Etablissement früher sicher eine Ahnung von Paris vermittelt. Heute drohte der Bruchbude der baldige Abriss, wogegen auf die Fassade geleimte Plakate farbenfroh protestierten.
„Die Parallel ist nichts für Jungs wie euch. Da lauern überall leichte Mädchen“, hatte Tante Lucía früher gesagt. Nie hatte er verstanden, was sie damit gemeint hatte. Er hatte ihre Worte nie überprüfen können. Das Viertel lag viel zu weit weg von zu Hause.
Ein banales Hinweisschild riss ihn aus seinen Erinnerungen. Es zeigte die Zahl 21. Darunter wartete ein blau lackierter Bus mit laufendem Motor. Neben der Vordertür stand der Fahrer und biss in ein Butterbrot. Der Mann mit dem gestreiften Hemd und der chromfarbenen Brille nickte eifrig, als Jordi ihn nach dem Friedhof fragte.
Jordi setzte sich nach vorn und bat den Chauffeur, ihm Bescheid zu geben, bevor sie die Totenstadt erreicht hätten. Der Bus brummte los und leibte sich Haltestelle um Haltestelle neue Fahrgäste ein, ohne alte wieder ausspucken zu wollen. Zum Bersten voll bog er auf eine mehrspurige Ausfallstraße, die am Hafen vorbeiführte. Zur rechten Hand erhob sich ein Berg, der zwischen braunem Geröll von wildem Gestrüpp überwuchert war. Die Straße führte in einem Bogen um die Seeseite des Hügels, und plötzlich sah Jordi die ersten Grabkreuze auftauchen. Der Fahrer nahm die nächste Ausfahrt und machte an ihrem Ende eine Vollbremsung. Die Masse der Fahrgäste wogte wie eine Welle nach vorn. Ein schmales rotes Schild wies inmitten des voll betonierten Labyrinths gewundener Ein- und Ausfallstraßen auf eine Haltestelle hin. Der Chauffeur wandte den Kopf und bedeutete ihm auszusteigen. Er zeigte auf eine kleine Straße, die nach rechts abzweigte. Dann öffnete er die Türen, die mit einem Mal das ohrenbetäubende Getöse der vorbeijagenden Lkws einließen. Jordi war der einzige Fahrgast, der an diesem unwirtlichen Ort aussteigen wollte. Andere Mitreisende sahen ihn mitleidig durch die Fensterscheiben an. Die Türen schlossen sich zischend. Das Getriebe fasste und die mannshohen Reifen griffen unter dem Knirschen des sandigen Untergrunds. Die Kolben des schlagenden Dieselmotors beschleunigten und eine aufwirbelnde Staubwolke hüllte Jordi ein.
Jordi schien an einem Autobahnkreuz gelandet zu sein. Mit der Ruhe eines Friedhofs hatte diese Szenerie nichts gemein. Wo in Hamburg stille Alleen durch die prächtige Totenstadt führten, reihten sich hier zahllose Lkws aneinander und donnerten erbarmungslos über die Brücken hinweg. Blech, Beton, verdorrte Halme und staubige Erde bildeten hier die Heimstadt, in der Luft hausten die Abgase. Den Toten war es wohl egal, und den Lebenden erschien es vielleicht sogar passend, gab es doch in Barcelona ohnehin kaum Orte der Ruhe.

oliristau

Vulkanasche (3)

Eigentlich hatte ich mir im Flugzeug vorgestellt, entspannt hinter der Zollkontrolle herauszufinden, ob es senegalesisches Bier gibt und welche kleinen Leckereien dazu gereicht werden. Doch das bleibt Phantasie. Ich hetze zur Handgepäckschalter, der weniger nach Hochsicherheit aussieht als nach Discount-Kasse. Die Prozedur ist schnell erledigt. Ich schaffe es tatsächlich noch ins Flugzeug. Es ist halb drei nachts. Ich bin fix und fertig, aber glücklich. Von wegen „overbooked“. Der Flieger ist halbleer. Das passt zu meinem Zustand. Ich nicke nach dem Start ein wenig ein und drei Stunden später setzt die Maschine zur Landung in Lissabon an. Meine letzte Information ist, dass es von hier nicht weitergehe, weil Madrid geschlossen sei. Ich bestelle mich schon auf den Umstand ein, von Lissabon mit dem Auto nach Hause zu fahren. Doch das ist auch egal. Ich bin einfach glücklich, wieder in Europa zu sein (ein Gefühl, dass ich so noch nie hatte). Schell stellt sich heraus, dass die Verbindungen nach Madrid noch bestehen. Die supernette Dame beim Check-in gibt mir widerstandslos die Bordkarte für den Flug in die spanische Hauptstadt.

Ich kaufe mir etwas Neues zu Anziehen, damit ich nicht so stinke, wenn ich in Madrid den Wagen abhole, den die Agentur auf meinen Namen bei Avis gebucht hat. Mir ist nämlich eingefallen, dass ich keinen Führerschein mithabe, was möglicherweise zu Schwierigkeiten bei der Anmietung führen könnte. Ich hoffe, dass man aufgrund der Extremsituation eine Ausnahme macht und sich mit einer gefaxten Kopie oder einem gemailten Scan zufrieden geben wird. Deshalb rufe ich Jenny an und bitte Sie, meinen Führerschein, der brav in der Schublade liegt, per Mail an die Agentur zu schicken.

In Madrid herrscht das Chaos. Es ist der östlichste Flughafen Europas, der noch geöffnet ist. Valencia, Bilbao und Barcelona sind zu. Bei den Autovermietern herrschen riesige Schlangen, nur nicht bei Avis, weil dort groß angeschlagen steht, dass es keine Autos mehr gibt, ausgenommen den vorreservierten. Ich nenne meinen Namen und schon liegt der braune Umschlag mit dem Schlüssel bei der Sachbearbeiterin auf dem Tisch. Doch als ich ihr sage, dass ich ihr nur eine Führerschein-Kopie zeigen kann und meine Odyssee erkläre, wird sie hart wie ein Brett und weigert sich mir den Schlüssel zu geben. Ich verliere jeden Rest von Humor, der mir vielleicht noch irgendwo geblieben ist, und drohe, die Avis bei der Veröffentlichung meiner Reiseerlebnisse als Meuchelmörder darzustellen. Das beeindruckt sie gar nicht, und ich sehe mich verzweifelt um. Das kann doch nicht sein. Jetzt liegt es an diesem blöden Führerschein, und das mir, der zehn Jahre mit Kranken-, Kurier- und Taxifahren sein Geld verdient hat.

Ich beginne damit, sinnlos auf dem Flughafen hin und her zu laufen. Doch dann kommt mir plötzlich die Idee, mir irgendeinen aus der Schlange der frustriert auf Autos wartenden Menschen mit Führerschein als offiziellen Fahrer zu suchen. Die Situation ist wirklich krass. Wie ich später erfahre, gibt es in und um Madrid keine Mietwagen, und auch die Züge aus Spanien heraus Richtung Osten sind auf Tage ausgebucht.

Ich spreche zunächst einen Franzosen an. Doch der entpuppt sich als Teil einer vierköpfigen Reisegruppe mit Gepäck für acht. Dann frage ich einen US-Ami, der ebenfalls zu fünft ist, aber meint, zwei könnten ja mit mir mitfahren. Zunächst müsse er aber seinen reservierten Wagen bei Europcar klar machen. Ich willige ein und warte eine Stunde. Dann stellt sich heraus, dass Europcar trotzdem kein Auto für ihn hat, was die gemeinsamen Pläne also wieder zunichte macht. In diesem Moment spricht mich ein braungebrannter Typ an, der meint, ich sähe aus wie einer der ein Auto habe, aber keine Mitfahrer. Da hatte er verdammt recht, er hatte außerdem nur einen Mitstreiter und wollte zudem nach Prag. Einen Führerschein hatte er auch, und das bedeutete, dass wir uns eine halbe Stunde später tatsächlich in einem Passat TDi befanden und den schnellsten Weg zur Autobahn suchten. Petr und George kamen gerade von einer siebenmonatigen Weltreise wieder und hatten große Lust auf zu Hause. Also hatten wir die Strecke Madrid, Zaragossa, Barcelona, Girona, Perpignan, Narbonne, Montpellier, Avignon, Valence, Lyon, Macon bis halb 3 nachts passiert, um am nächsten Morgen bis Mittags Freiburg zu erreichen. Erwähnenswert ist da noch, dass ich mit 160 auf der Autobahn von Motorrad-Polizisten geblitzt wurde, die sich sehr verwundert darüber zeigten, dass ich ohne Führerschein fahre. Doch als ich Ihnen meine Geschichte erzählte, sqahen sie davon ab, mir deshalb Ärger zu machen sondern kassierten lediglich 45 Euro für zu schnelles Fahren. In Freiburg verlassen mich meine Mitfahrer wieder, die mir wie eine kleine Familie ans Herz gewachsen sind und ich nehme die letzten 750 Kilometer alleine in Angriff. Am Abend erreiche ich Hamburg und bin sehr dankbar, es damit noch zum Geburtstag meines Sohnes am nächsten Tag geschafft zu haben.

In Afrika sagt man, dass die Seele nicht so schnell mit dem Körper eines Reisenden mitkommt. Ich glaube das stimmt, aber es ist mir egal. Dann warte ich auf sie halt noch ein paar Tage zu Hause.

ENDE

oliristau

Vulkanasche (2)

Ich telefoniere mit Gregor von der Solarfirma, die mich mit der Recherche von solarer Elektrifizierung in Südafrika beauftragt hatte. Eine Reiseagentur aus Deutschland will sich um meine Rückholung kümmern. Ich danke ihm.

In den Mega-Einkaufsmeilen von Johannesburg-Sandton gibt es tatsächlich eine Optikerin, die mir innerhalb von 15 Minuten neue Gläser für meine Brille schleifen kann. Fielmann bräuchte dafür drei Tage. Die Südafrikaner sind auch nicht teurer. Da klingelt mein Handy, das kaum noch Saft hat. Es ist der Kollege von der deutschen Reiseagentur:

„Wir können Sie hier rausholen. Aber Sie müssen sich schnell entscheiden.“ In zweieinhalb Stunden soll ein Jet nach Angola gehen, von dort könnte ich nach Lissabon und schließlich Barcelona weiter fliegen. Das hört sich gut an, ich bezahle die Brille und laufe los. Währenddessen rufe ich Jack, den Taxifahrer, an und bitte ihn in einer halben Stunde vorm Hotel zu sein. Ich kann mich jetzt zwar nicht wie geplant frisch machen und auch mein Handy kaum aufladen, aber Hauptsache es geht los. Kulanterweise berechnet die Dame an der Rezeption keine Übernachtung mehr und schon sitze ich in Jacks altem 124er Mercedes und wir brausen zum Airport. Aufgeregt suche ich auf der Anzeigetafel nach dem Reiseziel Luanda und stelle fest, dass die Check-In-Schalter schon geschlossen sind. Der Flug geht eine Stunde früher und steht zum Start bereit.

Alles umsonst? Ich rufe bei der Agentur an, die sich um weitere Möglichkeiten kümmern. Ich warte am Flughafen rund eine Stunde, dann hat das Reisebüro eine neue Verbindung: über Dakar, der Hauptstadt des Senegals, nach Lissabon und Madrid, um von dort mit dem Wagen nach Hause zu fahren. Das nehme ich gerne und stelle mich an den Schalter. Tatsächlich bucht die Dame für mich eine Bordkarte, allerdings nur bis Dakar. Dort, so lässt sie mich wissen, müsse ich noch mal nach Lissabon einchecken. Das schmeckt mir zwar nicht, aber wird schon gut gehen denke ich mir.

Der Flug dauert rund sieben Stunden. Es ist halb eins nachts als wir ankommen. Die Luft ist schwül und feucht. Moskitos schwirren um mich herum. Es gibt keinen Transit, alle müssen in den Senegal einreisen. Das heißt, eine Immigrationskarte ausfüllen, ist ja kein Problem, dann in die Schlange stellen und als ich dran bin, fragt der uniformierte Schwarzafrikaner mich nach einem „papier jaune“, einem gelben Papier, das ich nicht habe und das mir auch egal ist, schließlich will ich ja nicht in den Senegal. Doch der Mann ist unerbittlich. Ohne Impfausweis komme ich nicht weiter. Ein Reisender, der die Barriere passiert, ruft mir zu: „Hier braucht jeder einen Impfpass. Wenn Sie keinen haben, werden Sie von denen geimpft.“ Das kann ja heiter werden, ich sehe schon verseuchte Spritzen den Weg in meine Adern finden. Als alle passiert sind, nimmt er mich und zwei andere „ sans papiers jaunes“ mit in den Winkel des Gebäudes, wo wir vor einem schmutzigen kleinen Büro mit heller Verhörlampe stehen bleiben. So stellt man sich Folterzimmer in der Dritten Welt vor. „Olivier“ ruft er und meint mich. Ich setzte mich auf den speckigen Stuhl ihm gegenüber und er fragt, ob ich geimpft sei, was ich natürlich bejahe. Daraufhin bietet er mir einen Impfpass für zehn Euro an. Ich sage ja, habe aber nur 5 Euro in Bar, was ihn den Kopf schütteln lässt. Ich kann ihm aber noch 100 Rand geben, eigentlich zehn Euro, für ihn aber nur drei Euro Wert. Also lege ich den letzten 50 Rand-Schein noch drauf, mehr habe ich nicht. Zum Glück ist er zufrieden und ich bald im Besitz einer schlechten Kopie eines auf die Weltgesundheitsorganisation lautenden Passes, dessen zufolge ich gegen Cholera, Gelbfieber und andere Seuchen geimpft bin.

Dass das erst der Anfang ist, ahne ich nicht, als ich in der Ankunftshalle nach einem Hinweis auf den Abflugsbereich suche – ohne Erfolg. Ich muss den Flughafen verlassen und draußen wartet eine Schar schwarzer junger Männer, die alle ein Geschäft wittern als sie mich sehen. „Hey mister/monsieur/vous etes d’ou/where`re you from/Taxi?“. Beim Versuch sie zu ignorieren, wird einer böse, doch ich meine es ja nicht arrogant, ich will nur weiter, er versteht schließlich und klopft mir noch auf die Schulter. Gut, sich schon mal in Tanger und Marrakesch behauptet haben zu müssen.

Auch die Abflughalle sieht eher aus wie die Busbahnhöfe früher in Südspanien. Keinerlei Hinweisschilder, auch die Monitore an den Eincheckschaltern zeigen nichts an. Dennoch reihe ich mich korrekt ein, wenngleich ich die langsamste aller Schlangen erwische. Endlich bin ich dran und die Dame hinterm Schalter nimmt meinen Reisepass entgegen.

„Ich kann Sie hier nicht finden“, sagt sie nach wenigen Sekunden. Ich sage, das könne nicht sein. Die Agentur in Deutschland habe den Flug am Nachmittag gebucht. „Sie stehen hier nicht. Haben Sie keine Ticketnummer?“ „Nein, aber Sie müssen mich trotzdem mitnehmen“, sage ich mit wachsender Verzweifelung, „Ohne Ticketnummer bekommen Sie keine Bordkarte.“ Sie weist mich an, zu Monsieur soundso von der Firma xyz zu gehen. Sie schickt einen Flughafenmitarbeiter, mir das Büro des Verantwortlichen zu zeigen. Wir müssen in irgendein Nebengebäude, eine enge Treppe hoch, bis wir vor einem verrauchten Zimmer stehen bleiben, in dem sich der betreffende Monsieur gerade im angeregten Gespräch mit drei Landsmännern in traditionellen Kaftanen befindet. Vor mir warten noch drei Reisende. Meine Nervosität wächst sekündlich, doch ich weiß ich kann nichts tun außer warten. Fange ich an laut zu werden, werde ich das Gegenteil erreichen. Schließlich wendet sich der Mann mit dem gestreiften Hemd mir zu und sagt: „Ah, Ticketnummer. Da müssen Sie zu Monsieur soundso. Meine Kollegin zeigt Ihnen den Weg.“. Uns folgt ein Senegalese, der auch Schwierigkeiten beim Abflug hat. Er will über Lissabon nach Carracas. Als wir an den Schaltern vorbeikommen, ruft ihm jemand zu, jetzt habe er ein Ticket. Na toll, warum ich nicht? Und die Dame führt mich wieder raus auf den Vorplatz mit den wartenden Hundertschaften bis zur ein paar schmutzigen Containern gerade gegenüber, wo sie auf einen Mann hinter einer Glasscheibe zeigt, der für mich zuständig sei und sich gerade mit den drei Herren im Kaftan im angeregten Gespräch befindet. Ich habe keine Uhr, weil mein Handy leer ist, aber ich sehe die Minuten wie in einer Sanduhr verrinnen. Ich glaube eigentlich nicht mehr, diesen Flug zu bekommen, der wahrscheinlich der letzte nach Europa sein wird für die kommenden Monate. Ich sehe mich in Westafrika bleiben in irgendeinem Kraal, wenn es gut läuft oder ausgeraubt am Straßenrand. Während ich warte, machen sich ein paar Checker an mich ran, fragen nach Geld, wollen welches wechseln. Einer zeigt mir seinen Armstumpf und bittet um Unterstützung. Außer einem 50 Euro-Schein habe ich nichts mehr. Das sage ich aber nicht, denn sonst öffne ich die Büchse der Pandora, außerdem vermute ich, dass ich damit den Typen hinter der Glasscheibe noch bestechen muss. Endlich verlassen die drei Herren zufrieden mit einigen Tickets den Schalter. Er nimmt meinen Pass und sucht auf seinem Rechner nach irgendetwas, gibt Druckaufträge, aber die Maschine will nicht so richtig funktionieren. Deshalb nimmt er erst mal den Typen hinter mir dran und fachsimpelt mit ihm über die aktuellen Flugzeiten. Einen Telefonanruf reicht er mir unter der Durchreiche durch. Dort ist der Mann aus dem Flughafenbüro dran, der sagt: Schalter 29, hurry up. Aber der bebrillte Typ hinter der Glasscheibe braucht noch weitere Minuten, um dem Computer immer die gleichen Befehle zu geben, die nicht funktionieren. Schließlich kommt er auf die Idee, die Nummer auf einem Zettel zu vermerken. Ich renne los, nicht ohne den Umstehenden Menschen zu danken (wahrscheinlich dass sie mich in Ruhe gelassen haben, denn vor ihnen stand ein gut gemästetes Schwein, mit einem Laptop, einer Spiegelreflexkamera und einem Handy, die wohl mehr Wert waren, als alle zusammen im Jahr verdienen). Leider renne ich zum Ausgang hinein, was mehrere bis an die Zähne verwaffnete Militärs nicht hinnehmen können: „Monsieur. Pas de tout!!“. Auch wenn ich flehe, zum Schalter zu dürfen, weil mein Flug sonst weg ist, besteht der untersetzte Soldat mit dem Schweinegesicht darauf, dass ich wieder hinaus und durch den korrekten Eingang hineingehe. Das dauert wieder eine Minute und als ich schließlich vor dem Check-In stehe, heißt es, der Schalter sei geschlossen. Der Typ, der dort noch steht, will sich nicht erweichen lassen, bis eine Französin, die das ganze Spiel mitbekommen hatte, dem Mann klar macht, dass ich schon vor einer Stunde am Schalter stand und mich an diesem Desaster keine Schuld treffe. Bevor er entscheidet, nimmt seine Kollegin meinen Pass, um mich auf die Flugliste zu setzen. Er murmelt noch etwas von „overbooked“, was mir den nächsten Schweißausbruch beschert, doch schließlich lässt er sich herab, mir meine Bordkarte zu geben. Jetzt muss ich nur noch durch den Zoll, was zum Glück zügig geht, vor allem, weil ich dem Beamten klar machen kann, dass ich mich nur zum Transfer im Senegal aufgehalten habe. …

(Fortsetzung folgt)

Danke, dass ich in Europa bin – selten habe ich das so gefühlt wie jetzt, wo meine Odyssee über die Kontinente vorbei ist. Ein großes ganz unfreiwilliges Abenteuer.

Asche über meinem Haupt

Ich will eigentlich nur weiterfliegen, doch es geht nicht. Von Johannesburg über Frankfurt nach Hamburg: ich habe am Flughafen schon alle Shops abgegrast, als ich – noch vier Stunden Zeit bis zum Abflug –  mal nachsehe, ob ich schon einchecken kann und dann auf der Anzeigetafel neben Frankfurt „cancelled” lese. Hektisch laufe ich im Kreis mit meinen an den Schultern zerrenden Umhängetaschen mit Laptop und Kamera bis ich vor einem Premium-Voyager-Stand von Southafrican Airways anhalte und eine Dame auf das Phänomen hinweise.

„Wegen des Vulkans sind alle Flüge nach Deutschland und England gestrichen”, sagt sie.

„Was für ein Vulkan”, frage ich zurück. Ich denke an den Vesuv oder den Ätna. Die SA-Mitarbeiterin weiß es auch nicht so genau.

Tags zuvor habe ich mir meine Brille beim Versuch auf dem Dach der größten Universität von Namibia in Ondangwa herumzuklettern zerbrochen. An sich bin ich ohne sie recht blind. Doch mir blieb meine Sonnebrille, die ebenfalls geschliffene Gläser zum Ausgleich der Kurzsichtigkeit hat. Na ja, dachte ich mir, sind ja nur noch zwei Tage bis nach Hause, das schaffe ich auch mit der Sonnenbrille.

Doch jetzt, am Flughafen von Johannesburg, wo Wagen mit Koffern hin- und herjagten, Menschen orientierungslos nach irgendwelchen hilfreichen Schildern Ausschau hielten, fühle ich mich mit meiner abgedunkelten Sehhilfe angesichts des langsam zur Neige gehenden Tages ziemlich blind und obendrein noch dämlich wie so ein cooler Fredel, der seine Sunglasses nie abnimmt.

Doch lamentieren hilft wenig, also stolpere ich in Richtung der Flughafenhotels, wo sich freundliche Südafrikaner in tadellosen Anzügen und Krawatten darum bemühen, die halbe Stadt nach Unterkünften abzutelefonieren. Endlich haben sie etwas für uns Wartende gefunden im Nobelstadtteil Sandton und stopfen mich schon ins Taxi, noch bevor ich meinen Koffer vom Flughafen organisieren kann. Den habe ich am Vormittag in Windhoek aufgegeben, wo ich meine Rückreise mit Ziel Hamburg startete.

Was war überhaupt passiert? Aschewolken über Hamburg? Die Stadt verschüttet wie Pompei? Ich rufe meine Frau an, die mir von Island erzählt und auf meine Frage, ob sie nun im Ascheregen stünden nur fröhlich entgegnet: „Nein, hier ist blauer Himmel. Die Kinder spielen im Garten.” Da habe ich wohl übertriebene Endzeitphantasien wie aus einem Roland Emmerich-Film.

Im Hotel das wahre Chaos. Wild gestikulierende und halb verzweifelte Reisende versuchen einchecken und fragen nach neuesten Informationen. Mein Taxifahrer will auch bezahlt werden, ich habe kein Bargeld mehr. Bleibt die Kreditkarte, ich bete, dass sie funktioniert und als die Dame an der Rezeption sie noch mal in den Schlitz schieben muss, sehe ich mich schon auf der Straße liegen, ein bereitwilliges Opfer für diebische Banden, die…. Doch dann rattert die Maschine, das Geld wird abgebucht. Der Fahrer freut sich und wünscht mir Glück. Ein britischer Familienvater sagt, es könne eine Woche dauern, bis man wieder wegkommt. Auf dem Zimmer fange ich erstmal an zu heulen. Wann sehe ich meine Familie wieder?

Ich reiße mich zusammen und rufe meine Frau wieder an, sage ihr, dass alles in Ordnung ist, schließlich habe ich ein Zimmer und bin gesund. Mein kleiner Sohn will mich sprechen und sagt ich soll nach München fliegen und von dort mit dem ICE fahren. Ich habe einen Kloß im Hals und kann nicht sprechen. Er wünscht sich so, dass ich zu seinem Geburtstag nächsten Dienstag da sein werde. Ich verspreche alles dafür zu tun.

Ich überlege, wie sie Menschen früher gereist sind, als es noch keine Flugzeuge und Touristenklassen gab. Eroberer und Missionare kamen mit dem Schiff. Doch das dauert Wochen und ich müsste erstmal an die Westküste. Und der Landweg? Botswana und Mosambique gingen ja noch. Aber Kongo und Sudan? Da könnte ich mich auch direkt aus dem Hotel stürzen.

Waschen kann ich mich nicht, weil mein Koffer fehlt, noch nicht mal Zähne putzen. Außerdem ist alles dunkel, trotz des elektrischen Lichts wegen meiner Sonnebrille. Trotzdem entscheide ich mich mal raus zu gehen in die Edel-Einkaufsmeile am Nelson-Mandela-Platz. Immerhin finde ich einen Geldautomaten, der mir Cash beschert. Das steigert meine Laune ein wenig. Ich versuche es mal ohne Brille, doch ich stolpere genauso und erkenne noch weniger, auch wenn es insgesamt ein bisschen heller ist.

Ich nehme ein paar Bier in  der Hotelbar und erfahre beiläufig, dass SA alle Reisende am nächsten Tag um 11 Uhr zum Airport bringen will. Im Internet finde ich keine Updates. Alles gecancelled.

Auch am nächsten Morgen bemühen sich Lufthansa und Co kaum, aktuelle Infos ins Netz zustellen, also sammeln sich alle Reisenden an den Bussen der Airlines. Ich entschließe mich, mit dem Taxi zu fahren, um vor der Meute da zu sein. Mit Hilfe von Jack, dem freundlichen Fahrer und Vater von vier Kindern, der mit seinen Einnahmen diverse Familienzweige versorgt, bin ich wenig später am OR Tambo-Airport und stelle mich an den Premium-Schalter, auch wenn ich nur ein einfacher Economy-Gast bin. Doch so erfahre ich schneller, wofür andere Stunden in den Schlangen verbringen: es gibt bis auf weiteres keine Flüge. Ich gehe zum Gepäckschalter und tatsächlich, mein Koffer aus Windhoek ist da. Ich fahre mit Jack zurück zum Hotel und buche mich für zwei weitere Tage ein. Ich glaube kaum, dass ich vorher hier wegkomme.

(Fortsetzung folgt)

oliristau

Kapitel 24 – Der dritte Stock

Die Fensterläden waren geschlossen. Das trübe Tageslicht schaffte es kaum in die Tiefe des Raums. Luis saß missgelaunt an einem Schreibtisch, über den sich der künstlich-kalte Schein einer Neonleuchte ausbreitete. Er stierte vor sich hin, ab und zu betrachtete er den Bildschirm des arbeitenden Computers. Einer seiner Untergebenen betrat den Raum.
„Hast du schon Bescheid, ob wir mit dem Wettsystem weitermachen können?”, fragte er. Luis war abwesend und tauchte erst allmählich aus den Tiefen seiner Gedanken auf. Als er Ciegos Stimme hörte, drehte er sich ruckartig wie ein Sekundenzeiger um.
„Die Russen werden sich wohl fürs Erste zurückziehen. Ihnen ist das Geschäft zu heiß geworden. Ernest versucht, seine Partner bei Laune zu halten und setzt alles daran, diesen entlaufenen Sträfling wiederzufinden. Er weiß, dass Esteiner noch in der Stadt ist. Seine Freundin sucht nach ihm. Aber solange der Deutsche frei herumläuft und wir nicht wissen, ob er seine etwaigen Infos der Polizei verraten hat, liegt das Projekt auf Eis.”
„Das ist nicht so gut, Chef. Wir haben viel dafür gearbeitet.”
Ein Zittern durchlief seinen massigen Körper. Luis sah Ciego mit stechenden Augen an: „Ich habt vor allem viel verhindert. Wenn ihr nicht so blöd gewesen wäret, hätten wir alle einen entspannten Deal abschließen können. Aber ihr seid dümmer als die Andreasspalte tief. Eure Väter scheinen euch jeden Rest von Gehirn, mit dem ihr auf die Welt gekommen seid, rausgeprügelt zu haben.”
„Halt”, sagte Ciego grinsend, „du weißt doch, dass du die Pillen brauchst, wenn du dich so aufregst. Welche Spalte übrigens?”
„Bring mir lieber ein Glas Wein, du Trottel, und halt den Mund. Wenn ich nur dran denke, dass ich für euch vor Ernest meinen Kopf hingehalten habe, wird mir jetzt noch übel. Hoffentlich kaufen uns die Russen wenigstens noch den Waffenkatalog und das Vertriebsnetz ab.”
„Ja”, pflichtete ihm Ciego tumb bei. „Und wir haben ja noch den Schweinkram. Der hat ja schon den Deutschen umgehauen, hahaha.”
Luis verzog keine Miene, sondern sah seinen Mitarbeiter angewidert an, als sei er ein schleimiges Untier: „Und wer hat sich dann von der Pornoblase umhauen lassen, na, du Ekelpaket? Geh mir aus den Augen und bring mir endlich etwas zu trinken.”
In diesem Moment klingelte es an der Haustür.
„Wir erwarten niemanden. Lass es klingeln!”
Luis blieb sitzen und wartete auf seinen Wein. Als Ciego ihn brachte, klingelte es erneut. Er hörte, wie Gonzales den Flur hinunterschlurfte.
„Wer ist da?”, fragte dieser. Er schien zuzuhören, dann sagte er: „Einen Moment”, und kam aufgeregt zu Luis gelaufen. „Da ist eine Frau vom Bauamt. Die sagt, sie hätte einen Termin, unsere Wohnung zu überprüfen.”
„Was? So ein Quatsch. Schick sie weg”, befahl Luis unwirsch.
„O.K., Chef”, salutierte Gonzales und lief den Flur zurück. „Wir haben keinen Termin. Gehen Sie!”, rief er durch die geschlossene Tür.
Dahinter brachte sich Gladis in Stellung: „Sie haben von uns eine schriftliche Aufforderung erhalten, uns Zutritt zu Ihren Räumlichkeiten zu gewähren”, sagte sie streng. „Und zwar heute. Wenn Ihnen der Termin nicht gepasst hätte, hätten sie rechtzeitig eine Verschiebung beantragen müssen. Das ist nicht geschehen und deshalb sind wir hier. Und nun öffnen Sie bitte die Tür, damit wir unserer Pflicht nachkommen können.”
Gonzales hatte keine Ahnung, was die Frau wollte. „Also, wir haben wirklich keinen Brief von Ihnen erhalten. Was wollen Sie denn hier?”
„Wir gehen den Verwerfungen auf Barcelonas Wohnungsmarkt nach”, erklärte sie ihm durch die geschlossene Tür. „Die Preise steigen immer extremer. Gleichzeitig häufen sich die Hinweise, dass kriminelle Elemente Wohnungen zweckentfremden, um dort Büros, Spielhallen, Hotels oder Bordells einzurichten. Kurzum: Man hat Sie angezeigt.”
„Was?”, entfuhr es Gonzales. „Das ist doch hier kein Puff mehr. Früher vielleicht, aber heute, nein, nein, warten Sie, ich hol den Chef.”
„Nun machen Sie mal, sonst muss ich die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen.”
Außer Atem kehrte er zu Luis zurück: „Chef, die will nicht gehen und sagt, sie ruft die Polizei. Wir sind angezeigt worden, weil wir hier angeblich einen Puff betreiben.”
„Was redest du da, Gonzales? Du fällst auch auf jeden Unsinn rein. Natürlich muss ich mich wieder darum kümmern.”
Genervt stand er auf und stieß Gonzales beiseite, der vor ihm wie ein Lakai stehen geblieben war. Er durchmaß mit kräftigen Schritten den Flur, dann öffnete er die Tür und baute sich im Türrahmen auf. Vor ihm stand eine kräftige Frau in einer offiziersartigen marineblauen Jacke und einem gleichfarbigen Rock. Die dicken Beine steckten in schwarzen Stöckelschuhen. Resolut hielt sie ihm ihren Ausweis unter die Nase.
„Gladis Vilanova, Baubehörde”, las Luis. ‚Verdammt’, dachte er, ‚die Haie von der Wohnungskontrolle.’ „Was wollen Sie”, fragte er kühl.
Gladis wiederholte, was sie schon der Tür erzählt hatte, und schloss mit der Drohung: „Und machen Sie keine Mätzchen. Sehen Sie diesen Pieper?” – Sie zog ein handyähnliches Gerät aus der Tasche: „Damit kann ich die Polizei verständigen, die sofort und uneingeschränkt meine Aufgaben unterstützen wird.”
Luis stutzte und überlegte. „Was wollen Sie denn genau kontrollieren? Doch nicht etwa unsere Korrespondenzen und Computer? Das sind geheime Daten unbescholtener Bürger. Diese Rechte werden vom spanischen König persönlich geschützt”, versuchte er Eindruck zu schinden.
Gladis blieb unbeirrt: „Darum geht es unserer Behörde nicht. Wir kontrollieren lediglich die Rechtmäßigkeit der Nutzungsart Ihrer Wohnung. Sind Sie der Mieter?”
„Ja”, antwortete Luis, „dann kommen Sie herein.”
Er machte Platz und ließ die Beamtin eintreten. Keine Miene bewegte sich in ihrem Gesicht. Ihre barocke Maske verlieh ihr eine hohe Autorität. Sie sah sich gründlich um und nahm den vollgestellten Flur wahr, von dem zwei Zimmer und die Küche abzweigten. Sie ließ sich den ersten Raum zeigen, bei dem es sich offensichtlich um ein regelmäßig benutztes, normales Schlafzimmer handelte. Das interessierte sie nicht weiter. Dann verlangte sie die Öffnung des Raums, der diesem Zimmer gegenüberlag. Kaum hatten die Schergen die Türe aufgeschlossen, drang ihnen extrem verbrauchte Luft entgegen. Gladis registrierte die ungewöhnliche Bestückung des Zimmers. Es lag eine Matratze am Boden, über die ein Regal mit Büchern gestürzt war. Eine Kaffeetasse lag umgekippt auf dem Linoleum.
„Ist dies das Zimmer, in das Sie Ihre Gäste einsperren?”, fragte sie trocken. Gonzales und Ciego, die hinter Luis nervös von einem auf das andere Bein tänzelten, sahen sich leicht panisch an. Gladis’ geschulter Blick bemerkte diese Reaktion. Luis reagierte gelassen.
„In der Tat. Leider haben wir für Gäste nicht mehr Platz.”
„Nicht mehr Platz”, echoten die beiden Lakaien.
„Und das sind die Eunuchen Ihres Puffs?”, fragte Gladis provokativ.
„Jetzt reicht es aber”, beschwerte sich Luis.
„Wann es reicht, entscheide ich”, sagte Gladis schneidend und mit der maximalen Autorität, die sie in ihre Stimme legen konnte. Die Männer schwiegen beeindruckt. „Wir haben entsprechende Hinweise bekommen, dass Sie einen Deutschen zu Besuch hatten.”
„Der ist schon längst weg”, rief Gonzales schnell dazwischen und Luis warf ihm einen verzweifelten Blick zu.
„Wohin denn?”, bohrte Gladis nach.
„Wissen wir auch nicht”, beeilte sich Gonzales hinzuzufügen, während Luis ihn mit Hass in den Augen anstarrte („Warte ab, bis die Alte weg ist, dann bring ich dich um”). „Der ist einfach gegangen. Wahrscheinlich sitzt er schon wieder in seiner Heimatstadt Hamburg und sonnt sich, haha.”
Gladis sah, wie Luis innerlich platzte, und nahm deshalb an, dass dieser Trottel die Wahrheit sprach. Sie ließ sich von dem übel gelaunten Wohnungsherrn pro forma den Rest der Etage zeigen, dann verabschiedete sie sich, nicht ohne ihnen einen guten Rat mitzugeben.
„Sie sollten mit den Mitmenschen wie Ihren Nachbarn freundlicher umgehen, dann haben Sie im Leben auch mal die Chance auf Zuneigung.”
Grußlos ging sie davon, während die drei ihr mit großen Augen nachsahen, wie sie die Treppen hinunterstöckelte. Dann schlossen sie die Tür, hinter der sich Gonzales auf einiges gefasst machen konnte.
Gladis legte Stufe für Stufe zurück, bis sie die Tür oben ins Schloss fallen hörte. Sie wartete noch eine Minute ab, dann klopfte sie leise an die Tür eine Etage tiefer, wo ihr Núria aufgeregt öffnete. Im Wohnzimmer erzählte sie den versammelten Frauen von der erfolgreichen Befragung.
„Der eine dieser halbseidenen Typen hat sich verplappert. Wie es scheint, war Ihr Freund tatsächlich hier, aber sie haben ihn entweder gehen lassen oder er konnte selbst entkommen. Oben ist eine Kammer, die aussieht wie eine verlassene Gefängniszelle.”
Jeanette ließ sich in einen Sessel fallen und wusste nicht, ob sie erschrocken oder erleichtert sein sollte.

oliristau

Fachzeitung unterbelichtet

Wer öfter diesen Blog besucht, weiß, dass die Autoren hier die Kollegen der schreibenden Zunft gerne kritisch aufs Korn nehmen, wenn sie der unmaßgeblichen Meinung sind, dass das objektive Wort zu kurz kommt.
Da findet man reichlich Munition in den Bleiwüsten dieser Welt.
Ein besonders hervorragendes Beispiel intelligenter und ausgewogener Berichterstattung liefert aktuell die solare Fachzeitschrift “Photon”.  Sie untersucht in Ihrer Märzausgabe die Auswirkungen eines neuen Vorschlags zur Selbstnutzung des Solarstroms, dem so genannten Eigenverbrauch.Das wäre ja eigentlich völlig uninteressant, wenn das Magazin nicht seit Jahren durch gezielte Meinungsmache (ein als Medium erfolgreich getarnter Lobbyverband) gegen den Solarstrom auffallen würde.
Der Bericht transportiert in beeindruckender Weise den ganz außergewöhnlichen ökonomischen Sachverstand der Redaktion. So fällt den Schlaubergern doch tatsächlich auf, dass alle die künftig Solarstrom selbst verbrauchen, keinen Normalstrom mehr bei ihren Versorgern ordern.  Die Stromerzeuger könnten ihren Strom an die Eigenverbraucher nicht mehr verkaufen.  Dem Staat, so die bestechende Logik, entginge infolge die Stromsteuer. Das sei dramatisch für die Rentenkasse, wo die Steuer schließlich landet. Es heißt dort wörtlich: “Wer Solarstrom selbst verbraucht, schadet den Rentern”.
Aber, liebe Redaktion, diese Bösewichter finden sich nicht nur unter den Eigenverbrauchern, sondern unter allen Menschen, die versuchen Strom zu sparen. Jeder, der eine Energiesparlampe verwendet, bringt die Renter um eine gesunde Mahlzeit. Also Leute: Nachtspeicheröfen und Lichter an, dass die Zähler munter Karussell fahren. Das macht unsere Atomkraftwerke dauerhaft rentabel und die Renten sicher. Danke Photon. Hier strahlt eure Unterbelichtung besonders kurzwellig.

Dazu liefert die Postille noch eine auf Klassenkampf setzende Karikatur mit einem meckernden, behinderten Opa und schlecht gelaunten Kindern. Danke Photon für diese Intelligenzleistung. Der Opa ist wahrscheinlich der Herausgeber und die Kinder die Chefredaktion.

Toll, dass die Welt so einfach ist im regensicheren Aachen. Aber man muss auch verstehen, wenn die Kollegen es der Sonne heimzahlen wollen, da sie so selten scheint.
Es  grüßt Sie ganz herzlich Ihr Doc Herzler

Nächste Einträge »